von Jascha Feldhaus
Wir streiten nicht mehr, wir machen lächerlich, verspotten andere, sprechen unser Urteil und treiben sie vor uns her. Die Sozialen Medien sind zu einer Maschinerie verkommen, die jeden angreifen, der auch nur einen Mü abweicht. Kaum eine Meinung bleibt unkommentiert, alles wird beobachtet, bis sie wieder losschlägt: die Reaktionsmaschine. Rupert Garderer blickt hinein und zeichnet die Entwicklung der Hasskommentare, von Propaganda und Tribunale sozialer Medien nach.
In Reaktionsmaschine werden die destruktiven Mechanismen sozialer Medien nachgezeichnet. Der Autor, Rupert Garderer bedient sich hierfür an literarischen Beispielen, essayistischen Arbeiten und der Kunst, um Entwicklungen aufzuzeigen aber auch Abwehrreflexe zu beschreiben: Melle, Sargnagel, Jelinek, Bisky, Maci. Die Ausarbeitung des Themas ist facettenreich, sie folgt einem Faden, der sich dem digitalen zunächst annähert und immer wieder in Kontakt mit dem Analogen, der Realität gebracht wird, und anhand der Kapitel zusammenhängend durchs Buch führen. Das breite Anmerkungsverzeichnis unterstreicht: Hier wurde genau gearbeitet.
Der virtuelle Raum biete den Menschen ein eigenes Universum an. Die sozialen Medien als abgeschlossener Raum mit eigenen, änderbaren Regeln – ein immer näher an die Kiste, an die Maschine, das Internet heran. Dadurch entstehen separate Räume in denen Tribunale über die Meinungen und Kommentare der anderen herrschen. Recht und Unrecht verlieren hier gewissermaßen an Bedeutung, Realitäten verschwimmen und Urteile werden gesprochen. Doch: die Tribunale sind stehen immer in Abhängigkeit zu den Informationen und Inhalten, die die User einspeisen, wo durch sich alle in diesem Sinne alle verantwortlich machen. Durch Stefanie Sargnagels Reisetagebücher kann Garderer zeigen, wie sich die Effekte und Machtverhältnisse umkehren lassen und mithilfe des Zurücksendens die Absender trifft.
Ganz gleich ob Hasskommentare, Shitstorms oder Propaganda der digitale Raum bietet unablässig Platz für jede Art der Beeinflussung, Beleidigung und Wut. Die Strafverfolgung erscheint dagegen machtlos. So gibt es unterschiedliche Urteile dazu, was Personen sich im Digitalen gefallen lassen müssen. Trolle verstärken die digitalen Prozesse, insbesondere im Politischen. Darüber hinaus führen die Tribunale immer zu eskalierenden Streits, die die Massen begeistern. Biskys Kunst entwirft hier den genauen Vorwurf: Nicht nur die Streitenden, auch alle anderen machen sich zu „Komplizen der Tribunale“.
Rupert Gaderer stellt sich in Reaktionsmaschine. Tribunale sozialer Medien einem interessanten und kaum gegenwärtigeren Thema. Angesichts ernster globaler Verquickungen, den hiesigen Wahlen und Veränderungen sowie der steigenden Präsenz von künstlicher Intelligenz findet man hier einen umfangreichen Überblick zur Gleichzeitigkeit im digitalen Raum. Wer begreifen will, was sich wie verändert hat und die Mechanismen der Macht im Digitalen funktionieren, der sei dieses Buch empfohlen.

Rupert Gaderer: Reaktionsmaschine. Tribunale sozialer Medien
Matthes & Seitz 2026
248 Seiten / 28 Euro
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Foto: fasomocom / pixabay
