Der Begriff „Systemrelevanz“ wird gerade neu definiert. Nachdem der Kulturbetrieb darauf gedrängt hat, genauso wie Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Arztpraxen zur Daseinsvorsorge zu gehören, sind auch die Buchhandlungen wieder offen. Das Buch ja, die Buchhandlung ja, die Literatur ohnehin – doch wie verhält es sich mit dem einzelnen Schriftsteller? Diese Frage stellte Benjamin Quaderer auf Twitter, indem er von seinen Followern wissen wollte, ob sie ihn für systemrelevant hielten. Immerhin 100 „gefällt mir“ meinende Herzen erhielt der Tweet bis heute. Wenn es nicht eine dreiste Anmaßung wäre, könnten wir nun sein Buch zur Hand nehmen und nach sorgfältiger Prüfung über die Systemrelevanz seines Autors entscheiden.
Monat: April 2020
In einem roten Fotoalbum mit ’nem goldenen Knopf – Ulrich Tukur: Der Ursprung der Welt
Nimmt man an, die Geheimnisse der Welt offenbarten sich ganz besonders in der Kunst, dürfte Ulrich Tukur eine besondere Nähe zu ihnen unterstellt werden. Schließlich hat er sich als ein schöpferischer Tausendsassa erwiesen. Er ist nicht nur seit langem ein weithin bekannter und verdienter Schauspieler, sondern unlängst auch ein Vergnügen bereitender Musiker und ein reger Schriftsteller, der die Literaturlandschaft seit den 2000ern mitgestaltet hat. Der Vielkönner Tukur hat das Menschsein umfassend dargestellt, besungen und erzählt, weshalb er bestens gerüstet zu sein scheint, auch die ganz großen Fragen zu stellen: Sein neuer Roman gilt dem Titel nach nichts weniger als dem Ursprung der Welt. Darf man auf tiefere Erkenntnis hoffen?
„Wir saßen in heftiger Harmonie einander gegenüber“ – Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung
„Er ist im Grunde überhaupt kein Erzähler“, urteilte Marcel Reich-Ranicki 1996 über Martin Walser. Der am Bodensee aufgewachsene Autor war damals schon eine lebende Legende: zuerst Mitglied der Gruppe 47, bald Büchner-Preisträger, Starautor der Tendenzwende, vielzitierter Gesellschaftskritiker, Nobelpreisanwärter. Wenn Peter Handke trotz seiner ausserliterarischen Verfehlungen einen Nobelpreis bekommen konnte, was bewahrt dann Martin Walser noch davor, einen zu erhalten? Sein neuestes Buch wird es nicht sein. Es ist zu unbedeutend. Was damals nämlich noch eine gewagte Aussage Reich-Ranickis war, ist inzwischen eingetreten: Walser erzählt nicht mehr, er verfasst in einer wunderbaren Sprache liebliche Büchlein ohne Biss. Und manchmal fällt durch einen lichten Dunst von Sprache ein Schatten von Gewalt. Unser Autor erklärt, warum sein neuestes Werk nicht viel mehr bietet als ein wenig Zerstreuung.
Ein lauwarmer Schrei nach Liebe – Leif Randt: Allegro Pastell
‚Allegro Pastell‘ ist ein merkwürdiges Buch. Obwohl es weder sprachlich noch inhaltlich Außergewöhnliches bietet, hat es in der Literaturkritik heftigste Erregungen ausgelöst. Ijoma Mangold nennt es in der ZEIT „definitiv eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur“ und stellt gar in Aussicht, „eine neue Jugendbewegung“ könne daraus entstehen. Andere Kritiker fühlen sich so sehr von den Figuren der Randtschen Welt provoziert, dass sie ihnen an den Hals wünschen, es mit „Problemen zu tun [zu] bekommen, die nicht alle unmittelbar nur etwas mit ihrer eigenen Empfindsamkeit zu tun haben“. Woher kommt diese Erregung? Was macht diesen Roman so atemberaubend gut – und so verdammt traurig?




