Die Stadt, die niemals schläft – Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Von Jascha Feldhaus

Wenn man sich abends zum Ausgehen trifft, dann fragt man sich selten, welche Menschen einem diese Zeit überhaupt erst ermöglichen. Das persönliche Glück, die Freude stehen dabei im Vordergrund. Dabei sind es zahlreiche Menschen, die für diese schönen Zeiten garantieren – und die da sind, wenn sie kippen. Barkeeperinnen, Türsteher, Kioskbetreibende, Polizisten, Krankenhauspersonal, Tram- und Taxifahrerinnen und all die anderen. Thorsten Nagelschmidt hat einen Berlin-Roman vorgelegt, der die Sicht von diesen arbeitenden Menschen einnimmt und in einer Nacht zusammenfließen lässt. Und leider deshalb so konstruiert wie voraussehbar herüberkommt.

Prologartig beginnt der Roman mit einer kurzen Szene, in der der Taxifahrer Bederitzky von einem Obdachlosen um eine Zigarette angeschnorrt und in ein Gespräch verwickelt wird, in dem er ihm seine Ähnlichkeit mit einem deutschen Schauspieler unterstellt. Heinz-Georg Bederitzky agiert in gewisser Weise als verbindende Figur auf den Straßen Berlins – im ersten Teil des Romans. Als Taxifahrer übernimmt er die Topographie: „Er fährt die Waldow runter, rechts auf die Degner und weiter auf die Konrad-Wolf.“ Und zeichnet durch die zahlreichen Bewegungsrichtungen und Ortsangaben ein meist nachvollziehbares und -verfolgbares Bild der Stadt. Durch eine Fernfahrt nach Halle ist er gezwungen, die Stadt zu verlassen – der zweite Teil. Anfangs ist er noch mit dem Telefon mit seiner Freundin Anna, eine Spätibesitzerin, verbunden, bis diese sich aber nach einem Überfall in ihrem Laden missverstanden fühlt und jeden Versuch Bederitzkys, sich bei ihr zu melden, ignoriert.

Als immobiler Anlaufpunkt führt Annas Späti auch Haupt- und Nebenfiguren des Romans zusammen: beispielsweise den jungen Osman, der gerade halt- und mittellos durch Berlin irrt und sie erfolglos versucht zu überfallen, oder drei besoffene ManU-Fans, die sich nicht zu benehmen wissen, oder Daniel, der sich abends stündlich zwei Flaschen Sternburger bei ihr holt – und gleichzeitig die Verbindung zum Hostel um die Ecke herstellt. Vom Hostel ist es auch nicht mehr weit bis zum Lobo, wo die Nacht und der Roman im geordneten Chaos enden werden. Überall dort finden Nagelschmidts Protagonisten zusammen und formen die Handlung. Dazwischen sind noch Tanja und ihr Kollege Tarek, Rettungssanitäter, sowie Christina und ihr Kollege Thomas Schüngelmann, Polizei, die das Geschehen begleiten und überwachen.

Erwartbarkeit ist in diesem Geschehen das durchaus prägendste Charakteristikum, das dem Roman unterliegt: Felix, ein verurteilter Dorgendealer, der die Nacht einläutet, wird am Schluss von Sven, dem neuen dümmlichen, wenig feinfühligen Türsteher halb tot geprügelt, weil sich ein anderer Gast mit seinen Drogen wohl übernommen hat. Türchef Ten rettet seinen alten bekannten Felix vor Sven und der Polizei, die schlussendlich Sven seiner Quarzhandschuhe wegen abführt, und hilft Tanja dabei den Überdosierten am Leben zu halten. „Ein ganz normaler Sonnabendmorgen in Kreuzberg, würde der alte Schröder jetzt sagen, wieder mal nur Bekloppte unterwegs“, heißt es dann am Ende resümierend durch die Straßenkehrerin Sabrina. – Von außen betrachtet mag das ein „ganz normales“ Bild abgeben, doch wirkt das Ineinandergreifen der einzelnen Handlungsstränge in diesem Roman zu sehr gewollt, zu konstruiert.

Dass Thorsten Nagelschmidt sich mit den Protagonisten der Nacht durch lange Interviews auseinandergesetzt hat, das merkt man in der Anlage der einzelnen Figuren. Sie sind in weiten Teilen glaubwürdig dargestellt. Es wirkt nur leider überzogen, wenn alle Figuren in den extremsten denkbaren Situationen ihres Alltags gezeigt werden. Diese Praxis führt dann leider dazu, dass die erwähnte Erwartbarkeit innerhalb bekannter Vorstellungen über diese und jene Arbeit dem Roman jede Spannung raubt, weil selbst die geringsten Hinweise zu einem berechenbaren, bekannten Ergebnis hinführen, was auch an keiner Stelle durch unerwartete Wendungen gebrochen wird: Die junge, unerfahrene Polizistin Christina vermasselt durch ihre wiederholte Unachtsamkeit eine spontane Observation, Bederitzky wird am Ende um seinen Lohn betrogen und, wie von Ten befürchtet, gebraucht Sven doch noch seine Quarzhandschuhe.

Wer daran interessiert ist, wie sich die Arbeitenden der Nacht fühlen, was sie umtreibt und warum sie überhaupt diese Arbeit gewählt haben, der erhält in Arbeit einen tiefen Einblick in das Leben und die Verhältnisse dieser Menschen: „Nach Jobs als Kellnerin und Fremdenführerin hatte sie zuletzt Chinesen Englischunterricht gegeben, über Skype und für eine Firma, die auf den Philippinen saß und Marcelas Rechnungen per PayPal beglich.“ – Wer sich aber von dem Roman auch eine spannende Handlung erhofft, der wird wohl eher enttäuscht.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit
S. Fischer 2020
334 Seiten / 22 Euro

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