Täter-Opfer-Umkehr – Sylvia Wage: Grund

Von Pascal Mathéus

Jemanden über Jahre im eigenen Keller zu verstecken, ohne dass es irgendwer bemerkt, haben wohl die meisten für unmöglich gehalten. Bis sie die Geschichte von Natasha Kampusch erfuhren. Dass ein Vater seinen Kindern jemals etwas antuen könnte, werden wohl ebenfalls die meisten für unglaublich halten. Auch wenn es andauernd passiert. Und so schauen sie womöglich auch dann noch weg, wenn es sich in ihrem unmittelbaren Umfeld ereignet. Sylvia Wages Ich-Erzählerin hat so etwas erlebt. Indem sie erzählt, wie sich ihre Heldin gegen ihr Schicksal wehrt, protestiert die Autorin eindrucksvoll gegen die Ungerechtigkeit.

Eine finstere Mischung aus Schauermärchen und Rachephantasie von Sylvia Wage wurde letztes Jahr mit dem Blogbuster-Preis ausgezeichnet. Daraus ist ihr Debütroman Grund entstanden – ein erstaunlich reifes und überaus komplex durchdachtes Debüt mit erschütternder Wirkung.

Diese Wirkung ergibt sich vor allem aus einem Einfall der Autorin. Sie betreibt Täter-Opfer-Umkehr – aber von der anderen Seite. Statt den Täter – in diesem Fall einen dreifachen Familienvater – zu entlasten, ermächtigt sie das Opfer. Aber wie. Eine der drei misshandelten Töchter wird selbst zur Täterin, die sich auf erstaunliche Weise an ihrem Peiniger rächt. Auf das ‚erstaunlich‘ kommt es dabei an. Rache ist an sich nicht originell. Sie wird erst dadurch zu einem aufregenden literarischen Motiv, indem sie die Autorin mit dem Wahrheitsmotiv verknüpft.

Die Ich-Erzählerin macht sich den Umstand zunutze, dass den Tätern häufig eher geglaubt wird als den Opfern. Konsequent zu Ende gedacht, würde das bedeuten, dass es überhaupt die einzige Möglichkeit wäre, selbst Täter zu werden, um Gerechtigkeit zu erlangen. In dem Wage ihrer Protagonistin ein schier unglaubliches Verbrechen andichtet, stellt sie die Absurdität dieser Verdrehung heraus. Mit den Mitteln der Literatur, die in einer ihrer Traditionslinien auf die Beglaubigung unfassbarer Ereignisse abzielt, erreicht sie, was in der Realität oft ausbleibt: Das Opfer erhält eine vernehmbare Stimme. Und ihm wird geglaubt.

Die Autorin dreht dieses Rädchen noch eine Stufe weiter, indem sie imaginiert, wie ihre Mutter und ihre Tante zu Komplicen der Erzählerin werden. Nicht nur decken sie ihr Verbrechen, sie stehen ihr auch noch mit Rat und Tat zur Seite, als es eng wird. So verhalten sie sich nicht nur wie manch nahestehende Person eines Gewaltverbrechers, wie manche Mutter, die die Gewalt ihres Mannes verschweigt, sondern üben sich auch noch in weiblicher Solidarität, deren allzu häufige Inexistenz von Feministinnen beklagt wird. Hier lautet die bittere Pointe: Eher in einer reichlich abstrusen Rachephantasie wird sich die Mutter vor ihr Kind stellen als in der Realität.

Sprachlich werden dafür die adäquaten Mittel verwendet. Grund ist ein rasantes Buch mit vielen schnellen Pointen. Die Erzählerin nimmt kein Blatt vor den Mund und ist sich für Feinheiten zu schade. Unter dem Zynismus der Heldin schimmert deutlich wahrnehmbar ihre Verzweiflung durch. Sie leidet darunter, dass solche Gewalttaten immer wieder geschehen und sich die erlittenen Schmerzen nie wieder gut machen lassen. 

Als einzigen Kritikpunkt könnte man eine gewisse Penetranz des titelgebenden ‚Grund‘-Motivs angeben. In ständiger Wiederkehr von allen denkbaren Wortbildungen, über den „Grund des Brunnes“ zu Wendungen wie „zugrunde gehen“ und „im Grunde“ bis hin zu Reflexionen darüber, ob wirklich alles einen Grund habe, den man erkennen könne, und ob damit irgendetwas gewonnen sei. 

Doch gerade die letzte Dimension des Motivkomplexes ist eminent wichtig für die Konstruktion des Romans. Vor allem in den Sitzungen mit ihrer Therapeutin kommt die Heldin immer wieder zu solchen Überlegungen über die Ursachen menschlichen Verhaltens. Die Therapeutin verkörpert dabei etwas stereotyp den rationalen Menschen, der die Dinge in den Griff zu bekommen versucht, was sich jedoch als aussichtsloses Unterfangen herausstellt: „Probleme verschwinden nicht, nur weil man ihren Grund kennt“, hält die Protagonisten ihr entgegen. 

Wie verhält es sich aber, wenn es sich um im Wortsinne unfassbare Taten handelt? In den Worten der Autorin: „Aber welchen Grund hat ein Mensch, seine Kinder zu vernichten, zu zerbrechen, ihnen jedes Ich aus der Seele zu fetzen“. Sylvia Wage hat eine literarische Möglichkeit gefunden, mit diesen unerträglichen Erfahrungen umzugehen.

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Sylvia Wage: Grund
Eichborn 2021
176 Seiten / 20 Euro

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Foto: mh-grafik / pixabay.com

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