Danke Merkel – Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Von Pascal Mathéus

In seinem neuen Roman erteilt F. C. Delius einem abgehalfterten Wirtschafts-Journalisten mit dem bedeutungsvollen Spitznamen Kassandra das Wort. Ein Tagebuch erscheint ihm als das angemessene Format für seinen Frontalangriff auf die Politik der Ära Merkel. Dabei erinnert er an die alte Weisheit ‚it’s the economy, stupid‘ und warnt eindringlich vor der drohenden ökonomischen Übernahme durch die Chinesen. Im Gegensatz zu Europa verfolge die Volksrepublik eine langfristige Strategie, als deren Ziel der Sieg im Kampf der politischen Systeme erstrebt werde. Die Horrorvision einer ökonomischen Invasion auf Rügen wird zum Antrieb für seine Suada.

Wenn es um F. C. Delius geht, fällt es mir nicht ganz leicht, objektiv zu sein. Seine Erzählung Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde war meine allererste Berührung mit einer anspruchsvollen Literatur für Erwachsene. Ich war dreizehn Jahre alt, im Kino lief Sönke Wortmanns Wunder von Bern und bei einer Autogrammstunde mit dem Hauptdarsteller Peter Lohmeyer, zu der mich meine Mutter mitnahm, lag auf einem Büchertisch auch der schmale Band mit der Delius-Erzählung. In meiner Erinnerung habe ich das Buch damals idiotischerweise von Lohmeyer signieren lassen. Leider lässt sich das nicht mehr überprüfen, weil ich meine Ausgabe verliehen und niemals zurückbekommen habe. Falls also irgendjemand ein von Peter Lohmeyer signiertes Exemplar von Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde besitzen sollte – man möge es mir bitte zurückschicken! 

Obwohl ich damals nicht alles verstand, war ich von der Erzählung fasziniert. Sie ist lebendig und lässt die völlig fremde Welt der BRD in den 50er Jahren wieder auferstehen. Ihr Thema ist das Wechselspiel eines einzelnen Schicksals mit der Weltgeschichte, die von Zeit zu Zeit – was für eine Erkenntnis für einen dreizehnjährigen Torwart! – durch den Fußball in Bewegung gesetzt wird. Delius war mein Autor! In der Folgezeit haben mich seine biografischen Skizzen Als die Bücher noch geholfen haben von 2012 (unterdessen hatte meine Leidenschaft für Bücher den Fußball abgelöst) und die Erzählung Die linke Hand des Papstes von 2013, in der Delius das Oberhaupt der katholischen Kirche betend in einer evangelischen Kirche in Rom imaginiert, besonders beeindruckt. 

Im neuen Buch widmet sich Delius einem brandaktuellen Thema. Es handelt von einem frühberenteten Redakteur, der im Zeitraum zwischen seinem Austritt aus dem Berufsleben im Herbst 2017 und einer Rügenreise mit einem alten Freund im Sommer 2018 Tagebuch führt. Seine Aufzeichnungen bestehen aus Mahnungen vor der drohenden chinesischen Übernahme, Überlegungen zu den wirtschaftlichen Zusammenhängen in Europa – immer wieder lässt er dabei den gescheiterten griechischen Finanzminister Varoufakis zu Wort kommen, auf den er offenbar große Stück hält – und aus scharfer Kritik an der modernen Lebenswelt, besonders an der seiner Meinung nach frucht- und gedankenlosen Kommunikation in den sozialen Netzwerken. Fast immer laufen diese Betrachtungen auf eine Anklage der Bundeskanzlerin hinaus, die nur „die Meistüberschätzte“ genannt wird. Ihr Finanzminister, der „Herr Sch.“, verfolgt den Tagebuchschreiber sogar bis in seine Träume und „grinst […], wenn er uns rackern und argumentieren sieht“.

Das Motto für das Buch findet sich anders als üblich nicht am Anfang des Buches, sondern wird in der Mitte notiert: „Ich muss nicht originell sein. Nur widerborstig. Heiter widerborstig.“ Am originellsten ist tatsächlich noch die Idee, eine Ansammlung von politischen Beschuldigungen einen Roman zu nennen. Was darüber hinaus an Handlung und Figurenentwicklung geboten wird, lohnt kaum der Erwähnung. Widerborstig ist dieser Held allerdings schon. Immer wieder schildert er, wie er sich im Gespräch auf die Zunge beißen muss, um nicht mit seinen wirtschaftlichen Schreckensszenarien auf die Nerven zu fallen. Voll entfaltet findet sich diese Widerborstigkeit in den Aufzeichnungen des zum Schweigen Verdammten. Wie aber steht es um den Humor? Davon entdeckt man wenig. Zwar ermahnt sich Kassandra ständig, er möge sich nicht zu sehr dem Kulturpessimismus hingeben. Er klopft sich auch selbst auf die Schulter und lobt sich für seinen Witz, doch als Leser findet man diese Behauptungen nicht im Text eingelöst.

Die gesamte Konstruktion des Romans irritiert. Da schreibt einer, der nicht mehr veröffentlichen darf, an einer „ungelesene[n] Datei“. In ferner Zukunft, so stellt er sich vor, mag einmal seine ihm politisch aufgeweckt erscheinende Nichte das Tagebuch lesen. Da es also nicht für die Öffentlichkeit vorgesehen ist, erlaubt sich der Held eine formlose Aneinanderreihung von Beobachtungen, gewagten Prognosen und heftigen Anschuldigungen. Die Koketterie des Autors Delius, der diese nicht zur Veröffentlichung gedachten Aufzeichnungen doch veröffentlicht schafft keinen Mehrwert, sondern macht ratlos. Wozu dieses Versteckspiel? Warum nicht gleich einen politischen Essay schreiben?

Denn manche seiner politischen Diagnosen bestechen. Delius kennt seine Zahlen und lässt seinen Helden damit argumentativ auf die verantwortlichen Politiker los. Ein Gespräch von Wolfgang Schäuble und Friedrich Christian Delius könnte wohl wirklich interessant sein. Ein lesenswerter Roman ist daraus jedoch nicht geworden. Es fehlt der erzählerische Zusammenhang. 

Zu oft hangelt sich Kassandra zudem an ausgetretenen Klischees entlang, wenn sich der üblichen Deutungen aus dem linken Lager bedient wird. Die Rollen von Gut und Böse sind so klar verteilt, dass die Plattheit frappiert. Trump gerät Kassandra gar zum Antichristen. Welchen Grad der Verbohrtheit diese antikapitalistische Haltung annehmen kann, lässt sich vielleicht durch das vom Helden aufgewärmte Märchen vom bösen FC Bayern illustrieren, der den kleineren Vereinen die Spieler wegnähme, um sie zu schwächen, obwohl sie selbst gar keine Verwendung für sie hätten.

Wirklich ärgerlich ist die Sprache, in der all das vorgetragen wird. Sie ist dröge; nur in den Angriffen gegen die Politik und beim Meckern über die heutige Zeit kommt ein bisschen Leidenschaft hinzu. Nicht selten schrammt sie dann jedoch nur haarscharf an den Stammtischen vorbei. Zur Häufung unangenehmer Stilblüten hat Elke Schmitter im Spiegel schon das Nötige gesagt.

In vielen seiner früheren Bücher hat der Büchnerpreisträger Delius bewiesen, dass er zu den fähigsten Erzählern deutscher Sprache gehört. Die großen Fragen des Lebens und der Politik wurden von ihm mit literarischen Mitteln meisterhaft bewältigt. Im Moment scheint es, als hätte er daran das Interesse verloren. Als sei ihm die Politik wichtiger geworden als die Literatur. Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich ist eine große Enttäuschung. 

Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich
Rowohlt Berlin 2019
256 Seiten / 20 Euro

2 Kommentare zu „Danke Merkel – Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

  1. Moin Pascal!

    Ich habe leider erste heute Deinen Kommentar zu meiner Rezension bei „Bücher und Buchvorstellungen“ entdeckt, mich sehr darüber gefreut und mit Interesse Deine Rezension gelesen.
    Puh! Erleichterung! Ein Leidensgenosse! 😄
    Tja, mit diesem Werk hat Herr Delius mich leider nicht überzeugt. Ich habe da so meine Probleme mit Autor*innen, die der Meinung sind, über dem Leser zu stehen. Es wirkt – auf mich – sehr anmaßend!
    Ich bin aber gerne bereit, mich auf ein weiteres Werk von Herrn Delius einzulassen: Irgendwie müssen „Die Birnen von Ribbeck“ und ich doch zueinander finden!

    Gruß
    Andreas

    https://andreaskueckleselust.com/2019/09/26/rezension-friedrich-christian-delius-wenn-die-chinesen-ruegen-kaufen-dann-denkt-an-mich/

    Gefällt 1 Person

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