Wirrnis, Witz und Wortgeschiebe – Thomas Kunst: Zandschower Klinken

Von Florian Wernicke 

Bengt Claasen trauert. Das Ende einer Beziehung und der Tod seiner Hündin sind zu beklagen. Grund genug fortzugehen, um an einem anderen Ort von vorn zu leben. Dabei dient Claasen das Halsband des verstorbenen Haustiers als schicksalsweisender Kompass. Er will dort von neuem beginnen, wo dieses vom Armaturenbrett seines Autos rutscht. Seinen Fall tritt das Bändchen vor der Ortschaft Zandschow an. Einem Provinznest irgendwo im äußersten Norden Deutschlands. Dort bilden der zentrale Feuerlöschteich, ein paar durchschnittliche Wohnbauten, der lokale Getränkehandel und die überall verstreuten Apfelbäume die karge Realität dieses Ortes. Ähnlich wie die Wissower Klinken – eine Kreidefelsformation auf Rügen, die 2005 in die Ostsee rutschte – scheint dieser Ort Außenstehenden allerdings ins Vergessen geraten zu sein.

Die meisten Bewohner von Zandschow scheinen wie Claasen im Leben nicht richtig Fuß gefasst zu haben. Sie leben zurückgezogen, nach außen nahezu in freiwilliger Isolation, haben dem Rest der Gesellschaft Adieu gesagt. Und doch, in „Zandschow sind die Weichen […] für einen Neustart gestellt“. Den Kollektivalltag kuratiert der einflussreiche Getränkehändler Wolf. Er verpflichtet zu Gemeinschaftsaktivitäten, verwandelt den Löschteich einmal jährlich in eine tropische Lagune und schenkt Käufern seines Bieres eine halbe Stunde der importierten Sonne Sansibars auf der Sonnenbank des Getränkelagers.

Mit der ersten Seite des Buches erfolgt der Eintritt in ein fantasiereiches, fragmentiert erzähltes, humorvolles und in jedem Fall verwirrendes Buch. Kurz nach Beginn der Lektüre gerät das Lesen ins Stocken, stolpern Augen und Gedächtnis über die oft wortgleichen Wiederholungen ganzer Sätze und Abschnitte. Der Gedanke, sich in der Seite vertan, etwas übersehen zu haben, geradezu unaufmerksam gewesen zu sein, drängt sich auf. Es ist eben jene Aufmerksamkeit, die es braucht, um den oft harten Brüchen in der Erzählung, den Abstraktionen und vielen textübergreifenden Andeutungen auf Welt-, Sozial- und Kunstgeschichte, den Zuspitzungen, Übertreibungen und Ergänzungen in den Repetitionen zu folgen. 

Zandschows Bewohner wirken zunächst naiv und realitätsfern. Im Dorf wird die Sonne Tansanias heraufbeschworen, der Löschteich zum Ozean, ein Bauwagen zum U-Bahn-Waggon. Das Ganze könnte einfach albern wirken. Jedoch werden in Zandschow „Freude und Genussfähigkeit, die sich auf Armut und Fantasie gründen“ gelebt. Eine Parallele, die sich durchaus mit der Lebenswelt vieler Menschen vereinen lässt, die durch wachsende gesellschaftliche Ungleichheit zum Improvisieren gezwungen sind und ihre Würde im Klassenvergleich aufrechterhalten wollen. So wird Zandschow zum Schutzraum der dort Lebenden. Gemeinsame Rituale stiften soziale Integrität und wahren den Anschluss an eine reale, kollektiv geteilte Weltwahrnehmung.

Zandschower Klinken ist wie Jazz – komplex komponiert, virtuos inszeniert und sicher nicht nach jedermanns Geschmack. Schließlich verlangt das Buch einiges vom Lesenden: Aufmerksamkeit und Geduld sich ihm zu widmen, die Erzählfragmente zu etwas Verstehbarem zu sortieren. Es sind gerade die Wiederholungen, die einen bei der Lektüre regelrecht in die Gedanken- und Erinnerungsschleifen Claasens geraten und einem den wiederkehrenden Alltag in Zandschow zuteilwerden lassen. Durch das Aushalten des immer Gleichen und der erzählerischen Zerfahrenheit bietet sich den Ausdauernden letztlich doch etwas Zusammenhängendes an. Auf diese Weise wird Zandschower Klinken am Ende doch zur Summe seiner einzelnen Teile und kann wohl auch nur so gelesen werden.

Der Konkurrenz beim Deutschen Buchpreis setzt Thomas Kunst in diesem Jahr sicher ein robustes Stück Differenzliteratur vor. Ob das allein einen Preis dieser Kategorie rechtfertigt, bleibt nach der Lektüre offen. Sicher, Zandschow und seine Bewohner sind klug erdacht, das Konzept in jeder Form ungewöhnlich. 

Und doch überzeugt das Buch auf einer ganz grundlegenden Ebene nicht: der sprachlichen. Der Anspruch des Buches, zugleich avantgardistische Kunstbühne und Verzeichnis des gesammelten historisch-künstlerischen Geheimwissens seines Autors zu sein, wirkt unentschieden und hastig zugleich. Es fühlt sich an, als würde man die quälende Gegenwart des unhaltbar über die hohe Kunst fabulierenden, angeschossenen Germanistikstudis im vierten Semester auf einer Party im Studentenwohnheim erdulden müssen.

So bleibt am Ende doch recht wenig, an das man sich erinnert. Daher verklingen auch die oft lobenden Worte anderer Rezensenten ob der lyrischen Qualitäten des Textes nach längerer Lektüre weitgehend. Wer erfahren möchte, was sich noch zwischen den Seiten verbirgt, der kann Zandschower Klinken selbst aufschlagen und sich darin verirren – „aber in umgekehrter Reihenfolge“.

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Thomas Kunst: Zandschower Klinken
Suhrkamp 2021
254 Seiten / 22 Euro

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Foto: wikipedia.com

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