Fehlversuch – Simone Lappert: Der Sprung

Eine Kleinstadt befindet sich im Ausnahmezustand. Im erfundenen Schwarzwald-Städtchen Thalbach steht eine junge Frau in grüner Latzhose auf einem Hausdach und wirft mit Ziegeln nach den untenstehenden Gaffern. Der Prolog verrät uns: Sie wird springen. Wie die Gesellschaft sie dazu zwang, erzählt der Roman von Simone Lappert auf ungewöhnliche Weise. Dafür wird die Autorin allseits gefeiert. Nicht von uns. 

Wer ist Manu, die Frau auf dem Dach? Die Heldin des Romans, könnte die einfache Antwort lauten. In der Tat steht sie, die exzentrische Gärtnerin und selbsternannte Befreierin der Pflanzen von den Fesseln der Blumentöpfe, im Zentrum des Buches. Anders als üblich erfahren wir aber so gut wie nichts aus ihrer eigenen Perspektive. Lediglich der Prolog, ein Satz in der Mitte und der Epilog werden aus ihrer Sicht geschildert. Insgesamt sind das etwa 3 von 331 Seiten. Alle anderen Kapitel sind mit Namen überschrieben, die den Bewohnern von Thalbach zuzuordnen sind. Manche stehen Manu nah – ihre Schwester Astrid und ihr Freund Finn tauchen beispielsweise auf –, andere kennen sie nur beiläufig oder überhaupt nicht, werden aber Zeuge ihres Auftritts auf dem Dach. So wird Manu aus vielen verschiedenen Perspektiven in den Blick genommen. Sie sprengt den Alltag des Provinznests und entzündet damit die vielen schwelenden Konflikte in den Existenzen der Kleinstadtbewohner. 

Der von Lappert erdachte Aufbau des Romans ist innovativ und deshalb zunächst einmal spannend. Zudem verbinden sich Form und Inhalt, wenn im Laufe der Lektüre deutlich wird, dass es vor allem die falschen Vorstellungen der Thalbacher sind, die Manu in ihre ausweglose Situation gedrängt haben. Dass daraus am Ende dennoch kein lesenswerter Roman entsteht, hat andere Gründe. 

Da wären zunächst die Figuren: Das Personal des Romans besteht aus lauter unglaubwürdigen Charakteren, denen aus Originalitätssucht Marotten angedichtet werden. Neben ihrer Beschreibung werden ihre fragwürdigen Ansichten über Beziehungen, die Gesellschaft und das Leben zum Besten gegeben. Die Enge der menschlichen Existenz wird etwa von Manu mit dem ebenso aufdringlichen wie unzureichenden Bild einer eingetopften Pflanze verglichen. Angereichert wird das Ganze mit ein wenig populärer Naturwissenschaft à la Peter Wohlleben und schon steht ihr bemerkenswert eindimensionales Weltbild. Mit eindringlichen Worten erläutert sie es ihrem Freund Finn: „genau so geht es den Pflanzen, die man in Töpfe sperrt. Man isoliert sie. Pflanzen sind sensible Wesen, sie können unterirdisch über die Wurzeln mit einander kommunizieren […]. Sie bilden eine Gemeinschaft, verstehst du?“ Pädagogischer Ehrgeiz und verquaster gedanklicher Wirrwarr sind zusammen sehr schwer zu ertragen. 

Verschärfend hinzu kommt die unerträgliche Abgeschmacktheit der Sprache. Am allerschlimmsten sind die Dialoge. Auf jeder Seite werden leere Phrasen gedroschen: „‚Du meine Güte‘, sagte Maren“. „‚Uns läuft die Zeit davon‘, sagte Ernesto“. „Salome schniefte. ‚Weißt du noch, die Party letzte Woche bei Timo?‘“. Alles klingt so, als sei es direkt aus einer Nachmittagssoap entstiegen. Die Figuren geben ständig diejenige Antwort, die man sowieso am ehesten erwarten würde. Man wird den Eindruck nicht los, all diese Geschichten und diese Sätze schon einmal gehört zu haben. Im Tatort, in Filmen oder Serien, die um 20:15 Uhr im Fernsehen laufen. 

Mit diesen Formaten verbindet das Buch ein weiterer Aspekt: Die Entwicklungen sind genauso vorhersehbar. Pointen versanden, wenn sie sich bereits Seiten vorher ankündigen. Wenn also ein Jugendlicher ein Oben-Ohne-Foto seiner Freundin ins Internet zu stellen droht, welchen Racheplan denkt sich eine Verbündete des Mädchens wohl aus, wenn sie weiß, dass der Typ zu einer bestimmten Zeit immer Übungen an der Reckstange macht? So infantil und so konstruiert wie die Auflösung dieser Schulhofgeschichte ist der ganze Roman. Andere Figuren bekommen ihr Leben etwa dadurch in den Griff, dass sie seltene Überraschungseier-Figuren verkaufen oder ihre Affäre auf dem Balkon aussperren. Was als eine Reihe von Emanzipationsgeschichten angelegt ist, wird durch die Plattheit der Entwicklungen zu einer Farce. 

Die zweite stille Protagonistin des Romans ist Roswitha. In ihrem Café, das auf dem Platz vor besagtem Haus mit der Frau auf dem Dach steht, treffen sich die Thalbacher, um zu sich selbst zu kommen. Bei Roswitha darf jeder sein, wie er ist – noch so ein abgestandenes Bild. Sie und ihr Café bilden den Ruhepol für die vom Leben überforderten Kleinstädter. So verwundert es nicht, dass es auch ihr vorbehalten ist, die moralische Quintessenz des Romans zu verkünden: „Ich meine, wir sitzen hier auf einem zillionenalten Planeten, evolutioniert bis hinter die Ohren, wir trinken Cappuccino und Jägermeister, es gibt kleine ferngesteuerte Autos, in die man sich nicht hineinsetzen kann, es gibt Fingernägel zum Ankleben und Penispumpen und Schnee und Schaukelstühle, es gibt Kanarienvögel und Drohnenkriege und künstliches Apfelaroma, und dann sind wir trotzdem der Liebe ausgeliefert und dem Wunsch, jemandes großes Glück zu sein, wir sind der Müdigkeit ausgeliefert und den Menschen, die uns zur Welt bringen, und ständig müssen wir gegen unseren Hang zur Trägheit ankämpfen, also wenn du mich fragst, so gesamthaft gesehen, ist das Nichtverrücktsein die eigentliche Anomalie.“ 

Das ist gleichzeitig so wirr und so schlicht, dass man den Mund vor Staunen kaum mehr zu bekommt. Die Gedanken, die Sprache, die Figuren: In Der Sprung geht alles durcheinander. Das vielstimmige Konzert erzeugt keinen Wohlklang, sondern einen schiefen Wust aus lauter Lappalien und Ungereimtheiten. Ein Klischee jagt das andere. Es ist hochnotpeinlich und die Lektüre wirklich kaum auszuhalten. 

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