Das ABC der Anpassung – Dilek Güngör: A wie Ada

Von Pascal Mathéus

Hört das denn niemals auf? Wann werden aus Fremden Einheimische? Und müssen sie das überhaupt? Dilek Güngörs neuer Roman regt Fragen an. Es ist ein kleines Buch, das hier vorliegt, getragen wird es jedoch von einer tiefen Erfahrung.

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Ada ist nicht von dieser Welt. Fremd und abweisend steht sie ihr gegenüber und doch wäre sie so gerne ein Teil von ihr – so wie ihre Freundinnen, die mit Leichtigkeit zu meistern scheinen, was ihr die peinlichsten Probleme bereitet.

Wie die Autorin stammt Ada aus einer türkischen Familie und überhaupt scheinen sie manches gemeinsam zu haben. Schließlich ist Ada zum am weitesten fortgeschrittenen Zeitpunkt des Romans im selben Alter wie Dilek Güngör heute. Und so gelingt es Adas Erfinderen Dilek in ihrem zweiten Roman äußerst präzise, zu zeigen, was es bedeutet, in eine fremde Welt hineingeboren zu werden, wie schwierig diese vielfach beschworene „Integration“ ist, wenn sie von zu Hause untergraben und von der umgebenden Gesellschaft durch Zurückweisung torpediert wird.

Um dies zeigen zu können, hat sie eine für einen Roman recht ungewöhnliche Form gewählt. In teilweise kürzesten Kapiteln werden Szenen aus Adas Alltag erzählt. Ein wenig liest sich das, als stammte es aus einem zoologischen oder ethnologischen Lexikon. Womit man sich hier vertraut machen kann, ist die Lebensweise einer Migrantin.

Verzichtet wird dafür auf lineares Erzählen, es wird nicht einmal eine chronologische Reihenfolge eingehalten, vielmehr springt der zeitliche Fokus hin und her, fängt Szenen aus der Kindheit ein, dann aus dem späteren Erwachsenleben, nur um im nächsten Kapitel zurück ins Studium zu springen. Durch diese Anordnung wird deutlich, wie sich die verschiedenen Lebensphasen gegenseitig prägen. Während in der Schule schon der spätere Lebensentwurf eine Rolle spielt, zeigt sich die berufstätige Frau noch immer von denselben Erfahrungen geformt, die sie früh mit ihrer Umwelt gemacht hat. Es scheint ihr besonders schwer zu fallen, aus diesen Mustern auszubrechen, denn auch das wird durch die springende Chronologie verdeutlicht: Fremdheit prägt alle Lebensphasen; es scheint kein Kraut gewachsen zu sein gegen die Andersartikeit kultureller Erfahrung.

Der vielleicht gravieredste kulturelle Unterschied: Das Konzept Freundschaft scheint in Adas Kreisen nicht zu existieren. Neben den Verpflichtungen für Ehepartner, Kinder und andere Verwandte ist für solch einen sozialen Luxus kein Platz. Diese Codierung macht Ada das Leben schwer wie nichts sonst, denn natürlich will sie Freunde haben, glaubt aber stets, nicht zu genügen, muss sie überhaupt heimlich treffen und bei allen auf Dauer angelegten Annäherungsversuchen versperrt etwas in ihr den Weg. Die herzzerreißenden, um das Thema Freundschaft kreisenden Episoden zeigen, wie weit der Weg zwischen zwei Kulturen sein kann und wie schmerzhaft schwierig der Versuch, die Gräben zu überbrücken.

Es ist eine sehr spezifische Fremdheit, die hier gezeigt wird: das Päckchen, das Einwandererkinder aus einer anderen Kultur auf den Rücken geschnürt bekommen. Aber die Erfahrungen und Neurosen von Ada haben auch eine universelle Seite, die das Mitfühlen und das Verständnis erleichtert für jemanden, der diese Fremdheitserfahrung nicht gemacht hat. Denn es sind auch die in jeder Biographie vorkommenden Schmerzen und Nöte des Abnabelns von der kleinen Welt der Familie und der Anpassungsdruck der Gesellschaft, die Adas Geschichte ausmachen. 

Diese universelle, vom Text selbst mitreflektierte Ebene sorgt zu einem erheblichen Maße dafür, dass man die Schilderungen von Leid und Nöten trotz allem gerne liest – auch weil sich der Text dadurch nicht in einer einseitigen Anklage an die Mehrheitsgesellschaft erschöpft. Es ist eben kein larmoyanter Text, der hier vorliegt, sondern trotz seiner scheinbar einfachen Bauweise sehr kluger, nach allen Seiten offener und durchdachter. Erstaunlich, was dieses schmale Büchlein alles leistet. Dilek Güngörs Stimme dürfte in der deutschen Literatur der Gegenwart keinesfalls fehlen.


Dilek Güngör: A wie Ada
Verbrecher 2024
112 Seiten / 20 Euro

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Foto: Pawel86 / pixabay.com

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