Quo vadis, Literatur? – Themen und Trends beim open mike 2021

Von Pascal Mathéus

Wer wissen möchte, in welche Richtung sich die deutschsprachige Literatur in nächster Zeit entwickeln wird, dürfte beim open mike an der richtigen Adresse sein. Ich hatte in diesem Jahr die Möglichkeit, den Nachwuchswettbewerb als Blogger begleiten zu dürfen. Dabei sind mir ein paar Trends aufgefallen.

Da sag noch einer, die Jugend von heute könne sich nicht mehr konzentrieren, sei ausschließlich eventorientiert und für ernsthafte Angelegenheiten nicht zu haben. Wobei… sagt das eigentlich noch einer? Das kommt ein bisschen darauf an, wie man Jugend definieren möchte. In der Jungen Union etwa darf man bis 35 Mitglied sein. Gilt das noch als jugendlich? Zumindest könnte man auf die Idee kommen, die alten Jugendkritik-Klischees wieder hervorzukramen, wenn man den Politikernachwuchs seit neuestem in weißen Turnschuhen herumalbern sieht.

Auf dem diesjährigen open mike dagegen ging es ziemlich ernst zu. Die Atmosphäre war überaus konzentriert, und es handelte sich zwar durchaus um einen Event – Thomas Wohlfahrt, der Leiter des Veranstalters Haus für Poesie, sprach etwa in seiner Begrüßungsrede davon, der open mike würde in Verlagskreisen mittlerweile als die zweitwichtigste literarische Veranstaltung nach der Frankfurter Buchmesse gelten –, von Pomp, Affektiertheit und großspuriger Inszenierung fehlt jedoch jede Spur. Die Autoren waren überaus freundlich und verbindlich, sämtlich ordentlich angezogen und traten in hohem Maße professionell auf.

Das soll bitte nicht als Kritik missverstanden werden. Sich mit so vielen gleichgesinnten, aus dem gesamten deutschen Sprachraum angereisten jungen Menschen zu versammeln, um drei Tage lang neue Texte und Herangehensweisen kennenzulernen und sich über Literatur, ihren Betrieb und ihre Potentiale austauschen zu können, ist ein großes, ziemlich einmaliges Glück. Die konzentrierte, sachliche Atmosphäre bot dafür die Grundlage. Außerdem spricht sie dafür, wie wichtig allen Beteiligten die Literatur ist. Und wenn die Literatur vielen jungen Menschen lieb und teuer ist, kann das nur eine gute Nachricht sein.

Dennoch könnte man fragen, ob der zuweilen aufkommende Tagungscharakter und die arbeitsame Stimmung sich mitunter auch in wenig lockeren, bisweilen sogar forcierten Texten ausdrückte, die z.B. das Humor- und Unterhaltungspotential von Literatur nicht vollständig ausschöpften (am ersten Tage machte der Text von Kaleb Erdmann, am zweiten der von Peter Thiers eine lobenswerte Ausnahme, forciert unernst – auch das gibt es – war dagegen z.B. der Nihilismus-Text von Philip Hart). Stattdessen zeichneten sich die allermeisten Prosastücke und Gedichte sowohl in Inhalt als auch in ihrer Sprache durch ihr hohes Maß an Ernsthaftigkeit aus.

Woran liegt das? Was könnte der Grund für die beschriebene Stimmung sein? Liegt es an der Bedeutung des open mikesals Kontaktbörse für Autoren und Verlagsmenschen? Glauben die Autoren, sich von ihrer Schokoladenseite zeigen zu müssen, weil sie mit dem Wettbewerb eine Art ein Bewerbungsgespräch absolvieren? Oder hat diese Tendenz doch mit weltanschaulichen Verschiebungen zwischen den Generationen zu tun?

„Es ist kein Zufall, dass die Generation, die die ‚Fridays For Future‘-Bewegung ins Rollen brachte, schon die nächste ist, die Generation Z um die 17 Jahre alte schwedische Schülerin Greta Thunberg. Mit Post-Pragmatismus kann man ihrem eindringlichen Neoidealismus wirklich nicht kommen“, schrieb Jens-Christian Rabe in seiner Kritik zu Leif Randts Roman Allegro Pastell in der Süddeutschen Zeitung. Sind damit Unterschiede zwischen der Generation Y und der nachfolgenden Alltagskohorte adäquat beschrieben? Und ist etwas dran an Rabes Spott über den Idealismus der auf die Straße drängenden Generation Greta? Bei ihm klingt das so: „Wenn es gut läuft, wird der [Neoidealismus] dereinst bloß die Welt retten, aber eher nicht so merkwürdig aufregende Literatur hervorbringen wie Allegro Pastell.“

Dazu würde tatsächlich eine weitere Entwicklung passen, die sich beim diesjährigen open mike beobachten ließ: In etlichen Wettbewerbstexten wurden in diesem Jahre Traumata, Gewalterfahrungen und Krankheiten thematisiert. Es ging um Missbrauch (Ann Esswein und Laura Anton), Misogynie und Antisemitismus (Sebastian Behr), soziale Ungerechtigkeit (Jan Thul) und Missstände im Gesundheitssystem (Henrik Failmezger). Alle diese Texte klagen die herrschenden Verhältnisse an und sind insofern als ‚engagiert‘ zu bezeichnen, als sie sich mutmaßlich als Beitrag zu einer als notwendig empfundenen Veränderung verstehen.

Ärgerlich wird diese Themenwahl nur dann, wenn durch die Platzierung von Leid der Eindruck von Tiefe erzeugt werden soll. Dass dies aber nicht automatisch der Fall ist, ließ sich an einigen Beiträgen erkennen. 

Eine lobenswerte Ausnahme stellte Urin und Blütenhonig von Eva-Maria Dütsch dar. Zwar widmete sich auch dieser Text einer gewaltvollen Ausnahmeerfahrung, verfolgte dabei aber angenehmerweise genuin literarische Ziele. Statt politisch wirksam sein zu wollen, verlegte sich dieser Text nämlich in sprachlich innovativer Weise auf die präzise Schilderung eines durch einen schweren Unfall beschädigten Bewusstseins. Die einzige Schweizer Kandidatin wurde dafür zurecht mit einem Preis ausgezeichnet.

Als Thema praktisch inexistent war dagegen die Liebe. Einzig in den Gedichtvorträgen von Else Schmauch ließen sich Anklänge finden. Währenddessen dominierten in den übrigen lyrischen Beiträgen abstrakte Betrachtungen zur Sprache an sich (Lisa Memmeler) oder schlichte Meditationen über Gegenstände (Paul Jennerjahn). 

Ist Ernsthaftigkeit nun eine mögliche Spielart von Leidenschaft oder ihr ein Stück weit entgegengesetzt? Darüber ließe sich diskutieren. Zumindest ließ mich das Gefühl nicht los, dass das spielerische, übermütige, grenzüberschreitende Potential von Literatur nicht immer ausgeschöpft worden ist.

Darüber hinaus beschäftigen sich auffällig viele Texte in diesem Jahr mit dem Verhältnis der Protagonisten zu ihren Eltern. In gleich zwei Texten des diesjährigen open-mike-Finales, bei Julie Sophia Schöttner und bei Elena Fischer, stellte die Auseinandersetzung mit der Mutter das Hauptmotiv dar. Beide Texte konfrontieren ihre Mütter auffälligerweise erst posthum, so als sei das Gespräch zu Lebzeiten aus irgendwelchen Gründen nicht möglich gewesen (so war es auch schon in der erfolgreichen Erzählung Vom Aufstehen der Bachmannpreisträgerin Helga Schubert). Jan Thuls Erzähler dagegen konfrontierte vor allem seinen Vater, während Laura Anton in einem Abschnitt ihres Textes eine Mutter in dem von ihr beschrieben Dorf in den Blick nahm. Und auch in den Gedichten von Alexander Kappe kam eine Mutter vor, bei der es sich allerdings um ein Reh handelte.

Dass es sich hierbei nicht um einen Zufall handelt, liegt deshalb nahe, weil die auffällige Häufung des Eltern-Motivs mit einer Beobachtung korrespondiert, die Dirk Knapphals vor kurzem in seinem Aufmacher zur Frankfurter Buchmesse in der taz gemacht hat. „Die Hinwendung zu den Eltern ist derzeit ein Trend in der deutschsprachigen Literatur“, stellt Knipphals darin fest.

Woher kommt diese auffällige Häufung von literarischen Elterntexten? Vielleicht lässt sich die Beobachtung mit einem anderen Umstand erklären, der den diesjährigen open mike bestimmt hat: Es handelte sich bei den Finalisten um eine vergleichsweise homogene Gruppe, Migrationserfahrungen spielen insgesamt eher eine geringe Rolle. Gleichzeitig aber boomen Fragen nach Herkunft und Identität in der Literatur der Gegenwart – es reicht vielleicht aus, auf Saša Stanišićs phantastisches, wildes Buch Herkunft zu verweisen, auf Mithu Sanyals rasend komischen Roman Identitti oder auf Streulicht, den eindringlichen Roman der 2016er open-mike-Kandidatin Deniz Ohde

Es erscheint plausibel, dass sich Autoren der Reflexion über den familiären Hintergrund annehmen, wenn die Beschäftigung mit der Herkunft im ethnischen oder geographischen Sinn vergleichsweise wenig Entdeckungspotential verheißt. Dabei gibt es durchaus Potential für neue literarische Erkenntnisse auf unbetretenen Pfaden. Über das Besondere der neuen Elternliteratur schrieb Knipphals in der taz: „Neu ist vielmehr, dass viele der aktuellen Romane eine Begegnung mit den Eltern beschreiben, über alle Fremdheiten zwischen den Generationen hinweg“. Während literarische Texte über die Eltern bislang häufig Abrechnungen waren, gleichen die momentanen Versuche eher einem Gesprächsangebot. Aus dieser Perspektive lässt sich in Zukunft sicher noch viel Spannendes entdecken.

Insgesamt bot der Wettbewerb ein erfreuliches Bild. Denn obwohl sich einige Trends – vor allem handelt es sich dabei wie gezeigt um Motivhäufungen – erkennen lassen, zeichneten sich die Texte des 29. open mikes durch ihre große Vielfältigkeit aus. Eine erfreuliche Abweichung vom insgesamt dominierenden realistischen Paradigma stellte Grit Krügers Text Brauch dar, der die unangenehmen Eigenheiten des Dorflebens durch einen originellen Einfall überspitzt auf den Punkt brachte. Sprachlich am meisten wagte wohl der Lyriker Samuel J. Kramer, der zurecht für seine Gedichte ausgezeichnet wurde. Den dritten Preis erhielt Kathrin Vieregg für ihren Text Cui bono, der zwar inhaltlich nicht viel Neues über das beinahe allgegenwärtige Thema Verschwörungstheorien mitzuteilen hatte, dem Ganzen aber durch die angedeutete Fokusverschiebung auf die verzweifelten Angehörigen von Verschwörungstheoretikern einen neuen Aspekt abgewann.

Ob ernsthaft oder nicht. Um die Zukunft der deutschsprachigen Literatur muss uns nicht bange sein. Ich wünsche allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Wettbewerbs, dass sie ihren Weg machen. 

* * *


Haus für Poesie (Hrsg.): 29. open mike
Allitera 2021
212 Seiten / 14,80 Euro

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Foto: Pascal Mathéus

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