Dem Mythos nach springt ein Frosch, so man ihn in kochendes Wasser wirft, sofort aus dem Topf – während er, wenn das Wasser nur langsam erhitzt wird, keine Fluchtversuche unternimmt, weil er die Temperaturunterschiede nicht bemerkt. In Sasha Marianna Salzmanns zweitem Roman dient als Kochwasser ein korrupter sowjetischer Staat, in dem seine BürgerInnen – Salzmanns ProtagonistInnen – weichgekocht werden, bis nur noch wenig Lebendiges und Ehrlich-Authentisches an ihnen ist. Das titelgebende Tschechow-Zitat ist bittere Ironie, weil die Autorin ausschließlich das Gegenteil umschreibt: Herrlich ist da wenig, beherrscht schon eher. Auch 30 Jahre, nachdem der Ofen ausging, kann das Kochwasser noch salzig genug sein, lähmt es die Frösche noch.
Kategorie: Allgemein
Spät dran und immer noch paternalistisch – Götz Aly: Das Prachtboot
Pünktlich zur Eröffnung des umstrittenen Humboldt-Forums im rekonstruierten Berliner Stadtschloss begibt sich der renommierte Politikwissenschaftler, NS-Historiker und Journalist Götz Aly auf fremdes Terrain und untersucht in seinem neuen Buch Das Prachtboot die Geschichte des deutschen Kolonialismus und musealer Sammlungen in der Südsee. Das Ergebnis überrascht. Leider.
Der Buchbegeisterer – Interview mit Uwe Kalkowski
Uwe Kalkowski ist der Kaffeehaussitzer. Seit 2013 bloggt der leidenschaftliche Leser und Kaffeetrinker unter diesem Namen. Mit seinen betont subjektiven Buchbesprechungen, die oft von atmosphärischen Fotos aus Cafés begleitet werden, ist er zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Literaturblogger geworden. Im Interview mit Aufklappen hat Kalkowski erzählt, was seinen Ansatz von klassischer Literaturkritik unterscheidet und warum Blogs und Feuilleton keine Bedrohung füreinander sind.
Im Auge des Betrachters – Flora S. Mahler: Julie Leyroux
Wer ist Julie Leyroux? In ihrem gleichnamigen Debütroman nähert sich die Autorin Flora S. Mahler dieser Frage, ohne abschließende Antworten zu geben, und entwirft eine im wahrsten Sinne des Wortes kunstvolle Biographie einer faszinierenden, kaum greifbaren Künstlerinnenfigur.
In München steht ein Dichterhaus – Hans Pleschinski: Am Götterbaum
Münchner Kulturpolitik und ein vergessener Nobelpreisträger bilden den Stoff für den neuen Roman von Hans Pleschinski. Der Autor setzt damit seine romangewordene Ahnengalerie deutscher Schriftsteller fort. Am Götterbaum ist zwar als Hinführung zu Paul Heyse interessant, erscheint aber letztlich als literarisch dürftiges Elaborat aus einer zur Serie verkommenen Produktlinie.
Das Schlimmste ist, sich beim Lesen wohlzufühlen – Interview mit Klaus Kastberger
Klaus Kastberger besetzt eine der eigenartigsten und vielseitigsten Positionen im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Als Professor an der Uni Graz rückt er der Literatur der Gegenwart mit wissenschaftlichem Besteck zu Leibe, als Leiter des dortigen Literaturhauses bemüht er sich um Literaturvermittlung, und beim Bachmannpreis schlüpft er in die Rolle des Literaturkritikers. Warum diese Verbindung ideal ist, was die Grazer Literatur so abgedreht macht und warum er sich beim Lesen niemals wohlfühlen mag, hat uns der Erfinder der Literaturshow Roboter mit Senf im Interview erzählt.
„Der ewig böse Deutsche“– Maxim Biller: Der falsche Gruß
Maxim Biller liefert in hoher Kadenz Romane, Erzählungen, Essays, Kolumnen und Miszellen. Seine Werke befassen sich mit der einzigen Sache, die in der Literatur nichts verloren hat: der Wahrheit, der einen Wahrheit, und der Suche nach ihr. Heute gesucht: Die Wahrheit über den konservativen Deutschen, der sich mal rassistisch, mal frauenfeindlich, mal antisemitisch äußert, im Grunde aber gut sein will.
„Die Einladung kling perfekt“– Max Küng: Fremde Freunde
Ein Plan, drei Familien und ein Ferienhaus bilden die Kulisse für den vermeintlich perfekten Urlaub. Wären da nicht die Ansprüche, den Urlaub perfekt zu gestalten, wäre da nicht das Absturzpotential, das Max Küng in seinem Roman Fremde Freunde vollends auskostet, so groß, dann aber wäre wohl auch der Roman weniger außergewöhnlich.
Schluss mit Stuckrad-Barre – Interview mit Miriam Zeh
Literaturkritik ist nicht in der Krise, sie entwickelt sich bloß weiter, meint die Kritikerin Miriam Zeh. In Zukunft müsse es darum gehen, den Bedürfnissen einer sich pluralisierenden Gesellschaft entgegen zu kommen. In welchen Medien, mit welcher Sprache und mit welchen Büchern es klappen könnte, erzählt sie im Interview mit Aufklappen.
Requiem für einen alten weißen Mann – Johanna Adorján: Ciao
Seine Zeit läuft ab. Zu alt, zu weiß zu männlich kommt das Feuilleton vielen Zeitgenossen vor. Mit welchen Mitteln der Machtwechsel herbeigeführt werden könnte, lässt sich in dem neuen Roman von Johanna Adorján lesen. Erst wird es schmutzig, dann wird einiges besser, aber manches wird für immer verloren sein.








