Holz und Vorurteil – Juli Zeh: Über Menschen

‚Über Menschen‘ ist so etwas wie die unzusammenhängende Fortsetzung von ‚Unterleuten‘, was auch der Autorin Anlass gibt, sich auf entsprechende Wortspiele einzulassen. Mit ‚Unterleuten‘ schrieb Juli Zeh 2016 einen großen Gesellschaftsroman über Deutschland 30 Jahre nach der Wende, über Großstadt- vs. Dorfleben, die Energiewende, zwischenmenschliche Beziehungen und aus der Gesamtsumme dieser Faktoren erwachsende Einzelschicksale. Aus einer ähnlichen Ausgangslage heraus entstand auch Zehs jüngstes Werk, mit einem zusätzlichen Faktor: der Corona-Pandemie. Insofern ist der Roman ein höchst zeitgemäßer, der die Leserin verwundert feststellen lässt, dass das Virus offensichtlich schon derart lange alltagsbestimmend ist, dass in der Zwischenzeit Bücher darüber geschrieben und veröffentlicht werden konnten.

Hello darkness, my old friend – Till Raether: Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?

Till Raethers neues Buch handelt „Vom Liegenbleiben und Schämen“. Es ist das ganz persönliche Liegenbleiben, über das er schreibt, eine detaillierte Darstellung des eigenen Leidenswegs auf der Suche nach einem angemessenen Umgang mit seiner Depression. Er reiht sich damit ein in die Riege von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die es sich zum Ziel gemacht haben, Depressionen aus dem Tabu hinaus und mitten in die Gesellschaft zu holen. Das ist lobenswert, aber in manch verkürzender Tendenz nicht unproblematisch.

Familiendemo – Katrin Seddig: Sicherheitszone

„Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“: Wer kennt das Zitat Ödon von Horvaths nicht auch von Postkarten, Sprüche-Kalendern und T-Shirts und hat beim Lesen vielleicht leise gelächelt. Keiner der Charaktere in Katrin Seddigs G20-Roman ‚Sicherheitszone‘ würde solch ein Shirt in der Öffentlichkeit tragen. Von Horvaths Worte scheinen ihnen aber auf die Bretter vor ihren Köpfen geschrieben zu sein. So wie vermutlich den meisten von uns.