Die Welt wird bunter – Mithu Sanyal: Identitti

Von Pascal Mathéus

Kein Roman atmet mehr Gegenwart als Identitti. Ja, es scheint sogar möglich, dass Menschen in 20 oder 50 Jahren zu diesem Buch greifen werden, wenn sie unsere Zeit verstehen wollen. Ist der Roman deshalb für uns Heutige überfordernd, weil er sich eigentlich an Menschen in der Zukunft richtet? Der Verdacht könnte aufkommen, denn immerhin beschreibt die Hauptfigur Saraswati ihre Wirkabsicht als Professorin genauso. Identitti ist aber keine Überforderung, sondern eine Zumutung. Man sollte sich ihr stellen. 

Eine Studentin namens Nivedita ist die andere Hauptfigur des Romans. Sie hat einen indischen Vater und eine deutsche Mutter. Saraswati gibt ihr die Theorie und die Sprache an die Hand, um mit sich und der eigenen Identität zu Rande zu kommen. Der Shitstorm bricht über sie herein, als herauskommt, dass sich Saraswati eine falsche Identität zu eigen gemacht hat und in Wirklichkeit weiß ist. 

Das einzige, woran es diesem Roman mangelt, ist Eindeutigkeit. Das ist sein größter Vorzug. Die Autorin hat ihre Figuren allesamt mit maximaler Ambivalenz ausgestattet. Durch ihre von Eigennutz und Eitelkeit, von Idealismus und den besten Absichten, aber auch von halbreflektierten und nicht ganz zu Ende gedachten Beweggründen getriebenen Handlungen und Positionen zeigt sich, wie verworren und gar nicht entschieden die Fragen um Teilhabe, Zugehörigkeit und Identität in unseren Tagen sind. 

Dass unsere Welt bunter geworden ist und Gruppen, die vorher wenig präsent waren, nun ihre Stimme erheben, ist ein Faktum, mit dem wir notwendigerweise umgehen müssen. Dies anzuerkennen, nimmt keine Lösung vorweg. Bestenfalls erzeugt eine solche Haltung Neugierde und die Lust, sich auf Gespräche einzulassen, andere Positionen zu ergründen und gemeinsam nachzudenken.

Mithu Sanyals fulminantes Romandebüt ist eine Einladung dazu. Sie wirkt den Verkürzungen entgegen, die einem im Moment in den Meinungsbeiträgen jeder Couleur zum Thema Identität begegnen. Ihr bevorzugtes Mittel sind die Streitgespräche zwischen Saraswati, Nivedita und einigen wichtigen Nebenfiguren aus dem privaten und universitären Umfeld der Protagonistinnen. Man könnte sich an die theologischen Disputationen in Umerberto Ecos Der Name der Rose erinnert fühlen – auch weil Sanyals Dialoge einen ähnlichen Esprit atmen und viele ironische Brechungen aufweisen. Wollte man noch höher ins Regel greifen, könnten einem sogar die platonischen Dialoge in den Sinn kommen. Genau wie dort detaillierte Rahmenerzählungen gegeben werden, die die intensiven Rededuelle nicht bloß schmücken, sondern die diskutierten Themen auf einer anderen Ebene beleuchten, bringt auch die Rahmenhandlung in Identitti die Auseinandersetzung um die Zankäpfel der romaninternen Auseinandersetzungen voran. Die Themen Sexualität, Anerkennung und Freundschaft werden allesamt durch die identitätssensible Brille betrachtet, wodurch sie in ihrer komplexen Abhängigkeit und gegenseitigen Beeinflussung erkennbar werden.

Besonders toll ist Sanyals Verarbeitung der allgegenwärtigen Sozialen Medien für die Debattenkultur der Gegenwart. Durch die Implementierung von Tweets und Posts von zum Teil realen Personen tut sich noch eine zusätzliche Ebene auf, auf der gezeigt wird, wie die Erregungs-, aber auch Weiterentwicklungspotentiale von Debatten durch Twitter, Facebook und Co. gesteuert werden. Allein für die Darstellung dieser Debattenmechanismen würde sich die Lektüre von Identitti lohnen.

Nach der atemlosen Lektüre des Romans drängt sich der Verdacht auf, dass das hoffnungslos komplizierte, nicht selten widersprüchliche Problem Identität überhaupt besser in der Welt der Literatur aufgehoben ist als auf dem Schlachtfeld der Leitartikel. Aber auch das wäre eine Verkürzung. Denn die Erfahrungen von Ausgrenzung, schlechteren Chancen, Machtlosigkeit und Gewalt, mit denen sich Menschen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft zugehörig sind, ausgesetzt sehen, sind real und verlangen nach einer politischen Lösung. Die Literatur reagiert in einer ihrer gegenwärtigen Erscheinungsformen darauf, indem sie politischer wird. Identitti ist sogar ein Nachwort der Autorin beigegeben worden, in dem sie ganz unverblümt politische Forderungen stellt. 

Doch auch ohne diese Wendung ins Politische bleibt Identitti ein beeindruckendes Buch. Wer es liest, wird vielleicht endlich verstehen können, weshalb die Gender- und Postcolonial-Studies eine solche Faszination auf so viele junge Menschen ausstrahlen. Es handelt sich eben nicht um Ideologie, sondern um eine sehr genau bedachte, anspruchsvolle Theorie. Man muss keiner in diesem Roman geäußerten Position zustimmen. Und dennoch muss man anerkennen, dass es neue, alternative Beschreibungen der Welt gibt, dies es wert sind, gehört zu werden.

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Mithu Sanyal: Identti
Hanser 2021
432 Seiten / 22 Euro

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Foto: geralt / pixabay.com

2 Kommentare zu „Die Welt wird bunter – Mithu Sanyal: Identitti

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