„Mehr kann ich nicht“– Dietmar Dath: Cordula killt dich!

Von Matthias Fischli

Cordula Späth stürzt eines Morgens Ende März 1994 aus dem Fenster und verschwindet. War es Selbstmord? Der Erzähler Dietmar Dath begibt sich auf Spurensuche. Der gleichnamige Autor, Meister der Autofiktion und Kommunist, veröffentlicht die Ergebnisse dieser Suche 1995 als Fünfundzwanzigjähriger im neu gegründeten Verbrecher Verlag. Fünfundzwanzig Jahre später legt derselbe Verlag Daths Debütroman frisch auf. Fünf neue Kapitel ergänzen den Klassiker aus den Neunzigern mit einer selbstironisch-nachdenklichen Spitze.

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Diethmar Daths Jugendwerk besticht durch Eigensinn: Katja, Wolfgang, Barbara und Dietmar spüren dem Verschwinden ihrer Freundin nach, der begabten und vermeintlich toten Komponistin Cordula Späth, die am Ende prompt wieder auftaucht (Roman der Auferstehung heißt es unter dem langen und schönen vollständigen Werktitel Cordula killt dich! Oder Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini). Die Suche nach der verlorenen Freundin verarbeitet Dath in ungewöhnlicher Form und in auffälligem Stil. Das kündigt sich schon in den ersten Zeilen an: „Ja! Ziemlich kindlich fällst Du ins erste Kapitel. Vertrauensvorschuß [sic] kannst Du ja geben. Die ersten Worte: Immanuel, Immanuel, Immanuel, Immanuel Kant. (T-e-c-h-n-o: Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Immanuel, bip, Kant, smASSH!) Ich bin 24 Jahre alt. ARRRRRRGGHHHHHHHH!!!!! Ich glaube fast, ich stinke schon. Aber nur fast.“

Zuerst zur ungewöhnlichen Form: Immanuel Kant betritt hier nicht die Bühne, um die Naivität eines vierundzwanzigjährigen Erzählers mit einem grossen Namen zu kaschieren, sondern zur echten Auseinandersetzung mit ihm. Der Erzähler arbeitet sich die folgenden mehr als dreihundert Seiten an philosophischen Theorien seit dem deutschen Idealismus ab und nutzt hierfür das Mittel des literarischen Exkurses. Genauer noch: Es sind salvenartige Wortschwallessays zu Fragen nach dem Verhältnis von Erkenntnis zur Kunst zur politischen Verantwortung von Bürger:innen. Seine Position hat Dath in Romanen, Gedichten, Sachbüchern in unterschiedlicher Form immer wieder ausgeführt und lässt sich in diese allgemeine Formel gießen (Dath, Niegeschichte, S. 22): „Der Verfasser glaubt mit Hegel und Marx, Kunst sei eine Form von Erkenntnis.“

Dath führt weiter aus (Niegeschichte, S. 99): „Kunst bringt kunstspezifische soziale Tatsachen hervor. Die sind nur insoweit objektivierbar, wie sie, subjektiv vermittelt, intersubjektive Wirkungen haben. Die Vermittlung durch das Subjektive bestimmt diese spezifische Intersubjektivität erheblich stärker als bei anderen Erzeugungsweisen von ebenfalls intersubjektiv wirksamem Wissen. Damit will ich sagen, dass die Dirac-Gleichung [Gleichung der Quantenmechanik, Anm. d. Verf.] früher oder später von irgendwem gefunden worden wäre, während ‚Ein Gleiches‘ (1780) wohl niemand geschrieben hätte, wäre das Gedicht nicht Goethe eingefallen.“ Zusammengefasst: Kunst weiß soziale Wahrheiten. Daths Niegeschichte, aus der wir hier zitieren, figuriert als Abhandlung über Science Fiction. Sie gehört zusammen mit Physik, Zombies und Heavy Metal zu den Lieblingsforschungsgebieten des Schriftstellers. Untertitel des bei Matthes & Seitz erschienenen Buches: Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine.

Was ist mit Denkmaschine gemeint? Science Fiction dient Dath wie anderen linken Schriftsteller:innen (v. a. im englischsprachigen Raum, es seien beispielhaft für andere die Ausführungen Donna Haraways in Cyborg Manifesto und Laurie Pennys in Meat Market genannt) als Experimentierfeld zur Erprobung neuer gesellschaftlicher Ideen. Was verbessert die Welt der Zukunft, welche Ideen ließen sich zum Nutzen aller umsetzen, was aber könnte gründlich schief gehen? So wird die Denkmaschine performativ zu einer Veränderungsmaschine.

Nun transportiert Cordula killt dich! keine Science Fiction. Das Buch ist ein Produkt der politisch aufregenden, popukulturell aber etwas drögen Neunzigerjahre. Cordula killt dich! ist keine Veränderungsmaschine. Müssen die fünf neuen Kapitel in der Neuauflage vor diesem Hintergrund gelesen werden? Wir meinen ja. Die Hauptfiguren klagen darin den Autoren und das Werk an, es kommt zum Schuldspruch, das Buch wird dem Henker zugeführt. Wie lautet Anklage? Die Richterin, Cordula Späth, wirft dem Autor vor, mit der Wahl der Form ein Verbrechen begangen zu haben: Das Buch gehöre zu den Produkten der Popkultur, „die damals, Mitte der Neunziger, eine Klammer bilden sollten um einerseits Sachen, die Friseurlehrlinge und Schraubendreherinnen am Band mögen, und andererseits Sachen, die von allen möglichen und denkbaren Menschen irgendwo irgendwann nur Opfern der Hirnzerstörungen an westdeutschen Gymnasien zwischen 1965 und 1985 gefallen konnten“. (Ist es Zufall, dass 1985 mit Patrick Süskinds Parfum ein Roman erscheint, der keine Hirne mehr zerstören soll, weil postmodern?)

Die Richterin erklärt dem Angeklagten – das Beiziehen eines Anwaltes wurde ihm nicht erlaubt – an zentraler Stelle: „‚Wäre es nicht etwas expliziter gegangen? Daß man den Leuten gesagt hätte, also, diese Cordula Späth, die will halt dies und das und jenes, und wenn ihr das auch wollt, dann müsst ihr…‘“ Der Autor hätte sich deutlicher ausdrücken sollen: Keine Verklausulierungen, keine Exkurse in den deutschen Idealismus, keine literarischen Ausflüchte in abwegige Erzählstränge! Viel besser: Handlungsanleitungen für eine bessere Welt! Der Angeklagte reagiert köstlich: Er stottert kryptisch: „‚… ihr habt die Zeit unterschiedlich… aber wir sind alle nicht mehr… tja. Ich habe nicht gewusst, ich konnte es mir nicht vorstellen. […] Ich wusste es nicht. Jetzt weiß ich es. Ich würde es anders machen, und insofern ich weitermache, mache ich es anders.‘ Mehr habe ich nicht. Mehr kann ich nicht.“ Etwas Undenkbares geschieht: Der sonst so beredte Dietmar Dath stottert. Druckst er da gerade vor den absoluten Ansprüchen der eigenen Romanfiguren herum? Das ist so doppelbödig selbstironisch, dass der Angeklagte gar keinen Anwalt braucht: Die Leser:innen übernehmen die Verteidigung. Am liebsten gleich pro domo.

Eine kurze Betrachtung des auffälligen Stils führt uns zum Ende und zu unserem Schlussplädoyer: Daths Prosa ist laut und frech wie die New-Wave-Musik der 1980er, abgehackt und repetitiv. Aber auch das nehmen ihm die eigenen Romanfiguren am Ende übel: Er, der Autor, habe mit seinem fragmentierten und fragmentierenden Stil „‚den lumpenmodernistischen Abdruckbegriff von Wirklichkeitsgestaltung bedient, demzufolge die Kunst kaputt sein soll, weil sie von einer kaputten Welt handelt. Er hat gelogen, um mitzuspielen. Beantragt wird: Aufhängen.‘“

Wir beantragen: Lesen!

* * *

Dietmar Dath: Cordula killt dich! Oder Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini. Roman der Auferstehung
Verbrecher Verlag 2021
360 Seiten / 24 Euro

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Foto: Noah Buscher / unsplash.com

2 Kommentare zu „„Mehr kann ich nicht“– Dietmar Dath: Cordula killt dich!

  1. Mir fällt zum Wichtigtuer Dath auch Goethe ein: „Getretner Quark wird breit, nicht stark.“
    Oder Andersen, „Des Kaisers neue Kleider“ – nur daß in unserem Land leider noch niemand gerufen hat, er hat ja gar nichts an!

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