Wann ist ein Mann ein Held? – Monika Maron: Artur Lanz

Von Pascal Mathéus

Wenn Monika Maron einen neuen Roman veröffentlicht, ist das immer noch ein Großereignis. Die Autorin wird porträtiert, es gibt zahlreiche Besprechungen und auf Twitter brüstet man sich damit, den Roman nicht lesen zu wollen. Dass dafür nicht nur literarische Gründe, sondern vor allem auch politische verantwortlich zu machen sind, versteht sich. Lohnt sich die Aufregung um ‚Artur Lanz‘? Wir finden, ja! 

‚Held‘ ist ein großes Wort. Romantisierung und Überfrachtung mit Vorstellungen können das Konzept leicht überfordern oder lächerlich machen. Das klingt schon in der Idee Marons an, ihre Hauptfigur Artur Lanz von der eigenen Mutter mit einem Heldennamen-Overkill ausgestattet sein zu lassen. Neben ihren an Lancelot gemahnenden Nachnamen hat sie nämlich mit der Vornamenwahl auf den legendären König Artus verweisen wollen. Soviel Druck, so viel Erwartung. Aber als er erlebt, wie es sich anfühlt, für einmal den eigenen Egoismus hinter sich zu lassen und ohne jeden Eigennutz für jemand anderen einzustehen, offenbart sich darin eine zutiefst menschliche Regung: „Ich hatte Unmögliches gewagt, ich hatte sogar mein Leben riskiert. Für einen Hund, weil ich ihn liebte. Ich hatte es geschafft, ich hatte ihn gerettet.“ 

Nun ist zwar bekannt, dass auch Monika Maron ein besonders inniges Verhältnis zu Hunden hat, die Reaktion auf die Heldentat des Artur Lanz, der seinen Hund aus einem Rapsfeld errettet, changiert aber dennoch unbedingt zwischen Rührung und Belustigung. Und ist wohl auch genau darauf angelegt. Auch als er sich am Ende zur heldenhaften Verteidigung der politisch inkorrekten Äußerung seines Freundes aufschwingt, bezeichnet die zweite Hauptfigur und Erzählerin Charlotte Winter, eine Frau in etwa in Marons Alter, die Schilderung dieses Ereignisses als „eher komisch als heroisch“.  

Gerrit Bartels nannte das Buch einen „literarisch verunglückten Roman“ und monierte, „dass es Ironie oder Brechungen anderer Art“ überhaupt nicht gebe. Kurz danach bemerkte Julia Encke in der FAS dasselbe. Wie voreingenommen muss man sein, um nicht die Zweifel, die Skepsis und die Ironie aus dem Roman herauszulesen, die doch eine zentrale Rolle in Artur Lanz ausmachen? Angesichts Marons politischer Provokationen und der von ihr selbst zugegebenen Nähe zwischen ihr und der Erzählerfigur, passt es der Literaturkritik allzu gut in den Kram, die Autorin ganz und gar im Topos der alten, verbitterten Frau aufgehen zu lassen. Eine Frau, die nur noch zetert und hasst und dabei keine Zwischentöne mehr kennt. Dabei sind die mangelnden Zwischentöne gerade das Problem dieser Deutung. Wenn man den Roman selbst zur Grundlage macht, kann man unmöglich zu diesem Ergebnis kommen. Das hat Marie Schoeß in ihrer Kritik für den NDR besser gesehen, wenn sie zurecht von „suchenden Charakteren und feiner Ironie“ spricht. 

Der Roman ist voll von Zweifeln und Unsicherheiten. Charlotte kommt ins Trudeln, weil sie oft beide Positionen verstehen kann, wenn zwischen Anstand und Sicherheit entschieden werden muss. Artur Lanz ist eine zutiefst ambivalente Figur. Als Charlotte ihn fragt: „Und dann wollen Sie wie Lancelot auf der Suche nach Aventures durch Berlin ziehen?“ Da heißt es von seiner Antwort: „Er antwortete mit einem Lachen, das mich, wäre ich seine Mutter gewesen, beunruhigt hätte.“

Charlotte Winter muss reflexartig nachdenken, wenn sie einen Menschen mit einem Problem trifft. Wenn sie das in die Gespräche mit ihren Bekannten zu tragen versucht, stößt sie dort auf reflexartige Ablehnung: „Über Helden, ich denke über Helden nach. Penelope: Ach, du lieber Gott! Frau Müller-Hermsdorf: Wenn schon, dann Heldinnen.“ Viel komplexer geht es dagegen bei Charlotte Winter zu, die in ihrem Denken ohne Klischees auskommt und bis auf ihren Hass gegen Jogger bei allen Themen, die sie bedenkt, stets abzuwägen versucht und eigene Vorurteile mit reflektiert. Alte weiße Männer bekommen genauso ihr Fett weg, wie die „Weiber“, die für eine Ayurveda-Kur nach Indien fliegen und sich über die hygienischen Missstände der Einheimischen pikieren. Und wenn sie an Helden denkt, müssen diese keineswegs männlich sein.

Monika Maron verleiht ihrem alter ego Charlotte Winter dieselbe Legitimation, die sie auch für sich in Anspruch nimmt, wenn sie ihre ostdeutsche Herkunft ins Feld führt. Sie befähige sie dazu, eine besondere Sensibilität in Sachen aufkommender Unfreiheit für sich beanspruchen zu dürfen. So denkt sie z.B. darüber nach, ob es an ihrer „östlichen Herkunft lag, warum [sie] dem Geschlechterkampf nur eine zweitrangige Bedeutung beimaß“. Denn: „Für uns im Osten galt als oberster Feind der diktatorische Staat, unter dem Männer und Frauen gleichermaßen litten, und es war gleichgültig, ob er uns in seinen männlichen Repräsentanten oder ihren weiblichen Helfershelfern gegenübertrat“. Kein uninteressanter Gedanke, warum nicht die Erfahrung einer ostdeutschen Biographie ernstnehmen?

Dabei ist gar nicht allen Positionen zuzustimmen, die Charlotte Winter oder andere Figuren des Romans einnehmen. Ihr Plädoyer für eine offene Diskussion, für das offene Fragenstellen, das Zuhören und die Verwurzlung der Diskurse in der Tradition und der Geschichte lässt sich aber vorbehaltlos unterstützen. 

Artur Lanz ist ein Roman über die Fehleinschätzung vom angeblichen Ende der Geschichte, über Denkfaulheit und Mut. Anders als beispielsweise der jüngste Roman von F.C. Delius, der nichts anderes enthielt als die Abrechnung mit der Politik der Ära Merkel, hat Monika Maron ihre Reflexionen in einen elegant gebauten Roman eingearbeitet, der die angestoßenen Reflexionsprozesse glaubwürdig motiviert. Niemand wird dümmer, wenn er diesen Roman liest.


Monika Maron: Artur Lanz
S. Fischer 2020
224 Seiten / 24 Euro 

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