Feste Nahrung fürs Gewissen – Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Von Florian Wernicke

„Man kann dort am besten Wurzeln schlagen, wo vieles im Boden verrottet.

Jenseits des österreichischen Nirgendwo liegt, auf seine Vertilgung durch ein Erdloch unbekannter Größe wartend, Groß-Einleben. Es ist die Kulisse zu einem Schauspiel um eine Gesellschaft, deren einzige Anstrengung die Bewahrung des kollektiven Glaubens an die eigene moralische Unversehrtheit zu sein scheint. In ihrem Roman vermisst Raphaela Edelbauer die Aktualität und den Sinn heimatfühliger Identitätsversprechen.

Mit der Nachricht über den plötzlichen Tod ihrer Eltern steht die Wiener Physikerin und angehende Professorin Ruth Schwarz vor der Aufgabe, die Beisetzung der Verstorbenen in deren österreichischen Geburtsort Groß-Einleben zu organisieren. Dessen scheinbare Unauffindbarkeit bedroht jedoch die Erfüllung dieses letzten Lebenswunsches. Erst durch die Suche zwischen Erinnerungs- und Gesprächsfragmenten gelingt schließlich die ungefähre Kartierung. Groß-Einleben präsentiert sich als gerade erst dem Mittelalter entfallendes Städtchen pittoresker Beschreibung: Stadtmauer, Marktplatz und Fachwerkhäuser erscheinen in einer der Großstadt unbekannten Reinheit. Das perfekte Idyll und eine würdige Ruhestätte für die Eltern. Wäre da nicht ein Problem: ein alles verzehren wollendes Loch, das der gesamten Stadt mit deren Einverleibung droht. Schnell geraten die Beerdigungspläne angesichts dieser „einigermaßen unfreundlichen Situation“ aus dem Blick. Mit ihnen löst sich auch die Zeit in kaum mehr bestimmbare Erlebnispartikel auf. Die Protagonistin wird Teil der sie umgebenden Ortsgesellschaft und fortan an einem Mittel forschen, die drohende Katastrophe zu verhindern und dabei in die hallenden Grubengänge menschlicher Verdrängungskunst schauen.

Ein Leben in der besten aller möglichen Welten – das scheint Ruth Schwarz mit ihrer Ankunft nach und nach möglich. Würde einem nicht zwischendurch versichert, dass es dort Autos und Handys gäbe und der Ort sogar über eine Glasfaserkabelanbindung verfüge, läge die Vermutung nahe, sich in Mitten einer Märchenlandschaft zu befinden. Die beruhigende Gleichförmigkeit des Lebens in Groß-Einland und mit ihr die Ordnungsliebe seiner Bewohner sorgen für die Erfüllung des Gefühls der Zugehörigkeit. Sie lassen auch Ruth eine neue Heimat finden, die sie von dem jetzt so fernen und getriebenen Leben der Großstadt sicher abzutrennen und in sich aufzunehmen scheint. Verantwortung für das eigene und das Leben der anderen trägt hier zudem noch die Aristokratie: Eine Gräfin wacht, in einer herrschaftlichen Villa residierend, über die Geschicke und Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner.

Doch langsam tritt zu Tage, welche Last unterhalb der Stadt an ihr zerrt: Entstanden aus Gier nach Wohlstand und Raubbau an der Natur, hat das Loch den Zenit seiner dunklen Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus erreicht. Vermutet werden hunderte Ermordete, deren Spuren sich bereits in den Gärten der Nachbarn finden lassen.

Wenngleich zwischen dem Hereinbrechen der Todesbotschaft und dem Erreichen des Marktplatzes von Groß-Einleben 52 Seiten vergehen, ist das zu verrichtende Lesewerk doch gut investierte Zeit. Mit Ruth wird eine von Nervosität und Leistungswillen durch ihre beginnenden 30er gehetzte Frau präsentiert, deren Empfindsamkeit erst mit dem erzwungenen Ausweichen aus dem Stadtleben wieder lebendig zu werden scheint. Die anfänglichen Reisebeschreibungen oszillieren zwischen schlafdeprivierter, lähmender Erschöpfung und den mit biedermeierscher Genauigkeit gezeichneten Natureindrücken. In der szenischen Zusammensetzung eines ruckeligen Super-8-Films gerät das Lesen selbst zu Episoden von Anspannung und einem Sehnen nach Erholung.

Edelbauers Sprache ist reich an Bildern – für Mensch und Natur. Während letzterer jedoch die Fähigkeit zur Wiederherstellung ihrer Kräfte zu eigen zu sein scheint, ist der von der Autorin gezeichnete Mensch zu keiner Zeit in der Lage, sich mit Blick in die Geschichte zu ertragen. Leichter lebt es sich ohne ein beschwertes Gewissen. Es gelingt der Autorin ohne aufdringlichen Duktus, diesen Makel durch Kenntnis betreffender Literatur zu dokumentieren. So kommt man nicht daran vorbei, sich Gedanken aus Robert Schindels Roman Gebürtig oder der schalen Gewissheit Orwell’scher Beobachtung und Kontrolle gegenüber zu sehen.

Sicher gehört die Methapher des schuldbeladenen Abgrunds nicht zu den ganz neuen Bildern Literatur. Erfreulich ist aber, dass nicht die Grube, sondern der Umgang mit ihr den Mittelpunkt der Handlung bildet. Trotz aller Anstrengungen, das Ursprüngliche zu bewahren und die schwierigen Teile der eigenen und der kollektiven Geschichte zu „strecken, schönen und aufzufüllen“, tritt die überdeckte Hässlichkeit durch tektonische Beschleunigung zu Tage. Die vielen Toten hatten „sich im kollektiven Gedächtnis verloren“.

Raphaela Edelbauer vermittelt souveräne Kenntnis über Gegenwart, Geschichte und die in ihr bedeutsamen Literaturen. Auch steht sie mit dem Wesen Mensch in lebendiger Auseinandersetzung. Der Verzicht auf die eine oder andere detaillierte Schilderung einer Umgebung oder die Nutzung immer neuer Sprachbilder wäre dennoch sicher kein Nachteil und hätte dem Buch etwas an Geschwindigkeit geschenkt. Dennoch schafft sie es, ein fesselndes und kurzweiliges Leseerlebnis zu kreieren, dass es einem ermöglicht, die 350 Seiten, ähnlich der Grube auf einmal zu verschlingen.

Das flüssige Land ist viel mehr als die Auseinandersetzung mit der uns umgebenden Natur. Edelbauer hat etwas Grundsätzliches verstanden. Sie findet zeitumspannende Bilder und Worte für das Unaussprechliche und unsere Ohnmacht, dem täglich wachsenden Berg aus menschlichem Zynismus und traditionalistischer Ignoranz noch begegnen zu können. Erinnerung als Akt der Bewusstseinsbildung ist der kluge Gegenvorschlag der Autrorin zu einer im Essentialismus ankernden Nationalidentität. Ein wesentliches Buch, in dieser und jeder anderen Zeit – weil es auf letztere nicht angewiesen ist.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land
Klett-Cotta 2019
350 Seiten / 22 Euro

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