Entwurzelt – Judith Hermann: Daheim

Von Pascal Mathéus

Braucht man Wurzeln, um fest im Leben zu stehen und die Verhältnisse nach seinen Wünschen gestalten zu können? Dieser Frage geht Judith Hermann in ihrem neuen Buch nach. Lassen sich auch im fortgeschrittenen Alter noch Wurzeln schlagen oder ist ein selbstbestimmtes Leben ohnehin eine niemals einlösbare Utopie? 

„Ich ging los, weil ich nicht mehr darüber nachdenken wollte, ob ich losgehen sollte oder besser nicht.“ Judith Hermanns neuer Roman Daheim ist keine Geschichte von Selbstbestimmung und erfolgreicher Emanzipation. Ihre Heldin ist ein Mensch, der die Zügel nicht fest in der Hand hält, dem die Dinge mehr von außen zustoßen, als dass er sie selbst beeinflussen würde. Sie ist geradezu die Gegenfigur zu Martin Mosebachs Ralph Krass, der in diesem literarischen Frühjahr als der Archetyp des von seiner Omnipotenz überzeugten Machtmenschen vorgestellt wurde. 

Hermanns Protagonistin dagegen ist durch ihren mangelnden Antrieb prädestiniert für die Rolle der Beobachterin. Feinfühlig sieht sie sich selbst zu und legt die Beweggründe für frühere und gegenwärtige Lebensentscheidungen auseinander. Sprachempfindlich hört sie auf die Worte der anderen und ist dabei stets auf der Suche nach Formulierungen, die das Leben angemessen beschreiben und damit letztlich erträglich machten. Doch sich dauerhaft in der Sprache und in der Welt einrichten zu können, scheint ihr nicht vergönnt zu sein. Dazu fehlen ihr, wie sie selbst feststellt, die Wurzeln.

Das gesamte Personal dieses in einem Dorf an der Nordseeküste spielenden Romans besteht aus Menschen, die auf der Suche nach einem Fundament sind. Sie fahnden nach Anknüpfungspunkten für ihre Existenz, sie streben danach, einen Sinn zu erkennen. Oder sie füllen die Leerstellen in ihrem eigenen Dasein mit Ersatzmaterial: Der Bruder der Erzählerin etwa lebt in einem Haus voller Erinnerungen fremder Menschen. Nachdem er in dem Dorf ein Haus gekauft hat, räumte er nur ein Zimmer für sich frei und beließ alle anderen Räume in ihrem ursprünglichen Zustand, sodass sich darin weiterhin nicht nur die verstaubten Möbel der Vorbesitzer befinden, sondern auch ihre Familienfotos und Erinnerungen. Der Exmann der Erzählerin dagegen sammelt sich ein Archiv aus allen möglichen Gegenständen zusammen. Er haust in einem vollgestopften Lager aus Aufgelesenem und will sich mit dieser Sammelwut gegen alle von außen möglicherweise drohenden Gefahren präparieren.

Diese eigentümlichen Wohnsituationen geben gutes ein Beispiel für Judith Hermanns Fähigkeit ab, Bilder zu schaffen, die in Erinnerung bleiben. Neben verzweifelten Versuchen der Emanzipation treten in diesem Roman vor allem Bilder auf, die das Motiv des Gefangenseins variieren. Leitmotivisch tauchen immer wieder Kisten auf, in die Menschen und Tiere eingesperrt werden, in die sie sich aber auch freiwillig hineinbegeben oder in die sie gelockt werden. Hermann lässt diese Bilder unaufdringlich aus den Beschreibungen ihrer Erzählerin entstehen, ohne sie zu deuten. Gerade durch ihre Unaufdringlichkeit – eine Stimmung, mit der sich das Buch auch insgesamt gut beschreiben ließe – entwickeln sie ihre Kraft.

Die Einzige, die mit Bestimmtheit sagen kann, wo sie steht und wo sie hingehört, die sich nicht mit allerhand Zeug ausstaffieren muss, um sich gegen das Leben zu verteidigen und die auch niemandem in die Falle geht, ist die Bildhauerin Mimi. Sie versichert sich ihrer Identität mit Hilfe der lokalen Mythen und durch das nackte Schwimmen im eiskalten Hafenbecken. In Dialogen mit ihr stählt sich auch das Selbstbewusstsein der Erzählerin, wenngleich sie in ihrer Exzentrik auch irritierende Momente wahrnimmt. 

 „Das ist ganz normal. Manche Leute haben Wurzeln und andere eher nicht“, lautet eine schlichte Feststellung von Mimi. Das gilt für die Leute von der Küste genauso wie für die aus der Stadt, zu denen die Erzählerin und ihr Bruder gehören. So wird dem Dualismus von Stadt und Land seine Absolutheit genommen: Landflucht garantiert keine Bodenhaftung, genauso wenig wie die Stadt notwendigerweise Nervenflattern und Haltlosigkeit bedeuten. 

Und dennoch macht die Erzählerin, die aus der Enge der vollgestopften Stadtwohnungen ihres Exmannes in die Weite der norddeutschen Küstenlandschaft geflohen ist, bei ihren Beobachtungen und Begegnungen manch erstaunliche Entdeckung. Dabei entstehen wunderbare, schlichte, scheinbar paradoxe Sätze, über die man lange nachdenken kann: „Hätte ich nicht vor zwanzig Jahren mit Otis von einem Teller gegessen, würde ich es nicht aushalten, zu beobachten, wie Arild den Tisch deckt.“ 

Sich selbst zu verstehen, bedeutet, sich selbst und seine Geschichte zu akzeptieren. Es lohnt sich, in sich hinein zu hören, doch die Antwort auf die Frage „Was soll ich tun“?, wird man dabei nicht erfahren. Man kann nur staunen wie Judith Hermanns Erzählerin, die sich darüber verwundert zeigt, „dass ich tatsächlich immer noch glaube, entscheiden zu können, wer ich sein will und sein könnte.“ Dieser schöne, melancholische Roman lässt einen ganz still werden.


Judith Hermann: Daheim
S. Fischer 2021
192 Seiten / 21 Euro

Foto: ykaiavu / pixabay.com

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