Wenn ich die Welt durch deine Augen seh – Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand

Gelegentlich ist von alten Eheleuten zu hören, die sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen. Das Ehepaar Greilich ist darüber längst hinaus. Sie haben aufgehört, einander zu bemerken. Jan Peter Bremer wirft einen jungen Mann in diese Gemengelage, der die beiden Alten noch einmal in Wallung bringt. Es zeigt sich jedoch rasch: Ihre verkorkste Beziehung kann auch dieses Ereignis nicht mehr retten. Jeder hofft für sich allein.

Grand Hotel Psychoterror – Eugen Ruge: Metropol

„Hast du wirklich geglaubt, es sei unwiederbringlich verschollen? Ich sehe was, was du nicht siehst. Das Spiel hast du mir beigebracht. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist: deine Kaderakte, Charlotte.“ Einen fulminanteren Auftakt für einen Roman gab es selten. In dieser Adresse an seine verstorbene Großmutter lässt der hier in eigener Sache sprechende Autor Ruge gleich zu Beginn vieles anklingen, was ‚Metropol‘ zu einem so atemberaubenden Buch macht. Es ist ein persönlicher Roman, in dem sich Ruge nach ausführlichem Aktenstudium in die Seele seiner sich über ihre Vergangenheit ausschweigenden Großmutter versetzt hat. Dem Wahnsinn des stalinistischen Terrors kommt der Leser dadurch beklemmend nah.

Die besten Geschichten schreibt das Internet – Berit Glanz: Pixeltänzer

Nicht viele Romane tragen der Allgegenwärtigkeit des Internets so gründlich Rechnung wie ‚Pixeltänzer‘. Es gibt heute nicht mehr das Leben auf der einen und das Internet auf der anderen Seite. Beide Sphären durchdringen sich ganz und gar. Berit Glanz’ Debütroman handelt von dieser Verschränkung und von den sich daraus ergebenden veränderten Bedingungen für das Geschichtenerzählen selbst.

Fehlversuch – Simone Lappert: Der Sprung

Eine Kleinstadt befindet sich im Ausnahmezustand. Im erfundenen Schwarzwald-Städtchen Thalbach steht eine junge Frau in grüner Latzhose auf einem Hausdach und wirft mit Ziegeln nach den untenstehenden Gaffern. Der Prolog verrät uns: Sie wird springen. Wie die Gesellschaft sie dazu zwang, erzählt der Roman von Simone Lappert auf ungewöhnliche Weise. Dafür wird die Autorin allseits gefeiert. Nicht von uns.

Drache vs. Großmutter – Saša Stanišić: Herkunft

Wovon handelt ‚Herkunft‘? Von gestern, heute und morgen. Vom Erzählen an Aral-Tankstellen und dem Weissagen aus Nierenbohnen. Von Krieg und Flucht, Friedhöfen und Gräbern, aber auch von der Unbeschwertheit und dem Übermut, den es braucht, um mit freiem Oberkörper lauthals Eichendorff zu rezitieren. Aberwitz und Melancholie sind in fast allen Episoden miteinander vermengt, wobei mal das eine, mal das andere vorherrscht. Das Buch ist von einer sinnlichen und gedanklichen Fülle, an der man sich berauschen kann. Es macht glücklich und tieftraurig.

Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt – Sibylle Lewitscharoff: Von oben

Der Himmel über Berlin ist der Aufenthaltsort des Helden in Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman. Ein unsichtbarer Geist schwebt über der Stadt und sucht die Menschen und Schauplätze auf, die ihm zu Lebzeiten etwas bedeutet haben. Kein Tunnel und kein gleißendes Licht erscheinen dem Verstorbenen. Auch für die Toten gibt es weder Gewissheit noch Ruhe.

Danke Merkel – Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

In seinem neuen Roman erteilt F. C. Delius einem abgehalfterten Wirtschafts-Journalisten mit dem bedeutungsvollen Spitznamen Kassandra das Wort. Ein Tagebuch erscheint ihm als das angemessene Format für seinen Frontalangriff auf die Politik der Ära Merkel. Dabei erinnert er an die alte Weisheit ‚it’s the economy, stupid‘ und warnt eindringlich vor der drohenden ökonomischen Übernahme durch die Chinesen. Im Gegensatz zu Europa verfolge die Volksrepublik eine langfristige Strategie, als deren Ziel der Sieg im Kampf der politischen Systeme erstrebt werde. Die Horrorvision einer ökonomischen Invasion auf Rügen wird zum Antrieb für seine Suada.

Dieses Dorf ist die Hölle selbst – Karen Köhler: Miroloi

Karen Köhlers erster Roman ist das umstrittenste Buch der Saison. Auf der einen Seite wird es vom Verlag als Spitzentitel des Herbstes beworben, wird Twitter überschwemmt von einer Begeisterungsflut glücklicher Leserinnen, die das feministische Buch der Stunde feiern. Auf der anderen Seite steht die Kritik von Jan Drees, der damit eine literaturkritische Generaldebatte auslöste. Drees hält ‚Miroloi‘ für einen banalen Jugendroman, der das Versagen des vor ihm niederknienden Feuilletons beweise. Beide Seiten haben unrecht.

Rasender Rom-Reporter – Simon Strauß: Römische Tage

„Für Dich, Rom“, lautet die Widmung in Simon Strauß’ neuem Buch. Und spätestens jetzt wird klar: Strauß ist es mit seinem Pathos ernst. Nach dem Fluchtversuch in die Sünde folgt nun der in den Sündenpfuhl der Stadt auf den sieben Hügeln. Doch nicht ihre Qualitäten als neues Babylon ziehen Strauß’ Protagonisten an. Vielmehr ist es die Fülle an Erinnerungen und Geschichte, die ihn reizt. Er will sich verbinden mit den vergangenen Jahrhunderten und so der Gegenwart entkommen.