„Das Buch heißt Roman, weil es sich um eine subjektive Form der Erinnerung handelt“ – Frank Witzel: Inniger Schiffbruch

Von Jascha Feldhaus

Gedächtnis und Erinnern sind alte Kulturtechniken, die bis heute Gemeinschaften und Individuen prägen. Was das Gedächtnis und die Erinnerungen nach dem Verlust wichtiger Menschen auslösen, dem spürt Frank Witzel in seinem neuesten Roman ‚Inniger Schiffbruch‘ nach und entdeckt dabei Verlorenes wieder, trifft auf Widersprüchliches und legt Neues offen. Die Nähe zu seinen realen Lebenserlebnissen lösen hier und dort die fiktive Textanlage auf. Doch lädt Frank Witzel durch seinen offenen Umgang den Leser dazu ein, selbst über die eigene Geschichte nachzudenken.

Nach dem Tod seines Vaters, zwei Jahre nach dem seiner Mutter, wird der sechzigjährige Ich-Erzähler Frank Witzel endlich erwachsen: „‚Jetzt bist du ein Mann‘, sagte der Besitzer des Hundesalons“. Was zunächst verwirrend wirkt, ist aber einfach nur die Auflösung des Verhältnisses zu den eigenen Eltern, derentwegen das eigene Kind-Sein nun gänzlich aufgehoben wird: Der Tod als Grenze zwischen dem Dies- und Jenseits bestimmt also den Status der Lebenden. Diese Einsicht bekommt der Erzähler dann auch selbst: „Durch ihren Tod waren meine Eltern aus der familiären Funktion gelöst, sodass ich sie zum ersten Mal als Personen mit einem eigenen Leben […] begriff, und nicht länger allein in Bezug auf mich.“

Den Einstieg in den Roman Inniger Schiffbruch bildet eine Traumszene, in der der Ich-Erzähler in das seit kurzem verlassene Haus seiner Eltern zurückkehrt: Dort stößt er erschrocken auf ein Rhinozeros und in dem gleichen Moment fällt ihm ein, dass er nicht nur dieses, sondern auch die fünf Hunde im Haus füttern und tränken muss. Wie es sich oft mit Träumen verhält, formen sich in ihnen unwahre Bilder zusammen, die ein phantastisches Stück aufführen. Dieser und zwei weitere Träume sind es, die sich dem Erzähler langsam in ihrer Bedeutung mehr und mehr öffnen und mit denen er eigene Erlebnisse aus dem familiären Bereich ausdeutet. Darüber hinaus werden vor allem Kindheits- und Jugenderinnerungen beschrieben.

Das alles bildet die Grundlage, um mit den Nachlassmaterialien seiner Eltern, die Sicht von ihnen einzunehmen. Dabei wird deutlich: Das Potpourri seines Vaters ist wesentlich umfassender als das seiner Mutter. Die Lebensgeschichte des Vaters lässt sich in einer peniblen Ordnung quasi seit seiner Geburt aus dessen Sicht nachvollziehen. Dabei tauchen die Kindheitsjahre der NS-Zeit und des Weltkriegs ebenso auf wie die Phase als Familienvater in der späteren Nachkriegszeit bis zu seinem Ableben, was auch immer wieder auch für eine Unruhe im Erzähler sorgt: „dennoch wandelte sich das, was ich am Abend zuvor mit einem gewissen Amüsement betrachtet hatte, über Nacht in Szenen, die Beklemmung und Abgespanntheit auslösten.“

Das Gegenteil zum alles ordnenden und notierenden Vater ist die Mutter, von der „nichts an persönlichen Dokumenten hinterlassen“ wurde. Einzig das Dokument eines Rechtstreits, den ihr Vater für ihre Schwester und sie geführt hatte, bietet Einsicht in ein Leben, das durch die Vertreibung aus der polnischen Heimat geprägt wurde. Diese Erfahrung führte auch dazu, dass sie sich von Polen abwendete und auch nicht darüber sprach. Dennoch „waren in ihrer Sprache die Reste dieses ‚Klangs aus dem verlorenen Paradies‘ mit eingewoben und hielten eine Erinnerung wach“.

„Das Buch heißt Roman, weil es sich um eine subjektive Form der Erinnerung handelt“, erklärt Frank Witzel in einem Interview mit seinem Verlag. Durch die subjektive Form der Erinnerung erschafft sich Witzel einen Ich-Erzähler, der nahe am Autoren dran ist und trotzdem „ein anderes Leben lebt und auch andere Gedanken teilweise hat, teilweise auch ganz andere Empfindungen“. Ein spannendes Unterfangen, was hier auch gut umgesetzt wird, wenn auch mit zunehmender Lektüre dieser Fiktionalitätsanspruch immer mehr in den Hintergrund gerät oder verschwimmt: Durch viele Passagen hindurch wirkt das Buch sehr redselig, manchmal gar langweilig. Die autobiographischen Bezüge nehmen dann so viel Platz ein, dass die Bezeichnung Roman nicht mehr auszureichen scheint, den fiktionalen Charakter des Textes anzuerkennen.

Nichtsdestotrotz hat Frank Witzel hier ein Buch vorgelegt, das – und vor allem darin besteht seine Stärke – dem Leser die Auseinandersetzung mit Verlust und dem daraus resultierenden Erinnern bietet. Die hellen Einsichten über Vergangenes und Verdrängtes, über Unsicherheiten in der Erinnerung sind überaus bemerkenswert: „Die Erfahrung von Vergänglichkeit verband sich mit der Erfahrung, diese Vergänglichkeit nicht wirklich erfahren zu können.“ Oder „Und wahrscheinlich besteht Verdrängung genau darin, selbst das Offensichtliche nicht wahrnehmen zu können, weil es entsprechend harmlos konnotiert ist.“ Wenn sich der Autor hier und dort hilfesuchend an große Namen wie Adorno, Bernhard oder Kertész wendet, dann überlädt das den Text nicht, sondern belebt die Perspektive und unterstützt die subjektive Position des Erzählers, in dem sie ihn in seiner Bewältigung reflexiv begleiten: „Mein Unbewusstes hingegen rührte mich, weil es jetzt schon Adorno bemühen musste, um mich, wie der gütige Lehrer, den ich nie gehabt hatte, behutsam auf einen Lösungsweg hinzuweisen“.

Inniger Schriffbruch ist ein Roman, der nicht unbedingt seiner erzählten Geschichte wegen gelesen werden sollte, sondern seines hervorragend ausgearbeiteten Themas des Erinnerns und Gedächtnisses wegen: Gerade in den kürzeren, reflektierenden Passagen zu dieser Problematik besticht die gedankliche wie sprachliche Qualität des Textes und nicht in den langwierigen Erzählungen der Familiengeschichte.

Frank Witzel: Inniger Schiffbruch
Matthes & Seitz 2020
360 Seiten / 25 Euro

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