Von Jascha Feldhaus
Was die jungen Jahre als Kind so alles mit sich bringen. Jede und Jeder hat so seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Leben im Hause der Eltern und der unfreiwilligen Nachbarschaft gemacht. Julia Jost schreibt einen Roman darüber, wie es sich als Kind angefühlt hat, die Gegend doch fremder zu erfahren, als es das eigene Leben darin ist.
Ausgangs- und Haltepunkt des Romans ist der Umzug der Familie der Protagonistin, an dem sich verschiedene Erinnerungen der Kindheit anknüpfen. Wir erfahren vom Gratschbacher Hof, dem Gasthaus der Großeltern, in dem sie mit ihrer Familie lebt und nun auszieht, die Welt darin und drumherum. Doch den neuralgischen Punkt des Ortes und der Zeit ihrer Kindheit bildet der Todesfall ihres erst neuen Klassenkameraden Franzi, der bei einem Unfall am Waldhaus im Beisein der anderen Kinder in einen Brunnen fällt und von einem SS-Messer erdolcht wird. „Meine Ehre heißt Treue“ – die Aufschrift dessen schwierige, problematische Vergangenheit noch ganz selbstverständlich konserviert bleibt im Erwachsenen des Dorfes: Ein ungesundes Bewusstsein darüber, dass doch nicht alles schlecht war, traditionelle Werte und Vorstellungen und prägende Weltbilder, die zusammenschweißen.
In Anbetracht dieser Umstände unterläuft die Protagonistin die örtlichen und zeitlichen Umstände ihrer Kindheit und stößt deshalb immer wieder daran an. Sie selbst trägt die Unbeschwertheit der frühen Jahre in die Welt hinaus, trägt kindlich-abstrakte Ängste mit sich herum, hat unbeantwortet Fragen in sich und weiß sehr genau einzuschätzen, wie die Erwachsenen zu beurteilen sind, wie sie sich verhalten. Sie steht immer wieder dem schmatzenden österreichischen Dialekt ihrer Heimat gegenüber, in dem sich die Älteren noch ganz wohlig und sicher bewegen und eine Welt zeichnen, die eben nicht so ihre ist. Die Veränderungen, der Aufstand, der sich seitens der Kinder – hier meist durch ihre ältere Brüder dargestellt –, ausbreitet, stößt auf ganz selbstverständliches Missverständnis, das gar nicht erkannt wird, sondern als Verschiebung, als Unmöglichkeit betrachtet und auch sanktioniert oder rausgeprügelt wird – um diesem vermeidlichen Ungeist auszutreiben.
Die Konstellationen im Kreis der Erwachsenen sind dabei nicht alle geordnet und traditionell. Hier und dort wird das System durch einzelne Personen irritiert, wenn auch die gesponnen Intrigen und Verschwiegenheit untereinander überwiegen. Einzig der Focknhocker unterscheidet sich klar von den übrigen (vor allem Männern). Ihm wird vorgeworfen, sich als Partisane gegen das Dritte Reich verdingt zu haben. Diese Sonderstellung durchzieht seine Gestalt per se; er hängt nicht so tief drin in diesen Verflechtungen, er wirkt deshalb wohl auch offener und freundlicher gegenüber den Kindern. Die zärtlichste Verbindung im Roman ist aber die freundschaftliche, verliebte zu Luca, die Tochter des bosnischen Gastarbeiters Emir am Gratschbacher Hof. Hier spürt und erlebt die Protagonistin eine Nähe, die ihrer Andersartigkeit, ihrer Individualität allen Platz einräumt, den sie sonst nicht erhält. Mit ihr verbringt sie auch die wichtigste Zeit.
Das schicksalsreiche, ausgelieferte Kindheitserleben als eine nötige Selbstvergewisserung: So tritt der Text auf. Julia Jost inszeniert eine glaubwürdige Erzählerin, die die schwierigen Verhältnisse und Konstellationen an einem Ende der Welt nachzeichnet. Es gelingt ihr einen eindrucksvollen Ton zu finden, der es schafft, sich mit der nötigen Distanz, den gewesenen Umständen anzunähern, sie noch einmal anzusehen und damit auch eine Handreiche mitgibt, die für die eigene Rückschau ganz hilfreich sein kann.

Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht
Suhrkamp 2024
231 Seiten / 24 Euro
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Foto: Louisa Schwope
