Ach, was der Mann für’n Künstler war! – Manfred Krug: Ich sammle mein Leben zusammen

Von Pascal Mathéus

Muss man die Tagebücher des Telekom-Werbeonkels und Fernsehtruckers Manfred Krug lesen? Eindeutig ja! Denn Krug war viel mehr. Unter anderem ein begabter Schriftsteller.

Der erste Eindruck war schlecht. Schlägt man den ersten von drei angekündigten Tagebuchbänden Manfred Krugs auf, trifft man schon mal auf Passagen wie „Otti hat zwei Enten gebraten, Paradestücke, wie immer“. Nun hatten wir schon von Krugs Volkstümlichkeit und seiner depardieuhaften Bärennatur gehört, aber wen sollen solche Nachrichten interessieren? Zumal in Zeiten, in denen das von Krug verkörperte Männerideal suspekt geworden ist. 

In einem zweiten Anlauf liest man die Tagebücher der Jahre 1996/97 von vorn und ist bereits nach der Lektüre der ersten Seite mittendrin in der Tragödie eines Menschen, der sich Seite um Seite als großer Idealist, trockener Humorist und vor allem als Künstler zu erkennen gibt. Als solcher strahlt er eine Unabhängigkeit und Würde aus, die sich in einer freiheitlichen Haltung realisiert. Von diesem Standpunkt aus sieht er einerseits klar auf die Biederkeit und das Unrecht, das jenseits der Mauer geschehen ist; in jenem Staat, der ihm im Zuge seines Protests gegen die Biermann-Ausbürgerung erst Auftrittsverbot erteilte und dann ein Jahr später die Ausreise gewährte. In der Bundesrepublik andererseits behielt er den Blick des Außenseiters bei, der deutlicher als die Einheimischen erkennen konnte, welche inhumanen Verrenkungen und Würdelosigkeiten Kapitalismus und kommerzialisierte Mediengesellschaft hervorzubringen geneigt sind. 

Allein diese besondere Perspektive auf die deutsche Gesellschaft der 90er-Jahre würde die Lektüre rechtfertigen. Es gibt aber noch mehr Gründe. So ist kaum zu fassen, was Krug in diesen zwei Jahren neben Tatort-, Werbe- und Liebling-Kreuzberg-Drehs alles erlebte: Sein Doppelleben fliegt auf, sein bester Freund, der Schriftsteller Jurek Becker, stirbt, er selbst erleidet einen Schlaganfall. Bekanntlich reicht es aber nicht aus, ein interessantes Leben zu haben. Damit ein Buch daraus wird, braucht es jemanden, der schreiben kann. 

Das kann Manfred Krug. Seine Sprache ist präzise, ungeheuer ironisch und schont niemanden. Am wenigsten sich selbst. So kommentiert er etwa die Bemerkung einer Bekannten, die sich im Restaurant an seinen Tisch setzt, um ihm zu sagen, dass er „ziemlich häßlich geworden sei“, mit den Worten: „Das ist mir auch schon aufgefallen.“ Lakonie und Humor zeichnen seinen Stil in jedem Satz aus.

Dass wir es mit einer schriftstellerischen Leistung zu tun haben, ist durch die Sprache evident. Es zeigt sich aber auch in den Eintragungen des Tagebuchs, insofern sie etwas über ihre Entstehung berichten. Denn wie Krug am ersten Weihnachtsfeiertag 1997 notiert, hat er die Ereignisse vom 30. Juni – der Tag, an dem er seinen Schlaganfall erlitt –, bis weit hinein in die zweite Jahreshälfte im Nachhinein rekonstruiert. Der titelgebende Satz, „Ich sammle mein Leben zusammen“, hat hierin seinen Ursprung. Und doch merkt man den Einträgen die nachträgliche Bearbeitung nicht an. Vielmehr liest man in ihnen das authentisch wirkende Drama eines singend und sprechend sein Geld verdienenden Mannes, dem die Sprache – und damit sein Leben – abhanden zu kommen droht. Nur Schriftsteller sind zu einer solchen Beglaubigung in der Lage.  

Unbedingt müssen noch Krugs immer wieder eingestreuten Kurzkritiken erwähnt werden: Meistens widmen sie sich Filmen – älteren aus der DDR und jüngeren aus der Bundesrepublik. Seltener äußert er sich auch zu Musik oder Literatur. Egal welche Kunstgattung er jedoch kommentiert, seine Kritiken sind immer fundiert, präzise beobachtet und wahnsinnig unterhaltsam. In wenigen Sätzen produziert Krug am laufenden Band gültige kunstkritische Urteile. Was für eine Überraschung: Krug war ein Kritikergenie, von dem niemand wusste. Vielleicht seine Freunde, denn man kann sich gut vorstellen, dass er auf den vielen Partys, von denen im Tagebuch die Rede ist, die Gäste mit seinen Ansichten zu neuen Filmen und Musik unterhielt. 

Jede Zeile des Tagebuchs macht deutlich: Dieser Mann war zum Künstler geboren. Von der Natur wurde er mit dem nötigen Gespür ausgestattet, das ihn zum Urteil befähigte und niemals die Würde verlieren ließ. Insbesondere wird dies deutlich, wenn er dem oben beschriebenen Manfred-Krug-Männerideal selbstironisch gegenübertritt.

Wir können die Bände 2 (1998/99) und 3 (2000–2003) nun kaum mehr erwarten. Großer Dank gebührt dem Kanon Verlag, der Herausgeberin Krista Maria Schädlich und den Kindern Manfred Krugs, die die Publikation erst ermöglichten. 

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Manfred Krug: Ich sammle mein Leben zusammen. Tagebücher 1996–1997
Kanon 2022
220 Seiten / 22 Euro

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Foto: RitaE / pixabay.com

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