„Menschgemansche“ – Olga Flor: Morituri

Von Jascha Feldhaus

Über die Todgeweihten schreibt Olga Flor in ihrem heute erscheinenden Roman. Dabei begibt sich die Autorin nicht in die Antike, sondern bleibt im gegenwärtigen Österreich irgendwo auf dem Land in einem Dorf, neben dem ein Moor liegt. Im Zentrum der Geschichte steht der stadtflüchtige Maximilian, der sich auch nicht ganz so sicher ist, ob das Landleben ihn in seiner Einsamkeit nun glücklicher macht. Um ihn herum gruppiert sich eine Reihe von Dorfpersönlichkeiten. In ‚Morituri‘ webt Olga Flor die unterschiedlichen Figuren in einen Dorfalltag zusammen. Sie eint, dass sie alle unwissend ihrem Ende entgegenlaufen.

Gerahmt wird die Handlung von Prolog und Epilog, hier wird der Roman in stifterscher Weise in ein Naturbild übertragen, in dessen Abhängigkeit die Geschichte steht: Bis hin zur Erzählerin sammelt sich alles in einem spiegelnden Tropfen, der sich auf dem saftigen Grün eines Laubbaumblattes bildet. Die biedermeierlich anmutende Naturszenerie erweist sich in ihrer dargestellten Ausführung als spannendes literarisches Mittel, das den Symbolwert des Folgenden geschickt betont. Daraus ergibt sich ein Kultur-Natur-Dualismus, wobei das Kulturelle hier unbedingt vom Natürlichen abhängt.

Im Kontext dieser Spannung wird nun eine Dorfgeschichte erzählt, die trotz ihrer Fülle von aktuellen Themen zu keinem Zeitpunkt überladen wirkt. Ähnlich wie es Thorsten Nagelschmidt und Simone Lappert in ihren letzten Romanen angelegt haben, wird hier der Roman in einer gewissen Gleichzeitigkeit erzählt, sodass der Stadtflüchtling Maximilian zwar den Mittelpunkt ausmacht, dieser aber von den anderen Figuren dicht begleitet wird – auf dem Dorf hängt eben doch alles und jeder miteinander zusammen. Während nun auf der Oberfläche ein scheinbar ganz normaler Dorfalltag mit all seinen Beziehungen, Seilschaften und Intrigen erzählt wird, ist dieser in ständiger Gefahr durch den stillen, stets im Hintergrund weilenden natürlichen Protagonisten: das Moor.

Wie ist Maximilian da hineingeraten? „Eigentlich konnte er sich gar nicht mehr daran erinnern, was ihn überhaupt aufs Land getrieben hatte“, äußert er einmal. Und später nochmals: „Warum er überhaupt aufs Land gezogen war, hatte er doch kaum eine Beziehung dazu?“ Nun findet er sich jedenfalls alleine, ohne Arbeit und ohne Freundin wieder. Auch seine Tochter Ruth weiß nicht so recht, was sie mit seiner neuen Situation anfangen kann.

Dieser bekannten und wenig spektakulären Ausgangssituation begegnet Olga Flor mit einer unerwarteten Wende:  Maximilian nimmt – und daran schließen sich die Erzählungen der weiteren Protagonisten an – an einem biomedizinischen Projekt teil, das das neu errichtete Good Life Center in erster Versuchsphase durchführt: die „Parabiose“. Er und Maurice – ein junger afrikanischer Mann, der für diesen Versuch hergebracht wurde – werden miteinander über einen Bluttransfusionsschlauch verbunden, um dem Altern mit jüngerem Blut entgegenzuwirken. Dieses fragwürdige Unterfangen bereitet den beiden aber allerlei Raum für die ganz großen Gedanken und Lebensfragen, die allesamt unbeantwortet bleiben: „Und hatte das Einfluss auf sein Gehirn? Es musste doch Einfluss haben, ganz abgesehen davon, dass sein System auf ungeheuerliche Weise vom System eines Jüngeren profitierte, zumindest behauptete das Zentrum das […]“.

Die übrigen Figuren werden, wie Maximilian (und später auch Maurice) mithilfe von Kapitelüberschriften eingeführt. Dabei stehen sie alle in direkter oder indirekter Verbindung zum neugebauten Medizinzentrum: Beispielsweise die Bürgermeisterin Susanne, die sich mit allem Einsatz um die Eröffnungsfeier des Good Life Centers kümmert, oder Alfons, der ihr beruflich wie privat nahesteht und später vom namenlosen Attentäter überrascht wird. Oder Jackie, Alfons Frau, die mit keltischen Devotionalien handelt, oder Ruth, die sich während seiner Behandlung um Maximilians Hühner und Bienen kümmern soll, oder die Assistentin des Präsidenten der Landesbank.

Dabei gelingt es Olga Flor zielgenau, ihre Figuren in ein glaubwürdiges Licht zu rücken, sodass aktuelle gesellschaftliche Themen, wie Gender, Gleichberechtigung oder Rassismus und Homophobie, neben dem maßgeblichen medizinischen Eingriff ebenso Platz finden, und ironisch wie gekonnt erzählt werden: Die Charaktere werden im Verlauf zunehmend überspitzt gezeichnet, dabei verlieren sie innert dieser Entwicklung aber nicht an Glaubwürdigkeit. Wie in ihrem letzten Roman Klartraum gelingt es der Autorin gerade dem Bereich des Körperlichen auf geschickte Art näherzukommen. Fast tiefgründig stellt Maximilian folgende Gedanken an: „Doch die Vorstellung einer funktionierenden Symbiose aus Angehörigen derselben Spezies führt ja zu keiner sonderlich neuen Lebensform: Menschgemansche, vom zoologischen Standpunkt aus vollkommen uninteressant. Von innen dagegen: die Idee eines anderen Rauschens, eines Rauschens des Bluts in neuen Bahnen, einer Kreislauferweiterung, eines Blutlanglaufparcours. Und diese Frage: Bin ich der Held meiner eigenen Körpergeschichte?“

Der Titel wäre vergebens gewählt, wenn am Ende nicht doch noch die zu erwartende Katastrophe eintritt – und so kommt es auch bei der Eröffnungsfeier: Die Verbindung zwischen Maximilian und Maurice reißt, ein Attentäter erschießt die Assistentin des Präsidenten, die Bürgermeisterin sinkt kraftlos nieder und der Landesbankpräsident trinkt zu viel und macht es ihr gleich – „ein allgemeines Niedersinken findet satt, das Moor entlässt ein paar braunstichige Gase.“ Der Epilog schließt den Roman dann in ausgeklügelter Weise, indem der Tropfen fällt.

Olga Flor hat mir ihrem neuen Buch ein humorvolles Bild gezeichnet, das sich einigen wichtigen Zeitfragen annähert. Die geschickte Rahmung durch Prolog und Epilog gibt dem Ganzen mithilfe dieser wiedergefunden literarischen Mittel zusätzlich eine interessante Perspektive, die es ermöglicht, den Text in seiner Symbolhaftigkeit zu greifen. Morituri ist ein guter Roman, der sich lohnt zu lesen.


Olga Flor: Morituri
Jung ung Jung 2021
208 Seiten / 22 EUR

Foto: ulleo / pixabay.com

2 Kommentare zu „„Menschgemansche“ – Olga Flor: Morituri

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