Dieser Roman ist genauso stressig wie die Welt, in der er entstanden ist. Genauso stressig und genauso zynisch und lustig, verzweifelt und traurig. Der neugegründete Kanon Verlag hat in seinem ersten Programm den weitgehend unbekannten Debüt-Roman von Bov Bjerg neu herausgebracht. Das ist ein Glück, denn Deadline bietet die vielleicht zutreffendste Beschreibung unserer beschleunigten Welt.
Monat: September 2021
Von Frau zu Frau – Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
Eine junge Frau, die von Rostock in das Berlin der 1920er Jahre kommt, ihre Urenkelin die in einem ganz anderen Berlin – dem Berlin von heute – lebt und damit beginnt, ihre Familiengeschichte zu erforschen: Das ist der Stoff des Debütromans der Journalistin Alena Schröder. In ihrer sich über vier Generationen erstreckenden Familiengeschichte erzählt die Autorin von existentiellen Problemen, die individuell und universal zugleich sind.
Pathos und Ironie – Interview mit Thomas Hettche
Die Insel Hiddensee zu verlassen, ist niemals leicht. Dieses Mal war unser Abschiedsschmerz aber besonders heftig. Wir mussten nämlich just an jenem Donnerstag abreisen, auf den der Freitag folgte, an dem Thomas Hettche im Garten des Hauptmann-Hauses aus seinem jüngsten Roman Herzfaden lesen sollte. Zu schade, dass uns das entgehen würde, dachten wir, als wir am Mittwochmorgen Brötchen holen gingen. Doch welch Glück! Vor dem Inselbäcker saß Thomas Hettche Kaffee trinkend und rauchend und fand sich auch noch sogleich dazu bereit, mit uns über Literatur zu sprechen. Er berichtete uns von seinen literarischen Vorbildern, sprach von Ironie und Pathos und von der Komplexität des Erzählens.
Durch die kackbraune Brille – Hans Demmel / Friedrich Küppersbusch: Anderswelt
Mehrere Monate nur Nachrichten vom rechten Rand konsumieren. Das nahm Hans Demmel sich vor. Der Einblick ist gelungen, aber ein Aha-Effekt bleibt aus.
Wie man einen Frosch kocht – Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein
Dem Mythos nach springt ein Frosch, so man ihn in kochendes Wasser wirft, sofort aus dem Topf – während er, wenn das Wasser nur langsam erhitzt wird, keine Fluchtversuche unternimmt, weil er die Temperaturunterschiede nicht bemerkt. In Sasha Marianna Salzmanns zweitem Roman dient als Kochwasser ein korrupter sowjetischer Staat, in dem seine BürgerInnen – Salzmanns ProtagonistInnen – weichgekocht werden, bis nur noch wenig Lebendiges und Ehrlich-Authentisches an ihnen ist. Das titelgebende Tschechow-Zitat ist bittere Ironie, weil die Autorin ausschließlich das Gegenteil umschreibt: Herrlich ist da wenig, beherrscht schon eher. Auch 30 Jahre, nachdem der Ofen ausging, kann das Kochwasser noch salzig genug sein, lähmt es die Frösche noch.
Spät dran und immer noch paternalistisch – Götz Aly: Das Prachtboot
Pünktlich zur Eröffnung des umstrittenen Humboldt-Forums im rekonstruierten Berliner Stadtschloss begibt sich der renommierte Politikwissenschaftler, NS-Historiker und Journalist Götz Aly auf fremdes Terrain und untersucht in seinem neuen Buch Das Prachtboot die Geschichte des deutschen Kolonialismus und musealer Sammlungen in der Südsee. Das Ergebnis überrascht. Leider.
Der Buchbegeisterer – Interview mit Uwe Kalkowski
Uwe Kalkowski ist der Kaffeehaussitzer. Seit 2013 bloggt der leidenschaftliche Leser und Kaffeetrinker unter diesem Namen. Mit seinen betont subjektiven Buchbesprechungen, die oft von atmosphärischen Fotos aus Cafés begleitet werden, ist er zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Literaturblogger geworden. Im Interview mit Aufklappen hat Kalkowski erzählt, was seinen Ansatz von klassischer Literaturkritik unterscheidet und warum Blogs und Feuilleton keine Bedrohung füreinander sind.
Im Auge des Betrachters – Flora S. Mahler: Julie Leyroux
Wer ist Julie Leyroux? In ihrem gleichnamigen Debütroman nähert sich die Autorin Flora S. Mahler dieser Frage, ohne abschließende Antworten zu geben, und entwirft eine im wahrsten Sinne des Wortes kunstvolle Biographie einer faszinierenden, kaum greifbaren Künstlerinnenfigur.








