Noch ein Klischee gefällig? – Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut

Von Johannes Schaefer

„Einmal Inventur im ganzen Leben” betreiben, nimmt sich Sophie Passmann mit ihrem neuen Buch vor. Entstanden ist aus dem radikalen Vorhaben eher eine bunte Sammlung von manchmal wenig originellen Anekdoten und Beobachtungen.

In der Jugend steht einem die ganze Welt offen, sagen die „Erwachsenen“ am Anfang von Sophie Passmanns neuem Buch. Dagegen postuliert die Autorin: „Um irgendwann einer von den Erwachsenen werden zu können, muss man Jungsein erstmal hassen und anfangen, die Welt zu zwingen, endlich nicht mehr offen zu stehen“. Deshalb will sie Inventur im eigenen Leben betreiben und vom Kleinen zum Großen gehen: von der Wohnung über die Straße zur Stadt. 

Im weitesten Sinne ist Komplett Gänsehaut also ein Buch übers Erwachsenwerden, obwohl das durch die zahlreichen Gedankensprünge nicht leicht zu erkennen ist. Denn Passmann schlingert über nicht ganz 170 Seiten von einer kleinen Erzählung zur nächsten, ohne erkennbaren roten Faden, ohne klare Richtung. Das schmerzt, denn Komplett Gänsehaut hat keine zusammenhängende Handlung, die das Buch vorantreibt. Stattdessen reiht die Autorin Anekdoten und Beobachtungen aneinander: Sie kommt von Hölzchen auf Stöckchen, von Bücherregalen zu Literatur, über den Zauberberg zu typischen Frauenbüchern bis zu Spiegeln. Die Richtung der Gedanken ist oft nicht nachvollziehbar, ihr Zusammenhang noch weniger. Nur die kaum einleuchtende Struktur der Kapitel – Wohnung, Straße, Stadt – gibt den assoziativen Gedanken der Autorin ein wenig Ordnung. 

Das hohe Tempo und die Aneinanderreihung von bestenfalls auf den ersten Blick zusammenhängenden Geschichten erinnern manchmal eher an Stand-up-Comedy. Auch sprachlich ist das Buch nicht immer ein Genuss. Komma um Komma reiht die Autorin Sätze aneinander. Fehlende Punkte und endlose Satzkonstruktionen rauben einem den Nerv. Das Buch ist temporeich geschrieben, aber es schnell zu lesen fällt schwer. Immer wieder geht der Blick zurück zum Satzanfang, sucht den Zusammenhang.

Komplett Gänsehaut entlarve – wie der Verlag schreibt – „den unerträglichen Habitus einer Bürgerlichkeit“. Doch Vorsicht: Wer das erwartet, wird enttäuscht. Die Kritik neuer und alter Bürgerlichkeit besteht nur aus einer Handvoll eingestreuter Bemerkungen, mal auf Kosten des Milieus der Autorin, mal über das ihrer Eltern. Dieses nicht erfüllte Werbeversprechen des Verlags kann niemand der Autorin ernsthaft vorwerfen. Das teilweise stumpfe Wiederkäuen von Vorurteilen hingegen schon. Wer die gängigen Klischees über die Spießbürger in den Vorstädten schon kennt, wird hier kaum neue finden. Die Leute kaufen die Nackensteaks für ihre Grillabende natürlich bei LIDL, wo sonst? Sie vererben zu viele Dinge und haben so viel Langeweile, dass sie fernsteuerbare Stehlampen kaufen. Menschen dort sind so öde, sie heißen Michael oder Matthias, Sonja oder Mareike: „als Kinder habt ihr geschaukelt, und als Teenies habt ihr gekifft“. 

Spricht die Autorin über sich und ihr eigenes Milieu sind die Geschichten oft ebenso altbacken. Als „Mittelstandsgirl” aus einer westdeutschen Kleinstadt mit Eltern die „anlasslos“ zweierlei Sorten Bündnerfleisch im Kühlschrank liegen haben, erfüllt Passmann beinahe alle Klischees über jene verwöhnten linksliberal-woken Wohlstandskinder, die aus lauter Überdruss und Saturiertheit ein politisches Projekt suchen, mit dem sie ihr Gewissen entlasten können. Frei nach dem Motto: Von den Eltern finanziert studieren, zum Urlaub auf die Malediven, aber freitags für das Klima demonstrieren. Diesen Geist atmet Passmanns Darstellung ihres eigenen Milieus und diese Wiedergabe gängiger Klischees wirkt überzeichnet. Vermutlich würde selbst eine Altherrenrunde darüber die Nase rümpfen. Hinter dieser Haltung steckt doch sicher mehr!? Politisch mag das Bild der pharisäischen Salonlinken manchem in den Kram passen, aber als Angehörige dieses Denkens müsste Passmann hier doch differenzieren und erklären können?

Doch das Buch vergibt auch hier seine Chance, die inneren Widersprüche dieses Milieus über die Wiederholung von Stereotypen und längst Bekanntem hinaus zu diskutieren. Passmann bringt diese Gegensätze zwar gewitzt zur Sprache, aber vieles davon wirkt klischeehaft und ist wenig originell. Dabei lässt sie hier und da aufblitzen, wie gut sie das eigentlich kann: Genüsslich beschreibt sie jene „heimlich hypermaskulinen Männer, die […] ihre ganz eigene Interpretation von Männlichkeit, nämlich angelernte Einfühlsamkeit und selbst dargestelltes Interesse an ihrer Umwelt, […] für so radikal unmännlich halten, dass sie es als Gegenentwurf leben müssen“. Diese Analyse ist entlarvend und auf den Punkt: „dann leas Dir doch bitte einfach lieber einen Porsche“ ruft Passmann diesen Typen zu. Aber einige scharfsinnige, humorvoll verpackte Beobachtungen reißen es nicht heraus. Insgesamt kommt die Autorin über Allgemeinplätze und anekdotische Stereotype kaum hinaus. Zwischendurch entsteht der Eindruck, sie baue nur bequeme Pappkameraden, damit ihr scharfer Witz ein leichtes Ziel hat. Denn in ihrer Königsdisziplin – der Kunst der zugespitzten, scharfzüngigen Kommentare – enttäuscht die Autorin nicht, unterhaltsame Weisheiten inklusive: „Liebeskummer ist das emotionale Äquivalent zu einem verlängerten Wochenende in Zürich, extrem teuer und am Ende den Aufwand nicht wert“.

Ohnehin zeugt die enthaltene Selbstkritik von einer inneren Größe und Distanz. Passmann blickt von außen auf sich selbst und die ihren. Das ist nicht selbstverständlich. Immer wieder legt sie eigene Widersprüche offen: „Meine Freunde und ich, wir tun so, als seien wir schockiert von irgendeinem postfaktischen Zeitalter […], immer dann, wenn man gut und gerne auch mal einen Gedanken fassen könnte, setzen wir an einen neuen Affekt an, wir fühlen da, wo denken angebracht wäre, wir ersetzen Argumente mit Emotionen“. Aber bei der Benennung solcher Absurditäten belässt sie es. Es ist zum Haare raufen, denn hier verpasst das Buch so viel. Darüber zu schreiben, woher das rührt und wohin es führt, das wäre stark, interessant, bereichernd – zumal aus der Feder dieser Autorin. 

Am Ende langweilt Komplett Gänsehaut nicht, obwohl zwei oder drei Passagen etwas langatmig geraten sind. Aber es hinterlässt keinen Gedanken, der zum Hadern einlädt, keine Idee, die zum Nachdenken zwingt. Es endet mit der lapidaren Feststellung: „Erwachsensein bedeutet zu wissen, wie es eigentlich richtig ginge, um es dann absichtlich falsch zu machen. Oder aber es ist völlig anders“. Dieses Fazit steht sinnbildlich für das Problem des ganzen Buchs: Komplett Gänsehaut bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Am Ende ist niemand klüger. Der scharfe Witz der Autorin und ihr selbstkritisch-ironischer Blick vermögen das nicht wettzumachen.


Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut
KiWi 2021
192 Seiten / 19 Euro

Foto: MichaelGaida / pixabay.com

Ein Kommentar zu „Noch ein Klischee gefällig? – Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut

  1. Dieses Buch hat mich ungemein genervt. Die Frage, weshalb alle um sie herum Nazis sind und woher das Silberbesteck der Grosseltern kommt, aufzuwerfen, um dann nichts mit ihr zu machen, ist unbefriedigend. So zu tun, als ob Flaschen wegbringen, etwas mit erwachsen sein zu tun hat, ist so oberflächlich, dass es langweilt und sich darüber zu ärgern, dass man zu viel erbt, schlicht eine Frechheit.

    Es scheint Sophie Passmann hat sich nie wirklich gefragt, weshalb ihr „Milieu“ so verkorkst ist, sondern sich durch die eigne Depression geschrieben, die daher stammt, dass alles so wenig Sinn ergibt. Ich verstehe es ein Stück weit, auch ich bin oft traurig. Nur versuche ich der Trauer mit guten Büchern und Therapie (die Passmann in Interviews allgemein empfiehlt) entgegenzuhalten. Ich versuche Hoffnung aus der menschlichen Kreativität, dem Tatendrang und unendlicher Innovation zu schöpfen. Wenn das alles nichts hilft, dann müssen halt die Pillen her. Irgendwann muss man es einsehen, am Ende sind wir nichts mehr als grosse Ameisen mit Weltreligionen, die anstatt von Schuhen von PKWs zerdrückt werden und die ja nach chemischer Balance im Körper übermässig traurig werden. Ich fürchte dagegen hilft auch einfach mal richtig Spass zu haben, wie Passmann das will, nicht. Schon gar nicht, wenn dieses Spass haben, Playstation spielen sein soll.

    Was vielleicht helfen würde, wäre es einzusehen, dass hinter einer Essstörung mehr als Lifestyle steckt oder sich Freunde zu suchen, die man mag. An dieser Stelle geht mein Beileid an die Freunde und Familie von Passmann. Das kann nicht schön gewesen sein sich selbst auf das Poloshirt, das man trägt oder die Zigaretten, die man raucht, reduziert zu lesen.

    Aber vielleicht macht es Sophie Passmann Spass in den inzwischen ziemlich abgedroschenen Bewusstseinsstrom zu springen. Vielleicht macht es ihr Freude mit Adjektiven um sich zu werfen („ambitionierte Strumpfhosen und bedeutungsvolle T-Shirts“) und tausend unpassende Analogien zu finden. Mir soll es recht sein. Ich weiss nur nicht, ob ich das dann auch lesen muss. Aber vielleicht bin ich auch schlicht zu jung um mich selbst kritisch reflektieren und in Komplett Gänsehaut wiederkennen zu können.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s