Das Bergerlebnis – Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied

Von Pascal Mathéus

Wann waren Sie zuletzt mit Ihren Geschwistern wandern? Vielleicht sollten Sie zuerst das Romandebüt von Amanda Lasker-Berlin lesen, bevor Sie zu einer solchen Unternehmung aufbrechen. Im Laufe der Zeit können sich Geschwister – in diesem Fall drei Schwestern – in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln. Von der scheiternden Suche nach Verständigung erzählt ‚Elijas Lied‘. 

„Elija glaubt sowieso, dass jeder Mensch ein Auge hat, mit der alles sehen kann, und dann die Augen sich trennen, je trauriger man wird.“ Wir müssen uns die Augen von Elijas jüngeren Schwestern Noa und Loth in einer weit auseinander stehenden Position vorstellen. Die von Elija stehen näher beieinander, weil sie behindert ist. Deshalb betrachtet sie die Welt aus einem anderen Blickwinkel als ihre Schwestern. Da die Charaktere und Überzeugungen der beiden ‚normalen‘ Schwestern jedoch ebenfalls erheblich voneinander abweichen, wird deutlich, dass es sich bei einer solchen Trennung allenfalls um einen graduellen Unterschied handelt. 

Mit der Annäherung an Elija gelingt Lasker-Berlin die Einfühlung in die Lebenswelt von behinderten Menschen. Wenn auch die Gefahren der Verklärung und der Anmaßung hin und wieder aufscheinen, meistert die Autorin doch die selbstgestellte Aufgabe souverän. Lasker-Berlin beschönigt nichts. Ihr Zugriff auf ihre Figur entspringt demselben Geist wie das im Roman geschilderte Theaterprojekt, indem Elija als Schauspielerin brilliert: Es geht darum, behinderte Menschen in ihren Ausdrucksmöglichkeiten und in ihrer Wahrnehmung der Welt ernstzunehmen – und damit auch ihre Würde. Elija wird in dem Roman als durchaus selbstbestimmte Frau gezeigt. Das wird besonders deutlich, als sie die Leiterin des Theaterprojekts nach ihrer erfolgreichen Soloaufführung lobt: „Ich bin stolz auf dich, Elija, sagt sie und lächelt. Kannst du auch sein, antwortet Elija.“  

Deutlich zeigt sich Lasker-Berlins Begabung für die Zeichnung von Charakteren. Die von der Autorin gebrachten Beschreibungen ihres Aussehens und die von ihr geschickt ausgewählten Episoden aus ihren Biographien geben ihnen Kontur. Sie stehen dem Leser plastisch vor Augen. Das gilt auch für Loth, die jüngste der drei Schwestern. Loth gehört der Identitären Bewegung an. Ihr Denken ist von Hass geprägt und hängt einer obskuren Vorstellung von Reinheit nach. Zur ideologischen Festigung nimmt sie an einschlägigen Akademien teil, als deren Vorbild sich leicht die Umtriebe des Ehepaars Kubitschek auf Schnellroda erkennen lassen. Von den dortigen Freizeitaktivitäten der Teilnehmer heißt es: „Neben dem Ziegenstall spielen sie Zweiter Weltkrieg mit Schneebällen.“

Ja, das ist ein bisschen billig. Spannend wird es aber, wenn Lasker-Berlin sich dem Komplex von neurechtem Gedankengut und seiner Vermarktung im Netz zuwendet. Als identitäre Influencerin richtet sich Loths gesamtes Verhalten nach der im Internet zu erwartenden Wirkung. Realität und Image fließen auf eigenartige Weise ineinander: „Loth sieht es schon. Sieht sich von hinten, so dass niemand ihr Gesicht erkennt, das Plakat an die Zentrale kleben. Sieht den Spruch aufleuchten und hört die epische Musik, die als Tonspur eingefügt wird. Warum ist es in echt so leise?, fragt sie sich kurz.“ Diese Verquickung wächst sich zu einer narzisstischen Störung aus, die sich in all ihrem Wünschen und Fühlen ausdrückt. „Ben denkt: Loth hat so schöne Augen. Muss er denken, findet Loth.“ 

Der Roman folgt dem Rhythmus einer Bergwanderung, die Schwestern miteinander unternehmen. Von ihren Wahrnehmungen und Empfindungen werden sie immer wieder auf Erlebnisse ihres Alltags gelenkt. Jede der drei Schwestern reflektiert so im Laufe des Tages ein zentrales Erlebnis ihrer Biographie, das in einzelnen Sequenzen in Erinnerung gerufen wird. Diese Konstruktion hält Lasker-Berlin sehr konsequent durch. Die Schilderungen der Wanderung sind nicht ohne Kunstfertigkeit mit den Rückblenden verknüpft. Ein wenig schematisch wirkt die Struktur aufgrund ihrer Gleichmäßigkeit aber doch.  

Schwerer wiegt dieses Problem im Hinblick auf die Personenkonstellation. Der diametrale Gegensatz zwischen Elija, an der alles weich, rund und freundlich ist, auf der einen, und Loth, die harte Gesichtszüge trägt, spindeldürr und fürchterlich wütend ist, auf der anderen, gibt sich allzu deutlich als von der Autorin herbeigeschriebene Extremopposition zu erkennen. Vermutlich sind Lasker-Berlin diese Schwierigkeiten selbst aufgefallen. Wohl deshalb hat sie mit Noa eine dritte Figur geschaffen, die nicht nur altersmäßig die Mitte unter den Schwestern bildet, sondern auch mit einem weniger leicht zu fassenden Charakter ausgestattet worden ist. 

Auf dem Höhepunkt des Romans, der auf dem Gipfel des Berges spielt, singt Elija ein Lied, das der Vater der drei auf ihren früheren Wanderungen komponiert hat. Für einen Moment ist sogar Loth gerührt. Elija hat damit bewiesen, dass sich die Kümmernisse der Welt mit Kunst bändigen lassen. Kunst schafft, wenn sie gelingt, Verständigung und bringt die Menschen zueinander. Loth dagegen entscheidet sich für den Weg der Gewalt, der in der Katastrophe mündet. Natürlich könnte man sich über die doch recht aufdringliche Moral dieses Romans echauffieren. Durch Lasker-Berlins lebendiges Interesse für die Psychen ihrer Figuren wird Elijas Lied jedoch zu einem interessanten Debüt.

Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied
Frankfurter Verlagsanstalt 2020
256 Seiten / 22 Euro

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