Das Manifest der identitätspolitischen Partei – Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Von Matti Borchert

Olivia Wenzels Erzählerin hat tausendfältige Angst: Angst vor arabischen Terroristen, vor dem Reisen, vor Weißen, vor der Mehrheitsgesellschaft, vor der Mutter, vor ihrer Sexualität; davor, nicht dazuzugehören, sich zu binden, politisch nicht korrekt zu handeln oder selbst Mutter zu werden. In einem imaginierten Zwiegespräch mit sich selbst geht sie den verschlungenen Wurzeln ihrer Ängste mal ernsthaft, mal halbherzig auf den Grund. Dabei münden alle Erinnerungen und Gedanken in den Fragen, wo, woher und wer sie sei – dringende Fragen nach ihrer Identität. Doch taugt dieses Gemisch aus Angststörungen und identitätspolitischen Affekten zu einem gelungenen Roman?

Wie darf ich als weißer Mann über einen Text schreiben, der von einer jungen bisexuellen dunkelhäutigen Frau aus Thüringen handelt? Staunend machte mich jüngst ein Artikel des aufstrebenden Literaturtheoretikers Johannes Franzen aus der taz, in dem er in der Diskussion um Jeanine Cummins’ Roman American Dirt zur Beachtung der Komplexität identitätspolitischer Fragen mahnte. Worin die behauptete Komplexität im Verhältnis von Literatur und Identitätspolitik liegt, erklärt er indes nicht. Ich dachte immer, die Reduzierung eines gesellschaftlichen Problems auf Stereotype und auf sichtbare Körpermerkmale sei hochgradig unterkomplex. Aber die Logiken haben sich wieder einmal in ihr Gegenteil verkehrt. Und so laufe sicher auch ich schnell Gefahr, mir bei einem kritischen Blick auf Wenzels Roman den Vorwurf intersektioneller Diskriminierung einzuhandeln. Überhaupt wird man mir sicherlich untersagen wollen, mich mit der Hauptfigur auseinanderzusetzen, können doch entsprechend der identitätspolitischen Logik nur Betroffene über Mitbetroffene sprechen. Ich müsse mir erstmal meiner Privilegien bewusst werden, bevor ich lesen dürfe, von welcher Angst Olivia Wenzel in ihrem neuen Roman schreibt. Doch wer so argumentieren wird, hat nicht nur die Verhältnismäßigkeit von Ästhetik und Ethik aus dem Blick verloren, sondern ist sich überdies der Konsequenzen der eingeforderten Debattenregulierung willentlich oder unwillentlich nicht bewusst.

Wer nur noch über sich selbst redet, gründet seine Einschätzungen auf Zirkelschlüssen. Neue Erkenntnis ist so nicht möglich. Kunst ist aber universell und nicht allein geschaffen für die perpetuierte Selbstbestätigung bestimmter communities. Kunst muss zudem nicht primär ethisch, sondern ästhetisch sein. Eine dauerhafte Belehrung ist langweilig, weil sie unreflektiert Klischees reproduziert, anstatt sie lebhaft im Geschehen des Romans zu verhandeln. Der Primat der Moral ist bedenklich, weil er zu Instrumentalisierungen und Eindimensionalitäten führt, anstatt Literatur kontrovers und plural zu gestalten. Literarische Kunst ist die ästhetisch ansprechende Reflexion menschlichen Handelns und Leidens. Gelungene Literatur bleibt dabei bedeutungsoffen und vielfältig. Das schafft sie, indem sie das ästhetische über das ethische Prinzip hebt und die Präsentation geschlossener Weltbilder vermeidet.

Auch Wenzels Roman muss sich trotz aller tagespolitischer Aktualität zunächst an der Qualität ästhetischer Kategorien messen lassen: Der Roman ist in drei Teile gegliedert, in der eine dauerhaft irritierte, nicht immer zuverlässige Erzählerin in Analogie zu einer therapeutischen Sitzung von ihren jüngeren und älteren Erlebnissen spricht. Dabei fragt sie sich wahlweise selbst oder imaginiert eine fragende Instanz, auf die sie oft assoziativ antwortet. Bezugspunkte all ihres Erzählens sind die Mutter, ihr verstorbener Bruder und ihre Freundin Kim. Im Zuge der gedanklichen Auseinandersetzung mit ihnen thematisiert sie eigene und fremde rassistische Alltagserfahrungen.

Gleich einem Mosaik fügen sich die Ängste und Traumata der Erzählerin aus den zeitlich sprunghaften Wahrnehmungs- und Gedankenströmen zusammen. Dabei entfalten einige dieser Ströme zuweilen eine große Eindringlichkeit, da sich die Erzählerin drastisch in Rage denken kann. Interessant sind darüber hinaus die Partien, in denen ihre gestörten Beziehungen zur Mutter und zur Freundin Kim reflektiert werden. Nach all den Darstellungen von destruktiven Vater-Sohn-Beziehungen erscheint die literarische Betrachtung von Frauenbeziehungen besonders lohnend.

Allein der Text kann seine Potentiale nicht entfalten, da die Reflexionsstufen kontinuierlich vom eigentlichen Thema des Romans unterbrochen werden: dem erlebten Rassismus der Erzählerin oder ihrer empfundenen Diskriminierung. Dabei stimmt manch eindrückliche Szene durchaus nachdenklich und weckt Mitleid. Allerdings macht die bloße Aneinanderreihung tatsächlicher oder vermeintlicher rassistischer Erlebnisse noch keinen Roman. Im Gegenteil: Wie Allgemeinplätze muten die Aufzählungen des Alltagsrassismus in Filmen, der Sprache, in Fragen nach der Herkunft, nach Privilegien ‚der Weißen‘ und in den verschiedenen Facetten der sogenannten cultural appropriation an. Viele Anekdoten schreiben Klischees einfach fort: etwa vom ‚Deutschen‘, der mit einer Vietnamesin verheiratet ist und aus neoimperialistischen Trieben einen Strandabschnitt in Vietnam gekauft hat; daneben von den typischen ‚alten Leuten‘, die sich stets von der Hautfarbe der Erzählerin belästigt fühlen.

Klischees können durchaus auf wahre Begebenheiten und tatsächliche Erfahrungen rekurrieren, andernfalls wären sie nicht existent; allerdings verengen sie die komplexen realen Zustände zu Stereotypen. Das erkennt die Erzählerin mitunter selbst, ohne aber sich dessen für die eigene Darstellung vollends bewusst zu werden. Damit verstrickt sich auch sie in die Widersprüche und Fehlschlüsse identitätspolitischer Positionen. Sie leidet an Stereotypsierungen, um sie dennoch auf andere anzuwenden. Sie verbittet sich die Frage anderer nach ihrer Herkunft, um sich selbst darüber maßgeblich definieren zu wollen. Scherze von Menschen aus Angola über ihre Hautfarbe sind willkommen, einen Witz ihrer Berliner Freundin darüber, ob sich ein Brokkoli wie vor einem Geist erschrecken würde, wenn er einen Blumenkohl sähe, empfindet sie als rassistisch. Dieser andauernde reflexhafte Rassismusvorwurf verhindert jedoch umfassenderes Nachdenken – auch über Rassismus – und ermüdet aufgrund seiner Redundanz.

Die Dissonanzen zwischen Rassismusanklage und eigenem Schwarz-Weiß-Denken sind deutlich vernehmbar. Richtig hellhörig wird man aber eigentlich immer nur dann, wenn sich die Erzählerin ihrer gedanklichen Serpentinen bewusst zu werden scheint, auf die sie ihr dichotomes Denken gebracht hat: etwa in manchem Eindruck der Belastung, jede Alltagsszene rassistisch ausleuchten zu müssen. Diese wachen Momente hallen jedoch nicht lange nach. Vielmehr sind ihre Positionen starr und ihre Überlegungen seicht. Auch die unbestimmte Zusammenstellung von Leitmotiven wie die zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotographien allen voran der Mutter und die regelmäßig wiederkehrenden Automatenallegorien geben dem Text keinen stärkeren gedanklichen Tiefgang. Sie verbinden einzelne Passagen, ohne dass deutlich wird, inwiefern sie zu einem besseren Verständnis der Erzählerin beitragen. Fühlt sich die Erzählerin wie ein Automat? Ist ihr Leben wie ein Schwarz-Weiß-Foto? Der Kitsch an Motiven erlebt seine Höhepunkte in Erweckungsmomenten wie Stürzen auf dem Flughafen oder pseudotiefsinnigen Begriffsüberlegungen zu „Gehör“ in „Angehören“ oder „Longing“ in „Belonging“. Für mehr Buntheit und Vielfalt abseits von Schwarz und Weiß sorgt auch die auf dem Buchcover wie im Roman aufdringliche Allgegenwärtigkeit der Farbe Pink nicht. Der Roman kann als identitätspolitische Bilanzierung gelesen werden; er bietet allerdings über die Erzeugung von partieller Betroffenheit hinaus kein genuin literarisches Erlebnis.

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst
Fischer 2020
352 Seiten / 21 Euro

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