Die Liebe zum Faustschlag – Wolf Wondrateschek: Im Dickicht der Fäuste

Von Veit Lehmann

Kann man in Zeiten der popkulturellen Ironie noch mit vollem Ernst über das Männerboxen schreiben? Sicherlich nicht. Doch Wolf Wondratschek, Journalist, Poet und selber Boxer, tut es dennoch und hat mit Im Dickicht der Fäuste eine Sammlung von Reportagen, Interviews und Gedichten aus 30 Jahren geschaffen, denen Attitüde und Zeitgeist nichts anhaben können.

Wer selbst einmal boxte, bei dem weckt Vom Boxen sogleich alte Erinnerungen: Da war ich wieder. Ein junger Student in einer kleinen Kieler Boxhalle, die von gegorenem Schweiß stank und in der uns Vladimir, unser fast ebenso junger Trainer, die Grundzüge der rauesten aller Sportarten beizubringen versuchte. „Linke Hand auf linke Schulter“, schärfte er uns ein und hob jedes Mal seine rechte Faust. Meinen ersten Sparringkampf musste ich auf allen vieren unterbrechen: Ich hatte meine Kontaktlinse verloren. Niemand lachte. 

Boxen ist ein sehr ernster Sport und nur ein Wolf Wondratschek kann ein ernsthaftes Buch schreiben, dass den Titel Im Dickicht der Fäuste trägt. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Sammlung von Reportagen, Gedichten und Interviews von 1980 bis 2017. Man könnte diese nun im Folgenden einzeln abhandeln, analysieren und in einen inneren Zusammenhang stellen, doch handeln sie eigentlich alle von einem einzigen Thema: Der Liebe des Dichters zum Boxer. 

Zur Liebe gehört, da mache man sich nichts vor, Ästhetik. Selten hat man die Schönheit der geschmeidigen, halbnackten, schrecklichen Männer besser in Gedicht und Bericht gebannt gesehen, und nie las man von der Lust der Ohnmacht, wenn 90 Kilo Körpermasse in einer einzigen Bewegung konzentriert auf das Kinn des eigentlich Unerschütterlichen treffen. Liebe, das ist Metaphysik und dem Schlag wohnt nicht nur ein ästhetischer Wert, sondern auch ein philosophischer inne. Denn hier schlägt in Wirklichkeit nicht die Unkultur die Zivilisation, sondern er vereinigt sie in dem ursprünglichsten, unverfälschtesten Sport, dem Boxen. 

„Liegen oder stehen – das ist die Frage, die in jeder Arena diskutiert wird“, zitiert Wondratschek Sloterdijk gleich dreimal. Liebe, und auch da mache man sich nichts vor, ist zu großen Teilen Selbstliebe, und so verwundert es nicht, dass Wondratschek im größten aller Boxer, Muhammad Ali, einen Poeten in kurzer Hose sieht, dessen Intellekt den Gegner verwirrt, ihn ängstigt und mürbe macht. Wondratscheks Liebe zu Ali ist auf jeder Seite spürbar und wie im echten Leben bleibt die metaphysische Liebe unerreichbar: Eines Morgens passt Wondratschek Ali auf einem Trainingslauf ab und alles, was er bekommen kann, ist ein Blick des Schönen über seine Schulter. Wäre ein Faustschlag nicht besser gewesen?

Frauen haben in dieser Liebe, im Ring und in diesem Buch nichts verloren. Sie tauchen auf als Huren, Freundinnen oder als Schwester des großen Ali. Denn, so lassen sich die Texte auch lesen: als Dokumente ihrer Zeit, als Sittengemälde. Die frühen Reportagen atmen einen Geist von Klassenkampf, Rebellentum und Rocky-Flair, während in den 1990er-Jahren die neuen Hoffnungsträger Henry Maske, Axel Schulz und Vladimir Klitschko gegen die Vereinnahmung durch deutsche Spießbürgerfans und das neu aufkommende Privatfernsehen verteidigt werden. Das ist ihm so gut gelungen, dass sich ab den 2000ern kaum jemand mehr dafür interessiert, wer sich in Chicago schlägt. Und auch Wondratschek scheint sich in der Vergangenheit wohler zu fühlen: Artikel über Joe Frazier oder Muhammad Alis 70. Geburtstag geben sich die Hand.

Manch einer wäre geneigt, in Wondratscheks Berichten einen Entwicklungsroman des Autors erkennen zu wollen, der noch in den 1980ern vom Klassenkampf des „Negers“ gegen den „weißen Mann“ schreibt und es dann irgendwann sein lässt. Doch natürlich beschreibt Wondratschek immer Gesellschaftsklasse und niemals race, wie sie heute wieder ein Comeback erlebt. Vor allem aber beschreibt er sich selbst. 

Wenn schon der Boxer ein Dichter ist, steckt dann nicht im echten Dichter auch ein Boxer? Und ist Wondratschek die Synthese aus Intellekt, Boxen und Männlichkeit? Die Antwort des Autors dürfte nicht schwer zu erraten sein, doch lässt er stattdessen Bertold Brecht, der das Boxen liebte und Ernest Hemingway, der selber schlug, Pate stehen. Es scheint die Versöhnung der Antagonisten Faust und Hirn möglich zu sein, durch die Literatur als Mittler, durch einen virilen Autorentypus. Doch Hemingway erschoss sich und Brecht hatte Mundgeruch. Wie ernst ist das Boxen wirklich zu nehmen?

Wondratschek nimmt es ernst – und er nimmt seine Liebe ernst, und kein spöttisches Ironisieren kann dieser Liebe etwas anhaben; deshalb muss dieses Werk als gelungen bezeichnet werden. Dass es so etwas noch gibt.

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Wolf Wondratschek: Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen. Erweiterte Neuausgabe
Ullstein 2021
288 Seiten / 20 Euro

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Foto: Joel Muniz / unsplash.com

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