„Wir saßen in heftiger Harmonie einander gegenüber“ – Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung

„Er ist im Grunde überhaupt kein Erzähler“, urteilte Marcel Reich-Ranicki bereits 1996 über Martin Walser. Der am Bodensee aufgewachsene Autor war damals schon eine lebende Legende: zuerst Mitglied der Gruppe 47, bald Büchner-Preisträger, Starautor der Tendenzwende, vielzitierter Gesellschaftskritiker, Nobelpreisanwärter. Wenn Peter Handke trotz seiner außerliterarischen Verfehlungen einen Nobelpreis bekommen konnte, was bewahrt dann Martin Walser noch davor, einen zu erhalten? Sein neuestes Buch wird es nicht sein. Es ist zu unbedeutend. Was damals nämlich noch eine gewagte Aussage Reich-Ranickis war, ist inzwischen eingetreten: Walser erzählt nicht mehr, er verfasst in einer wunderbaren Sprache liebliche Büchlein ohne Biss. Und manchmal fällt durch einen lichten Dunst von Sprache ein Schatten von Gewalt.

Bei der Buchpremiere von Mädchenleben sagte Martin Walser über eine der Figuren: „Es ist nicht alltäglich, dass jemand sich – Entschuldigung – Scheiße ins Gesicht schmiert und die Frau vergewaltigt. Und die Frau versteht das am wenigsten. Aber der Autor findet das interessant. Ich habe mich gerne damit beschäftigt.“ Wir Leserinnen und Leser, die wir unser Kunstverständnis dahingehend geschult haben, zu ahnen, dass Kunst eine Tendenz dazu hat, von der Zivilisation Unterdrücktes und Verdrängtes zu verarbeiten, horchen auf und greifen nach dem Buch.

Der Plot: Bodenseegebiet, frühe 1970er-Jahre, Songs von den Beatles und Rolling Stones in der Luft. Es verschwindet ein dreizehnjähriges Mädchen, Sirte Zürn. Der von dem Mädchen besessene Lehrer Anton Schweiger kommt aus der Untersuchungshaft erst frei, als Sirte wieder auftaucht. Die Ereignisse bewegen Vater Zürn dazu, eine Heiligsprechung seiner Tochter anzustreben. Als Komplize in diesem Verfahren dient ihm Lehrer Schweiger, Untermieter bei den Zürns und fortan Hagiograph von Sirtes Leben. Ihre Vita hält die eine oder andere Monstrosität bereit.

Das Wort „Reich Gottes“ komme im Neuen Testament hundertzweiundzwanzigmal vor, überrascht Sirte an einer Stelle den Erzähler. Sie schwärmt von der Seligen Crescentia, dem Schweizer Nationalheiligen Nikolaus von Flüe, von den Heiligen Laurentius und Stephan. Während so viel vom Heiligen die Rede ist, verhalten sich die beiden Männer, die ihre Heiligsprechung vorantreiben, alles andere als heilig. Vater Zürn vergewaltigt „des Öfteren“ seine Frau und schlägt sie. Sirtes Mutter versucht vergeblich, seinen Launen zu entgehen. Karla, ihre einzige Schwester, vögelt im Hinterzimmer mit ihrem neuen Freund. Ihr Vater schaut zu.

Mara Delius weist zu Recht darauf hin, dass die Rolle des stillen Erzählers Anton Schweiger Parallelen aufweist zu den Beobachtungen von #MeToo-Fällen der vergangenen Jahre. Er sagt nach der U-Haft über sich: „Ich konnte eine Unschuld nachweisen, die ich nicht habe.“ Mit einem sexuell zwielichtigen Erzähler schlagen wir uns bei Walser nicht nur in ‚Mädchenleben oder Die Heiligsprechung‘ herum, sondern auch im Buch davor, Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte (2018) und in Statt etwas oder Der letzte Rank (2017). Weiter zurücksuchen möchte man gar nicht. Man wünscht sich zurück in Zeiten zauberhafter Werke wie Ehen in Philippsburg oder der Novelle Ein fliehendes Pferd.

Walser versteht sein Handwerk: Es gibt so wenig Handlung in seinen neuesten Büchern, dass man seinen Figuren kaum etwas vorwerfen kann. Ja, besser noch: Es wird fast nichts mehr erzählt. Die Figuren schweben als Geistwesen im luftleeren Raum. Selbst Sirte verfügt über so wenig Profil, dass eine Kritikerin sich dazu hinreissen liess, das wenige, das wir über das Mädchen wissen, mit Greta Thunberg zu vergleichen.

Übergriffige Männer (die jüngsten Ereignisse erinnern uns: It’s all about the lyrisches Ich!) und ein lahmer Plot würden es dem Kritiker erleichtern, das Werk zu verreißen, wenn es auch auf sprachlicher Ebene versagen würde. Walsers Prosa ist aber von einer derart berückenden Schönheit geprägt, dass eine große Zeitlosigkeit von ihr ausgeht. Die schönsten Sätze: „Ich blühe vor Schmerz.“ „Eine Leiter aus Wörtern hat jeder in sich, nach oben kein Ende.“ „Kunst ist dazu da, alles schöner zu machen, als es ist.“ – Walsers aus einem Geflecht zusammengefügter Aphorismen bestehende Sprachkunstwerke können genau das: Etwas schöner machen, als es ist. Nicht-Sinnliches wird in sprachlich Übersinnliches gegossen. Walser verfolgt damit weiterhin sein in einem Vortrag an der Universität Heidelberg skizziertes Programm, „etwas so schön [zu] sagen, wie es nicht ist“.

Was bleibt? Das Büchlein besticht durch seine fein ziselierten Sätze. Einzelne davon haben die Kraft, eigene Geschichten zu erzählen. Da Walser auf eine Erzählung verzichtet, verliert sich die Wirkung der Sätze mehr und mehr, löst sich gegen Ende gar in einen Aphorismenwald auf. Ein Großteil von Mädchenleben ist so formlos wie Walsers ganzes Alterswerk. Der Text scheitert: Die Sinnsuche Sirtes verläuft für das Publikum unbefriedigend. Eine Wahrheitssuche ist gar nicht erst angestrebt, Walser flüchtet sich ins Schöne. Das Buch ist zum Weglegen empfohlen.

Sirtes Martyrium trägt die Gattungsbezeichnung „Legende“. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, worin denn das eigentliche Heilwirken Sirte Zürns bestehe. Etwa darin, göttlich inspirierte Texte zu produzieren? Wir wissen aus Mädchenleben, dass Sprache „ganz von selbst zur Erschaffung von so etwas wie Gott“ führt. Tut sich hier Walser mit seiner wunderbaren Sprache ein Himmelstor auf für seine eigene Apotheose? Nach der Lektüre dieses Buches möchten wir ihn lieber zur Hölle schicken.

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