Schneeweiße Cola in Acapulco – Zur Sprache der Schizophrenen

Von Ursula Engel

Die Sprache der Schizophrenen entzieht sich der Beurteilung mit unseren hergebrachten Kategorien. Wer genau hinhört, kann in den auf den ersten Blick sinnlos erscheinenden Äußerungen nicht nur das Bedürfnis nach Verständigung und Zuwendung erkennen. Es entstehen mitunter auch Sprachschöpfungen von eigentümlicher Schönheit, die überraschen und berühren. 

Schizophrene Sprache

„Morgenjü, Doktorinse“ begrüßte mich Herr A. gut gelaunt, während Frau B. mich wütend anschrie: „Ich will das nicht, das habe ich dir doch schon tausend Mal gesagt!“ und Herr C. gleichzeitig empört mitteilte: „Zum Röntgen gehe ich nicht, da wird man doch geköpft!“ So oder so ähnlich hörte sich eine Begrüßung auf der Station für chronisch psychisch Kranke an, auf der ich in den 80er Jahren gearbeitet habe. Es war mir meist unmöglich, auf ein derartiges Durcheinander sofort und adäquat zu reagieren, obwohl ich mit den Jahren durchaus vertraut war mit den Eigenarten schizophrener Kommunikation. Ohne sich aufeinander zu beziehen, redeten alle gleichzeitig. Herr A. benutzte eine durch eigenwillige Verzierungen ergänzte Sprache, die zwar ziemlich befremdlich klang, aber immerhin verständlich blieb. Frau B. verwechselte mich offenbar mit irgendeiner halluzinierten Person, während Herr C. fest überzeugt zu sein schien von seiner sehr speziellen Vorstellung der Vorgänge im Röntgenlabor. 

Derartige Schwierigkeiten kennzeichnen schizophrene Kommunikation, die zusätzlich oft noch kompliziert wird durch eine besondere Verwendung der Sprache, wie ich sie jahrelang tagtäglich hören konnte. Diese Sprache mit ihren individuell spezifischen Veränderungen gilt in der Psychiatrie als eines der diagnostischen Kennzeichen der Schizophrenie. Ihr Sinn ist aufgrund ihrer inhaltlichen Umwandlungen oder formalen Neugestaltungen meistens nicht unmittelbar verständlich. Im Folgenden beschreibe ich einige charakteristische Merkmale dieser schizophrenen Sprache, ohne dass ich dabei auf ihre Rolle für die schizophrene Pathologie eingehe. Bei allem Leid, das mit einer schizophrenen Erkrankung der Regel einhergeht, können die mit ihr verbundenen sprachlichen Gestaltungen immer auch als Produkt menschlicher Kreativität gesehen werden.

Das Gewusel auf der Station und das zuweilen lebhafte Gespräch, bei dem kein Gegenüber eindeutig erkennbar war, erschreckten mich und hielten mich auf Abstand, weil ich so wenig davon verstand. Erst mit der Zeit gehörten die zunächst unverständlichen Miteilungen wie selbstverständlich zu meinem Alltag. Die veränderte Sprache hatte ihre beängstigende Wirkung verloren. Sie erschien mir nun sinnvoll, ausdrucksstark und originell.

Rot – ein Gedicht

Schizophrene Sprache fällt in der Öffentlichkeit nicht als solche auf und wird deswegen so gut wie nie wahrgenommen und gehört. Einen seltenen Glücksfall stellte es deswegen Mitte der 60er Jahre dar, dass der schizophrene Dichter Ernst Herbeck begann, seine Gedichte zu veröffentlichten, zunächst unter dem Pseudonym „Alexander“. Herbeck lebte zusammen mit anderen Künstlern, den Malern Johann Hauser, August Walla und Oswald Schirtner im Kunsthaus der psychiatrischen Klinik in Gugging, wo er von dem Psychiater Leo Navratil unterstützt und gefördert wurde. Herbecks Gedichte wurden bald von etablierten Künstlern wie Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Bernard Roth und vielen anderen sehr geschätzt und teilweise weiterverarbeitet. 

Eins seiner frühesten Werke ist das Gedicht Rot.

Rot

Rot ist der Wein, rot sind die Nelken.
Rot ist schön. Rote Blumen und rote.
Farbe dazu ist schön.
Die rote Farbe ist rot.
Rot ist die Fahne, rot der Mohn.
Rot sind die Lippen und der Mund.
Rot ist die Wirklichkeit und der
Herbst. Rot sind manche Blaue Blätter.1  

Das Wissen um Herbecks Schizophrenie beeinflusst gewiss grundlegend die Interpretation seiner Gedichte. Ein wesentliches Merkmal der Schizophrenie ist eine tiefgehende Störung des Ichs und seiner Funktionen, vor allem der Realitätsprüfung. Das bringt es mit sich, dass das Verhältnis zur Realität gestört ist, Wahnideen und Halluzinationen für real gehalten werden. Damit einher geht auch, dass der Zusammenhang von Wort und Bedeutung zerstört ist.

Das Gedicht Rot mag mit der Aufzählung verschiedenster Dinge, die alle rot sind, zunächst einen unbeschwerten, vielleicht sogar heiteren Eindruck machen, obwohl die schwerfällige Einprägsamkeit der Verse dem eher widerspricht. Das Gedicht scheint wie ein Versuch, die Bedeutung des Wortes „rot“ wiederzufinden, sich der Erkenntnis der Realität, an der der Dichter ja zerbrochen ist, wieder zu versichern. Verschiedene Möglichkeiten werden ausprobiert, aber keine genügt, die Bedeutung bleibt unsicher, ihr Zusammenhang mit dem Wort ist verloren. Rot wird auch nicht differenziert gesehen, zum Beispiel nach verschiedenen Farbtönungen oder Bedeutungen unterschieden.

Eine merkwürdige Interpunktion stellt dann schon in der zweiten und dritten Zeile eine unklare Satzkonstruktion her („Rote Blumen und rote. Farbe dazu ist schön.“) und erzeugt dadurch eine erste Irritation. Eine einfache, sehr sicher wirkende Behauptung („Die rote Farbe ist rot.“) hebt sie wieder auf, wird gefolgt von der Benennung zweier intimer menschlicher Körperteile, („rot sind die Lippen und der Mund.“). Wie von dieser Nähe erschreckt folgt ein Rückzug auf zwei abstrakte Begriffe („rot ist die Wirklichkeit und der Herbst.“). Mit der Wirklichkeit ist Herbecks zentrales Problem, das gestörte Verhältnis zur Realität, direkt angesprochen. Wie schockiert von derartiger Direktheit wird die Suche aufgegeben. Das Gedicht endet kurz und schnell – ob insgesamt eher aus Zufriedenheit oder Resignation bleibt dahingestellt –, in einer für schizophrenes Denken typischen irrationalen Kapriole („Rot sind manche Blaue Blätter.“), in der für meine Ohren etwas Triumphales mitschwingt. Bei ihr fehlt allerdings für die korrekte Deklination ein „n“, vielleicht wegen einer aus Angst entstandenen Flüchtigkeit. Das Gedicht überlässt den Zuhörer überrascht, zumindest erstaunt, vielleicht auch amüsiert, sich selber und seinen eigenen Gedanken. Zu Gefühlen oder Überlegungen des Dichters finden sich keine Hinweise. 

Die Sprache des Gedichts fällt abgesehen von ihrem Inhalt nur an einer Stelle durch eine unübliche Satzkonstruktion auf. Seine Metrik ist frei. Sie wirkt dabei nicht nur ungebunden, sondern geradezu ungeregelt und unruhig, was dem inneren Zustand des Schizophrenen entsprechen würde. Dies widerspricht von Anfang an der Vermutung, es könnte sich um ein heiteres Gedicht handeln. Die anaphorische Gestaltung des Gedichts lässt eindringlich einen Vorwärtsdrang spüren, eine Steigerung der Spannung. Not und Verzweiflung werden damit ausgedrückt, die durch den stumpf wiederholten Rhythmus gehalten, vielleicht sogar gefangen werden, bis sich schließlich die abschließende Absurdität als Erlösung einstellt. Eine Erlösung, die gleichzeitig einen Schock auslöst und diese Ambivalenz bestehen lässt.

Schneeweiße Cola

„Schneeweiße Cola in Acapulco“ sagte Herr B. plötzlich sehr leise, aber deutlich in der Gruppe. Er wirkte dabei ganz für sich allein, schien keinerlei Beziehung zu irgendjemandem aufzunehmen. Die Gruppe war ihm wohlvertraut, sie war ein täglich stattfindendes Ritual, an dem alle Patienten und Betreuungspersonen teilnahmen, um die Angelegenheiten des Tages zu besprechen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Seine poetischen Worte waren Herrn B.s erste Äußerung nach monatelangem Schweigen in der Gruppe. Während er sprach, lächelte er geheimnisvoll, verschämt kokettierend. Dazu stand er auf, machte einen flüchtigen Knicks, um dann durch Rückzug in erneutes Schweigen das Ende der Kommunikation zu signalisieren. Ich empfand erstaunte und gerührte Dankbarkeit und hatte die Vorstellung, dies sei so etwas wie der Titel eines fantasiereichen Romans. Die Bedeutsamkeit der Mitteilung was atmosphärisch spürbar, es war etwas Besonderes, dass Herr B. sich mitgeteilt hatte. Der Sinn seiner Worte war jedoch nicht durch den Bedeutungsgehalt der Worte zu erfassen, sondern äußerte sich nur im gleichzeitig averbal mitgeteilten Gefühl: Ich nehme an, dass Herr B., indem er Erwartung und Freude in mir erzeugt hatte, genau dieses Gefühl mitteilen wollte, dass er sich also freudig und erwartungsvoll fühlte. Hatte er endlich gewagt, Hoffnung zu schöpfen? Vielleicht, weil sein Schweigen trotz der Verunsicherung, die es mit sich brachte, ertragen worden war?

Sein Satz wirkte harmonisch und wohlklingend, so dass alle, die ihn gehört hatten, für einen Moment fasziniert innehielten. Er hört sich durch die Alliterationen warm und angenehm an, dabei gleichzeitig interessant. Durch den sanften, geschlossenen Rhythmus klingt die Aussage wie vollendet, obwohl sie keinen kompletten Satz darstellt, sondern eher die Form eines Mottos oder vielleicht einer Überschrift hat.

Seine Bedeutung ist jedoch völlig unklar. Die knappe Sentenz besteht aus einer widersprüchlichen Wortkombination als Bezeichnung für etwas, das es so gar nicht gibt (Cola ist nicht schneeweiß, sondern dunkelbraun). Der Ausdruck ruft im Zuhörer eine Vielzahl von Assoziationen hervor, er könnte eventuell als Metapher verstanden werden für Rauschgift, wozu die Ortsangabe einer mexikanischen Stadt passen würde, die an exotische Abenteuer denken lassen könnte. Allerdings äußerte sich Herr B. zu alldem nicht.

Seine Worte sind als solche klar verständlich und kohärent, sie ergeben eben aber keinen unmittelbaren Sinn. Sie hatten auch keinen erkennbaren sozialen Bezug. Herr B. verweigerte sich sämtlichem Austausch darüber. Man könnte sich erinnert fühlen an die „ecriture automatique“ der Surrealisten, die ja schreiben wollten unter Verzicht auf Verständlichkeit und Sinnkontrolle. So sollten sich unbewusste, traumhafte, assoziative Elemente ausdrücken können, was als Grundlage einer neuen Art der Kreativität dienen sollte. Der Satz des Patienten hat sicher einen unbewussten Sinn. Durch sprachliche Mitteilungen ist er aber nicht herauszuarbeiten, der Patient zog sich wieder in Schweigen zurück. Ein Sinn lässt sich nur vermuten, wenn das im Gegenüber erzeugte Gefühl als Inhalt der Mittteilung von Herrn B. erkannt, also als seine Projektion begriffen wird.

In der Folgezeit entstand sehr langsam eine fragile Beziehung zwischen Herrn B. und mir, durch deren Unterstützung Herr B. langsam anfing, seine Worte mit Bedeutung zu verknüpfen. Die Bedeutung der Worte blieb aber zunächst nur individuell zugänglich, war noch nicht allgemein kommunizierbar. Er saß dann oft schweigend vor meinem Schreibtisch und blickte mich mit großen Augen erwartungsvoll an. Ich fragte ihn etwa: „Wie geht es Ihnen heute?“ Statt zu antworten, stand Herr B. eines Tages auf, nahm ein Buch aus dem Regal, in dem die Gesammelten Werke Anna Freuds mit der Signatur ‚Freu 1 bis Freu 10‘ standen und sagte freudestrahlend: „Freude 8“ Nachdem ich formuliert hatte, dass es ihm offensichtlich ganz gut ging, wenn man das auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen wollte, stellte er lachend fest: „Ja, die Freudenskala!“ Diese Freudenskala benutzte er in der Folgezeit öfter als Gesprächseinstieg. 

Einmal schlug er vor, mir etwas vorzulesen und schlug en Buch auf. „Der Ich und der Ü-berich“ begann er in geheimnisvollem Tonfall und las dann Anna Freuds Text „Das Ich und das Über-Ich“ in veränderter Intonation, mit bedeutungsschweren Gedankenpausen und überraschenden Betonungen, so dass ich den Text nicht wiedererkannte. Ich fühlte mich wie ein Kind, das gebannt dem Märchenonkel im Radio zuhört. Wir hatten beide Freude daran. Für Herrn B. war es wichtig, zu erleben, dass er etwas erschaffen konnte, das einen anderen Menschen interessierte.

So gelang es Herrn B. in kleinen Schritten, seine Worte mit Bedeutung zu füllen oder ihre Bedeutung wieder zu finden. Nachdem lange Zeit ausschließlich für ihn verständlich blieb, was er gefunden hatte, lernte ich in einem langen Prozess mühevoll, den Sinn seiner Mitteilungen zu erkennen und mich so, jedenfalls teilweise, mit ihm zu verständigen.

Flirmsse, Fleutjei, Jü und dreh

Schizophrene erfinden manchmal auch neue Worte. Neologismen kommen auch in der Alltagssprache häufig vor. Seit der Auseinandersetzung mit der Pandemie haben sich viele Worte schnell verbreitet, zum Beispiel „Distanzunterricht“, „Teillockdown“, „Quarantänebrecher“, vorher schon  „Wutbürger“ oder „Willkommenskultur“. Die schizophrenen Neologismen sind individuell bedeutsam und meistens nur durch sehr spezielle Bezüge verständlich. So wurde „Reginate“ zum Namen für Regina und/oder Renate, deren enge Beziehung zueinander aufgefallen war. Schizophrene Neologismen sind manchmal originell und durchaus treffend, finden aber aufgrund ihrer beschränkten, oft nur situativen Verständlichkeit keine allgemeine Verbreitung. Sie zählen in der Psychiatrie als inhaltliche Denkstörung zu den Symptomen der Schizophrenie, sind aber keineswegs spezifisch schizophren. Sie können auch als allgemeiner Ausdruck origineller menschlicher Kreativität angesehen werden. Oft wirken sie skurril oder witzig. Die Surrealisten, und vor ihnen die Dadaisten, haben solche Wortneuschöpfungen gesucht und gesammelt.

Herr A. produzierte zusätzlich Glossolalien, „jü und dreh“ zum Beispiel, was so viel hieß wie „kurz und gut“ oder „zusammengefasst gesagt“. Glossolalien sind Lautäußerungen oder Worte ohne Sinn, die aber den Eindruck einer kohärenten Sprache machen. Sie erinnern damit wiederum stark an Dadaisten oder Surrealisten. Eine von Herrn A. erfundene Wortneuschöpfung war das Wort „Fleutjei“. Seine Bedeutung war nicht festgelegt, es konnte als Füllwort beliebig eingesetzt werden. Das Wort „Flirmsse“ machte mir Herr A. zum Geschenk. Und erläuterte dabei seinen Sinn: Es sei flexibel und vielseitig verwendbar, man könne es aber vor allem in Situationen benutzen, in denen einem sonst eigentlich nichts mehr einfällt. Wenn man zum Beispiel in einer Bäckerei schon fertig sei mit den Einkäufen, auch schon über das Wetter geredet habe und dann so eine merkwürdige Stille eintrete und man nichts mehr zu sagen wisse, könne man einfach sagen: „Flirmsse“!

Diese Worte sind mit der Zeit eingegangen in meinen privaten Wortschatz und werden manchmal auch von meinen Freunden benutzt. So mailt mir meine Freundin: „…weiter nix Neues, fleutjei, Deine S.“

Schizophrene verändern die Sprache auch, indem sie die Worte selbst verändern, sozusagen verzieren. So fragte Herr A. zum Beispiel fröhlich lachend die Sekretärin: „Karinse, biste verlobtse, fleutjei?“  Er benutzte die von ihm sogenannte „moderne Sprache“, die ihm eines Nachts vor seinem Fenster von zwei „irdischen Göttinnen“ – Kremsenju und Kremmelienchen – mitgeteilt worden war. Er hatte sie deutlich gesehen und gehört. Die moderne Sprache entstand durch Anhängen von -se oder -jü an viele Worte. So hieß eben seine morgendliche Begrüßung: „Morgenjü, Doktorinse!“. Diese Ausdrucksweise erinnert an kindliche Spiele zur Erfindung einer „Geheimsprache“, die meistens ohne Mühe zu verstehen ist und die Kinder eher zum Lachen reizt. So reagierten die meisten Leute amüsiert und durchaus freundlich auf Herrn A.s moderne Sprache. So fragte er einmal eine Kassiererin im Supermarkt: „Summenierste-se?“ Die Frau guckte erstaunt, kicherte und antwortete: „Ja, und kauftste-se?“ Bei längeren Ausführungen wird allerdings die dauernde Verwendung der sinnlosen Verzierungen eher als lästig empfunden, durch ihre Zwanghaftigkeit wird sie als Qual deutlich spürbar.

Auch das Wort „andisponieren“ hatte Herr A. erfunden. Es bezeichnete so etwas wie eine nicht ausgesprochene, vielleicht nicht einmal voll bewusste „Anmache“. So konnte Herr A. mich etwa fragen: „Haste mir andisponiert, Doktorinse?“, um zu erfahren, ob ich möglicherweise an ihn denken oder irgendwas von ihm wollen könnte. Ein passendes Wort für so eine Art von Beziehungsaufnahme gab es ja bisher in der deutschen Sprache tatsächlich noch nicht. Ich sehe Herrn A.s Erfindung durchaus als Bereicherung an.

Los Angeles

Herr L. redete äußerst selten. Er erregte nur ab und zu Aufmerksamkeit durch eine aggressive Handlung, wenn er zum Beispiel ohne erkennbaren Grund einen Sessel aus dem Fenster schmiss, der dann kaputt auf dem Rasen davor liegen blieb. In der Gruppe sprach ich, wie üblich, jeden mit seinem Namen an fragte ihn nach seinen Wünschen und Beschwerden. Herr L. ließ sich aber nicht ansprechen, sondern versteckte sich stattdessen hinter einer Säule, von wo aus er nur ab und zu kurz neugierig hervorlugte, mich kurz anguckte und dann mit einem zarten, freundlich-fragend, gedehnt gesungenen „Loohoos Angeles?“ ansprach. Danach zog er sich schnell wieder hinter die Säule zurück, so dass ich ihm nicht antworten konnte, sondern nur einen flüchtigen Blick hatte zuwerfen können. Sanft und sehr vorsichtig hatte er es sekundenlang geschafft, eine Beziehung zu mir aufzunehmen. 

Seine Kontaktaufnahme funktionierte nicht durch klar artikulierte Worte. Sie waren ohnehin kaum zu verstehen. „Loohoos Angeles“ war ein freundlicher Singsang, dessen genauer Wortlaut vielleicht auch weniger wichtig war. Nach dieser unmerklichen Kontaktaufnahme ging er schnell wieder seiner gewohnten Beschäftigung nach: Er hatte die Angewohnheit, stundenlang die Stationstür rein- und rauszugehen, wirkte dabei aufmerksam und konzentriert. Auf diese Weise war er vermutlich mit seiner inneren Problematik beschäftigt: Was war innen, was außen? Was war in ihm und was außerhalb von ihm? Was gehörte zu ihm und was nicht?

Die mit wohlklingender Stimme sehnsuchtsvoll gesungenen Worte erinnern vielleicht deutlicher als die klarer artikulierten Worte der anderen Patienten an das Gebrabbel eines Säuglings. Durch ihre liebende Zuwendung versteht und beantwortet die Mutter dieses Gebrabbel und lässt dadurch einen Dialog entstehen, in dessen Verlauf das Kind über die Jahre langsam lernen kann, Worte zu sprechen. Was kaum zu hören war, erstaunte und rührte mich tief, ohne dass ich es hätte erklären können. Ist Herrn L. damit nicht aber auch eine kreative Verarbeitung seines scheuen Kontaktwunsches gelungen, mit dessen Hilfe er –  ähnlich wie der brabbelnde Säugling – eine positive, vorsichtige, aber dennoch starke Beziehung zu mir herstellen konnte? Und könnte es ihm dadurch nicht vielleicht auch über lange Zeit gelingen, klare Worte zu formulieren? Für dieses Lernen ist der Singsang oder das Gebrabbel eine notwendige Vorstufe.

Sprache als Symptom und Bedeutung der gesprochenen Sprache

Die sehr verschiedenartigen Sprachschöpfungen der Schizophrenen zeugen von origineller Kreativität, die einzigartig ist. Gesprochene Sätze aufgrund inhaltlicher oder formaler Besonderheiten als typisch schizophren in die psychiatrische Nosologie einzuordnen, vertieft möglicherweise die Einsicht in das Krankheitsgeschehen, trägt aber nichts bei zum Verständnis dieser Sätze. Näherkommen kann dem nur eine individuelle Analyse des Sprechers mit seinen originellen Erfindungen, seiner speziellen Auffassung der Realität, seinen Ängsten und Hoffnungen. Auf diesem Wege verliert die Verrücktheit ihren Abstand, sie fühlt sich näher an, vielleicht auch, als gehöre sie tendenziell oder wenigstens manchmal, zu einem selbst. Flirmsse!


1 Ernst Herbecks Gedicht Rot veröffentlichen wir hier mit freundlicher Genehmigung des Residenz Verlags. Dort sind Ernst Habecks Gedichte in dem Band Im Herbst da reiht der Feenwind. Gesammelte Texte 1960–1991, hrsg. von Leo Navratil, © 1992 Residenz Verlag GmbH Salzburg – Wien erschienen.

Gastautorin Dr. Ursula Engel ist Psychoanalytikerin.
Erfahrungen aus ihrer Arbeit hat sie in dem Band
‚Flirmsse – Irre Geschichten aus Spreeblick‘ verarbeite
t.

Foto: wbe1951 / pixabay.com

6 Kommentare zu „Schneeweiße Cola in Acapulco – Zur Sprache der Schizophrenen

  1. Danke für diesen Beitrag. Ich habe noch die Hefte, die ich unter dem Eindruck meiner Psychose von 2019 vollgeschrieben habe, in einer Kiste. Darin gibt es auch so manche Sprachspielerei…

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  2. Das ist ein sehr einfühlsamer Bericht über die Sprache der PatientInnen, der aufgrund der amüsanten und kreativen Wortverwendungen auch angenehm zu lesen ist. Fleutjei!
    Angela Berner

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    1. herzlichen Dank für das Lob, das ja zum Großteil auch den Sprachkünstlern gilt. Sie können sich, genauso wie ich, akzeptiert und verstanden fühlen

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