Requiem für einen alten weißen Mann – Johanna Adorján: Ciao

Von Pascal Mathéus

Seine Zeit läuft ab. Zu alt, zu weiß zu männlich kommt das Feuilleton vielen Zeitgenossen vor. Mit welchen Mitteln der Machtwechsel herbeigeführt werden könnte, lässt sich in dem neuen Roman von Johanna Adorján lesen. Erst wird es schmutzig, dann wird einiges besser, aber manches wird für immer verloren sein. 

Wenn Johanna Adorján die Feuilleton-Welt beschreibt, kann man davon ausgehen, dass sie weiß, wovon sie spricht. Die Journalistin hat lange Jahre fürs Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben, seit 2016 ist sie für die Süddeutsche Zeitung tätig. Insofern lassen sich die Gespräche zwischen alten und jungen Redakteuren, die Gebaren von Ressortchefs kurz vor der Rente und von neuen Kräften, die „frischen Wind“ bringen sollen, aber eigentlich bloß hinter der Fassade von smileydurchsetzten E-Mails radikale Sparpläne exekutieren, wohl als realistisch bezeichnen. 

Realistisch, wenn auch etwas überspitzt. Adorján hat in Ciao weniger komplexe Figuren als vielmehr Typen geschaffen, die Rollenmustern auf den Extrempositionen der Kampfzone im Deutungskrieg der Gegenwart entsprechen. Wirklich nur Rollenmuster? Mit Blick auf Michael Denninger, einen im Roman vorkommenden Showmaster, könnte man wieder ins Zweifeln kommen. Sein öffentliches Auftreten erinnert in Vielem recht deutlich an Thomas Gottschalk. Wenn dessen Profil so klar erkennbar ist und der Realität entspricht, fragt man sich natürlich, ob die Karikaturen gleichenden Feuilletonredakteure vielleicht auch realistischer sind, als einem lieb sein kann. 

Zum Anforderungsprofil des Feuilletonisten gehört es jedenfalls, sich immer wieder aufs Neue von der Gegenwart faszinieren zu lassen. Beweis? Hören Sie mal in den gegenwartsbesoffenen Podcast der Zeit-Feuilletonisten Ijoma Mangold, Nina Pauer und Lars Weisbrod. Auch Hans Benedek, der Held von Adorjáns Roman, will den Anschluss nicht verlieren. Ciao erzählt die Geschichte von Abstieg und Aufbäumen des Kunstkritikers Benedek, der als Feuilletonist klassischen Zuschnitts zusehends den Boden unter den Füßen verliert. Um in einer immer digitaler werdenden medialen Gegenwart zu bestehen, wirft er sich an die Romandebütantin, Feministin und Influencerin Xandi Lochner heran. Bei dem Versuch sie zu porträtieren, geht er zu Grunde. 

Lochner steht für eine Zukunft, die sich anschickt, zur Gegenwart zu werden. Sie ist smart, gut informiert und vernetzt. Damit sticht sie die Älteren aus. Ein Schlüsselsatz lautet: „Was ich nicht verstehe, ist, wie man so lautstark Meinungen äußern kann, ohne die Fakten zu kennen.“ Lochner kennt die Fakten. Doch was sind Fakten? Das Feuilleton hatte zumindest bisher eher mit Trends, Moden, Theorien und Gedanken zu tun. Das wird sich ändern. Während Hans Benedek noch auf einen jüngeren Kollegen herabschaut und sich in seinem intellektuellen Überlegenheitsgefühl sonnt, hat dieser mit der Chefredaktion bereits ausgehandelt, dass er Benedeks Büro übernehmen wird. Neben Followerzahlen heißt die neue Währung Moral. Sie wird zur Waffe gegen selbstverliebte Großsprecher, die ihre Ideen nur deshalb für genial halten konnten, weil in der vordigitalen Zeit niemand dazu imstande war, verlässlich zu ermitteln, wie wenig ihre Texte gelesen wurden. Und was sie sonst noch mit Praktikantinnen und Interviewpartnerinnen anstellten, gehörte halt dazu. 

Auch wenn Xandi Lochner in vielerlei Hinsicht für ein Ende der Heuchelei steht, ist sie keinesfalls eine durchweg sympathische Figur. Ihre Auftritte kalkuliert sie genau auf die erwünschte Wirkung, jede Performance erscheint als Teil eines wohlüberlegten Karriereplans, der auf alles setzt, was gute Publicity generiert. Ob die „wichtigen“ Themen der Gegenwart aus Überzeugung oder Opportunismus angesteuert werden, lässt sich gar nicht mehr klar voneinander unterscheiden. 

Es wurde wohl schon deutlich, dass in Ciao eindeutig der Inhalt über die Sprache dominiert. Die Figuren reden alle auf ähnliche Weise, bedienen sich eines munteren, zeitgemäßen Großstadttons. Während die jüngeren Internetvokabeln und gegenderte Formen verwenden, bringt Benedek auch mal eine Dostojewski-Referenz an und spricht von seinem Auto ungelenk onkelhaft als von seinem „gelben Flitzer“.

Ciao ist damit kein großes Buch, aber ein flotter Roman, den man gerne liest, weil er lustig und klug ist. Er zielt ins diskursive Herz unserer Gegenwart – zumindest, wenn man aus der Perspektive des Feuilletons darauf schaut. Der Roman nimmt das momentane Zeitgefühl vom nahenden Ende einer Epoche auf und füllt es mit Inhalt. Es geht um den Untergang der alten weißen Männer, die das Reich des Feuilletons seit seiner Gründung beherrscht haben. Die Zukunft wird freier, bunter, weiblicher und moralischer sein – und geistloser. 

* * *


Johanna Adorján: Ciao
Kiepenheuer & Witsch 2021
272 Seiten / 20 Euro

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Foto: Markus Spiske / unsplash.com

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