Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt – Sibylle Lewitscharoff: Von oben

Der Himmel über Berlin ist der Aufenthaltsort des Helden in Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman. Ein unsichtbarer Geist schwebt über der Stadt und sucht die Menschen und Schauplätze auf, die ihm zu Lebzeiten etwas bedeutet haben. Kein Tunnel und kein gleißendes Licht erscheinen dem Verstorbenen. Auch für die Toten gibt es weder Gewissheit noch Ruhe. 

Die Jenseitserfahrung des verstorbenen Philosophie-Professors in Von oben ist so ganz anders, als wir uns dergleichen für gewöhnlich vorstellen. Seit seinem Tod leidet sein auseinanderfließendes Bewusstsein an einem Dämmerzustand und kommt zwischen längeren Phasen der Abwesenheit von Zeit zu Zeit halbwegs zu sich zurück. Dann findet er sich abermals am Ort seines Lebens und Sterbens wieder. Er wirft einen Blick in dieses oder jenes Berliner Haus, kramt mühevoll in seinen nebulösen Erinnerungen und bemüht sich um das Verständnis seiner Situation. Warum ist er noch hier? Und vor allem: Was kommt jetzt noch? Auf beide Fragen gibt Lewitscharoff am Ende verblüffende Antworten. Sie seien zum Zweck anhaltender Spannung verschwiegen. Nur so viel: Sie wirken genauso aus der Zeit gefallen wie ihr zwischen allen Dimensionen herumirrender Erzähler-Geist. 

Mit einigem Recht vergleicht Wolfgang Schneider den Roman in seiner Kritik mit dem jüngsten Werk von Friedrich Christian Delius. In beiden Büchern würden literarische Ambitionen zugunsten der politischen Botschaft vernachlässigt. Während Delius einen Tagebuchschreiber erfindet, der nicht anderes tut, als über die Politik der Bundeskanzlerin zu wettern, ließe Lewitscharoff in Von oben einen „Geist dampfplaudern“. Ganz falsch ist Schneiders Beobachtung nicht. Die Monotonie der ungebrochenen Ich-Perspektive ist beiden Romanen gemeinsam. Es steht hier wie dort das Nachdenken des jeweiligen Protagonisten im Vordergrund, wodurch das Erzählen zu verkümmern droht. Und dennoch gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen den beinahe zeitgleich erschienenen Büchern.

Abgesehen davon, dass Von oben kein politischer Thesenroman ist, macht Lewitscharoff auch keine Abstriche bei der Sprache. Nicht umsonst hat sie einen Philosophie-Professor erfunden, der in seinem Denken stets auf eine lebendige, sinnliche Sprache gesetzt hat: „War ich Kantianer oder Hegelianer oder ein vermessener Wittgenstein-Faselant, der das Dörrfleisch von dessen kargen Sätzen mit der eigenen Spucke wässerte?“ Auch wenn er sich seinem Zustand entsprechend nicht mehr genau erinnern kann – die Abneigung gegen die sinnesfeindliche Sprachlosigkeit der Anhänger der zuletzt genannten Schule könnte kaum deutlicher zum Ausdruck gebracht werden. 

Lewitscharoffs Geist befindet sich in einer Hinsicht in derselben Lage wie Delius’ Tagebuchschreiber. Beide sind dazu verdammt, ihre nur ihnen selbst wichtig erscheinenden Überlegungen in ein echoloses Off zu sprechen, in dem sie versickern. Die wirklich auffällige Verwandtschaft zwischen den Romanen gründet darin, dass sich beide Figuren ihrer Lage voll bewusst sind. Bei Lewitscharoff klingt das so: „Sie bewirken rein nichts, diese Wortschwalle, weil niemand, kein Gott nicht und kein Mensch, sie hört.“ Der Unterschied liegt jedoch in der Konsequenz, die die Figuren aus ihrer Lage ziehen. Während Delius’ Journalist die widerspruchsfreie Bühne dazu nutzt, um einmal deutlich zu sagen, was alles schief läuft in diesem Land, zeigt der Geist in Lewitscharoffs Roman eine Reaktion, die gleichzeitig sympathischer und glaubwürdiger ist: Er verzweifelt.  

Dabei ist es sein großes Glück, dass es Sibylle Lewitscharoff war, die seine Verzweiflung erfunden hat. Denn wortreicher, sinnlicher, ausdrucksstärker findet man Verzweiflung kaum irgendwo als in der Prosa dieser Autorin. Ausgelöst durch „eine transzendentale Kopfnuss“ schwingt sich der ruhelose Geist in einem Höhepunkt des Buches zu einem übermütig dadaistischen Existenzgedicht auf, das Lewitscharoffs ganze Formulierungskunst zum Leuchten bringt. „[D]as mäandernde Gestammel“ ihres Helden zieht den Leser in seinen Bann.

Obwohl der Bewusstseinsstrom des Erzählers ständig von seinen geistigen Schwächeanfällen durchbrochen wird, obwohl der Geist alle Mühe hat, die Bestandteile seiner menschlichen Existenz noch in irgendeine Ordnung zu bringen, ergibt sich aus den Mosaikstücken seiner Spurensuche ein auf seine Weise vollkommenes Bild. Der tragische Charakter eines jeden Lebens zeigt sich im Beispiel einer lebendigen Figur. Dazu leisten auch die mit einer echten Persönlichkeit ausgestatteten Nebenfiguren einen Beitrag, die durch wenige feine Pinselstriche erstaunlich klare Kontur erhalten. 

Darüber hinaus finden sich zwar auch allerhand Geschmacksurteile zu Wert und Unwert der Gegenwart. Anders als bei Delius sind diese aber in den Zusammenhang längerer Erzählsequenzen eingebettet, die sie glaubhaft an die Erlebnisse des Protagonisten binden und so ihre Subjektivität betonen. Manche Sentenzen sind überaus originell, wie etwa die nüchterne Betrachtung über die Liebe: „Vergißt man einen Menschen, mit dem man zusammenlebt, über weite Strecken des Tages, ist das ebenfalls ein gutes Zeichen. Es zeugt von der Unbekümmertheit einer Beziehung und vor allem davon, daß man sich aufeinander verlassen kann.“ Andere, wie etwa der Ausflug in die Berliner Schwulenszene, sind eher bedeutungslos, aber alle sind sie sprachlich interessant und überaus lebhaft. 

Die dem Roman zugrundeliegende Idee war offenbar, eine Alternative zu den verkitschten Vorstellungen vom Übergang zwischen Leben und Tod zu erschaffen, die üblicherweise in Filmen ins Bild gesetzt werden. Dort blicken die eben Verstorbenen unter „süßlichen Klängen“ noch einmal melancholisch auf die Erde zurück, bevor sie in das helle Licht treten. Ungleich komplexer vollzieht sich dieser Übergang bei Lewitscharoff, indem sie ihn jeder Gewissheit beraubt. Die einzige legitime Beschäftigung mit den ewigen Fragen – das beweist die Autorin in Von oben – ist der engagierte Versuch ihrer sprachlichen Bewältigung. 

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