Holz und Vorurteil – Juli Zeh: Über Menschen

‚Über Menschen‘ ist so etwas wie die unzusammenhängende Fortsetzung von ‚Unterleuten‘, was auch der Autorin Anlass gibt, sich auf entsprechende Wortspiele einzulassen. Mit ‚Unterleuten‘ schrieb Juli Zeh 2016 einen großen Gesellschaftsroman über Deutschland 30 Jahre nach der Wende, über Großstadt- vs. Dorfleben, die Energiewende, zwischenmenschliche Beziehungen und aus der Gesamtsumme dieser Faktoren erwachsende Einzelschicksale. Aus einer ähnlichen Ausgangslage heraus entstand auch Zehs jüngstes Werk, mit einem zusätzlichen Faktor: der Corona-Pandemie. Insofern ist der Roman ein höchst zeitgemäßer, der die Leserin verwundert feststellen lässt, dass das Virus offensichtlich schon derart lange alltagsbestimmend ist, dass in der Zwischenzeit Bücher darüber geschrieben und veröffentlicht werden konnten.

„‚Gehirn…‘, sagten die Körperfresser immer wieder mit ihren toten Stimmen“– Lola Randl: Die Krone der Schöpfung

Das Virus rast noch immer dahin und die Schriftsteller*innen hinken hinterher. Unter dem wachsamen Auge der Literaturkritik versuchten sie in den vergangenen Monaten, die Pandemie in den Griff zu bekommen, in Coronatagebüchern, -briefen und -blogs. Doxographen gleich hechelten sie der Flut an schon Gesagtem nach, dass das Virus mit sich spülte, während sie es aufzugreifen, zu ordnen und zu bändigen versuchten. Doch für eine zeitlose Erzählung von hoher literarischer Qualität waren sie viel zu nah am Zeitgeschehen, jeder Versuch musste scheitern. Und seien wir ehrlich: Wer will mitten in der Pandemie einen Coronaroman lesen? Die Filmregisseurin und Autorin Lola Randl hat das erkannt und sich dem Virus angepasst.