Herr der Tagediebe – Zum ersten Todestag des Schriftstellers und Grafikers Christoph Meckel

Von Florian Wernicke

„… und wäre jetzt gern bei dir. Sehr gerne würde ich etwas für Dich tun, Dir eine Zeitung mit guten Nachrichten kaufen, Frühstücksbutter aus Deinem Mundwinkel küssen, vielleicht Deine Kniekehlen streicheln, irgendwas.“

Vor genau einem Jahr starb der Dichter und Grafiker Christoph Meckel in Freiburg. Seine Doppelbegabung war die Voraussetzung für eine Vielzahl von besonders schönen Kunstwerken. Der Versuch einer Würdigung.

Der oben zitierte, unfertige Ausschnitt bildet den Beginn gleich zweier Erzählungen: Zum einen jener des Buches Licht aus den späten 1970er-Jahren, das die Retrospektive einer aus der Welt gewichenen Liebe beschreibt. Und es ist zugleich der Beginn meiner eigenen Beschäftigung mit dem Autor Christoph Meckel. Das war 2011 in Heidelberg. Was mich damals – selbst mit einer verloren gegangenen Liebe geschlagen – an diesem Buch bewegte, waren Milde, Nachsicht und der würdevolle Umgang mit den schwierigen und schmerzvollen Gefühlen, denen sich der Protagonist gegenübersieht. Im Widerklang zum manchmal eskalativen Gegenwartsgeist, bewahrt Meckel seine Charaktere vor der Zerstörung des gemeinsam erschaffenen Guten früherer Tage, indem er klug zu dekonstruieren versteht, was mancher unter dem inneren Lärm der Enttäuschung lieber destruierte.

Der am 12. Juni 1935 in Berlin geborene Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel galt vielen als eine Art Literates Literate. Äquivalent etwa zum Songwriter und Gitarristen J. J. Cale, der diese Rolle als Musiker einnahm und einige seiner wesentlich populäreren Kollegen und Zeitgenossen zu großen Hits inspirierte, stand auch Meckel nicht im allerersten Rang deutschsprachiger Schriftsteller. Dennoch verlegen auch große Häuser wie Hanser zahlreiche seiner Werke bis heute. In der Sprache von heute könnte man ihn wohl – mit etwas Humor – als literarischen Influencer bezeichnen. Einer, der es in ganz eigener Weise verstand, dem Bildhaften eine lebendige Sprache anzuheften, und dadurch sonst voneinander getrennte Bereiche zusammenbringen konnte.

Wort und Bild

Christoph Meckel ist der Sohn des Schriftstellers Eberhard Meckel und einer Mutter, deren von Meckel zugeschriebene Übermacht und Unfähigkeit zu leidenschaftlicher und liebevoller Empfindung viele Bereiche seines Schaffens prägen sollten. Er besuchte das Gymnasium in Freiburg, studierte ebendort und in München Grafik und schuf ab 1956 sein eine ganze Lebenszeit umspannendes Werk. Hierzu zählen neben nahezu 60 Büchern, 29 Gedichtbänden und unzähligen Grafiken und Zeichnungen auch einige Tonträger. Ein größeres Publikum erreichte Meckel 1978 mit seiner eingangs erwähnten Erzählung Licht. Mehrfach wurde er für sein literarisches und grafisches Werk ausgezeichnet. Zudem war er Mitglied nationaler und internationaler literarischer Vereinigungen. Meckel lebte in Südbaden und teilweise in Frankreich, unternahm ausgedehnte Reisen innerhalb Europas, den Amerikas und Teilen des afrikanischen Kontinents. Heute vor einem Jahr starb er schließlich in Freiburg im Breisgau.

Die Produktivität seines Schaffens lässt darauf schließen, dass es Meckel ernst war mit der Sprache und dem Grafischen. Dennoch ist er kein Massenproduzent beliebiger Waren und verstand sich selbst auch keinesfalls als jemanden, der die Frage nach dem Warum des künstlerischen Tuns aus reinem Nützlichkeitstzwang zu beantworten beabsichtigte. Vielmehr stehen Muse, leidenschaftliche Gegenwartsrezeption und Vergangenheitsanalyse, der Wille, leiblich und sinnlich zu erfahren und zu verstehen, im Zentrum von Wort und Bild. 

Das Bewegende an vielen von Meckels Büchern, Geschichten, Gedichten, Artikeln und Bildern ist die Verbindung von Wort und Bild. Gedichte und Erzählfragmente finden sich auf Zeichnungen und Drucken und umgekehrt. Sie drängen einander auf und verwinden sich ineinander. Dadurch gelingt es Meckel, Naturelemente, zwischenmenschliche und nichtmenschliche Beziehungen sowie fantasievolle Freizügigkeiten zusammen zu bringen und gleichzeitig dem Betrachter genügend Raum für eigene Deutungen und Erfahrungen mit dem Material zu geben.

„Wir suchten etwas, worüber wir sprechen konnten und fanden es in der Erinnerung.“  

Daneben prägen Erinnerungen zahlreiche der Texte Meckels. Sie sind zugleich Reflexionen von Beziehungen zu Menschen und der sie umgebenden Zeit. So setzt sich Christoph Meckel in Suchbild. Über meinen Vater kritisch mit der Haltung der Generation seiner Väter gegenüber der NS-Diktatur auseinander. Er verurteilt die geistige Flucht einiger Intellektueller in lyrische Naturschilderungen, während deren Sprache eigentlich als Werkzeug geistigen Widerstandes hätte wirken müssen.

Erinnerungen sind jedoch auch Ausgangspunkte für neue Begegnungen, die bei Meckel fast immer von großzügigem Entgegenkommen und der selbstverständlichen Akzeptanz von Vielfalt und Differenz getragen sind. So räumt der Autor freimütig ein, woher er neue Ideen bezieht. 

Etwa auf seinen Reisen durch Teile Afrikas, die er unter anderem im Buch Dunkler Weltteil thematisiert. Dort kommt er in Kontakt mit dem Schriftsteller Amos Tutuola und seinem Buch The Palmwine-Drinkard, einer fantastischen Geschichte eines reichen, palmweinsüchtigen Mannes, der sich nach dem Tod seines Palmweinzapfers auf die Reise in die Stadt der Toten begibt, um diesen zurückzuholen. Analogien zu Tutuolas Erzählformen, die auf alten Volkserzählungen beruhen, lassen sich auch in anderen Gedichten und Kurzgeschichten Meckels erkennen. 

Die Leichtigkeit und Größe, mit der seine Figuren ihren Welten gegenüberstehen, finden sich auch in anderen Begegnungen. Seien es die fantastische und gänzlich angstlose nächtliche Begegnung mit einem Löwen im eigenen Schlafzimmer (Ein roter Faden) oder jene mit einem französischen Bauern, dessen Weltgewandheit um einiges begrenzter, seinem Gegenüber aber nicht weniger Wert zu sein scheint (Ein fremder Mensch). Natürlich kennt die Großzügigkeit auch Grenzen, macht vor einem anderen Teil der eigenen Biografie halt. So berichtet Meckel in dem 2002 erschienenen Suchbild. Über meine Mutter gänzlich unromantisch über eine Mutter, der es an Empathie und freudvoller Lebenskraft gänzlich zu mangeln schien und die „mit sich einverstanden [blieb] bis zuletzt“.

Vielleicht ist es genau daher nur wenig verwunderlich, dass die Texte von Meckel gleichsam als Gegenentwurf zur mütterlichen Lebensfeindlichkeit von Lebendigem durchdrungen sind. So ergänzen Grafiken Buchseiten, durchbrechen Handschriften Drucke oder ringen Vögel, deren Flug noch in der Luft zum tragischen Stillstand kommt (Ein roter Faden), mit liebevoll arrangierten Naturbildern und einer zugleich profilierten, jedoch nicht aufdringlich daherkommenden, umfassenden Literaturkenntnis (Von den Luftgeschäften der Poesie) um die Aufmerksamkeit des Lesers. Die Wiederholung bestimmter bildsprachlicher Elemente – wie Kirschbäume, Akazien, junger Wein und Nüsse, Wind und Ebenen voller Licht – mag die einen langweilen, für andere jedoch Ankerpunkte setzen, die einen Konnex zu vielleicht sonst vergessenen Szenen, an anderer Stelle des Werkes setzen.

Ein undogmatischer, unverzichtbarer Dichter 

Organisch und undogmatisch sind vor allem die Gedichte Meckels Wunschwort-Komposita, Empathie und Leichtigkeit erzeugen eine Umgebung, in der sich auch vermeintlich Erwachsene mit kindlicher Leichtigkeit orientieren und bewegen können.

Rückt ein im Schlaf von allerorten,
mein Haus hat immerdunkle Bleibe
für Irrlichtjäger, Mumien, Wintertiere
und für die schlaflosen Händler, die auf dem schimmernden
Boulevard der Mondlichthotels
Müdigkeit aus ihren Füllhörnern verkaufen.1

Die Musikalität, mit der Meckel das Verhältnis zwischen Bild und Text zum Schwingen bringt und zugleich die Sorge um eine gemeinsame Erinnerung, ohne den gleichzeitigen Wunsch nach einem Vermächtnis, sind es, die mich seit dem Lesen der eingangs genannten Sätze, immer wieder auf Christoph Meckel zubewegen. Beeindruckt haben mich die kluge und zugewandte Art, Differenz als Selbstverständlichkeit menschlichen Miteinanders und Grundsatz allen Lebens zu erfahren. Seine Figuren stehen nie nur für sich, sind keine Egomanen, sondern vielmehr Teil einer gemeinsamen, manchmal sogar geheimen Sache.

Wer sich einen Überblick zum lyrischen Gesamtwerk Christoph Meckels verschaffen möchte, dem sei die 2015 erschienene Zusammenfassung der insgesamt 29 Gedichtbände Tarnkappe empfohlen. Die gesammelte Prosa findet sich in dem Band Eine Tür aus Glas, weit offen aus dem Jahr 2020, die zugleich tiefere Einblicke in Inspiration und Schaffen des Künstlers gibt. Ein Teil des grafischen Werks wird im Frühjahr 2022 im Rahmen einer Ausstellung des Freiburger Museums für Neue Kunst im Haus der Graphischen Sammlung zu sehen sein. Die Ausstellung stellt drei bedeutende Werkkomplexe vor, die jüngst für die Sammlung des Museums erworben werden konnten. Sie machen Meckel als anklagenden Beobachter des Zeitgeschehens von den Nachkriegsjahren bis in eine globale Welt sichtbar.

Nun ist Christoph Meckel seit einem Jahr verstorben. Hinterlassen hat er der Welt und den Menschen einen farbenreichen Abdruck ihrer selbst und einige Luftgeschäfte der Poesie, die sich für Leser und Nachahmer als nachhaltig profitabel erweisen. Den folgenden Satz habe ich mir einige Male zur Beendigung eines Briefes geliehen und es fällt mir schwer, eine glücklichere Aussicht für diesen Artikel zu beschreiben. Also, liebe Tagediebe, nehmt Euch heute Zeit für ein Gedicht, es lohnt sich.

Tagediebe waren wir,
Tagediebe sind wir,
Tagediebe bleiben wir allezeit!2


1 Auszug aus dem Gedicht Hotel für Schlafwandler aus dem Band Tarnkappe
2 Auszug aus Luftgeschäfte der Poesie.

Literaturhinweise:
Christoph Meckel: Licht, Nymphenburger 1978.
Christoph Meckel: Ein roter Faden, Hanser 1983.
Christoph Meckel: Luftgeschäfte der Poesie, Suhrkamp 1985.
Christoph Meckel: Tarnkappe. Gesammelte Gedichte, Hanser 2015.
Christoph Meckel: Eine Tür aus Glas, weit offen, Hanser 2020.
Amos Tutuola: The Palm-Wine Drinkard, Faber & Faber 2014.

Foto: Ildigo / pixabay.com

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