Sowohl als auch statt schwarz oder weiß – Natan Sznaider: Fluchtpunkte der Erinnerung

Warum sollte man das eine lassen, um das andere tun zu können? Diese Frage stellt sich der Soziologe Natan Sznaider in seinem für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Buch zur Lage der Erinnerungskultur in Deutschland und der Welt. Das eine ist die Erinnerung an die Shoa, das andere die an den Kolonialismus. In seinem klugen, ausgewogenen Buch plädiert Sznaider für eine Ausweitung der Perspektive, die integrativ wirken könnte, ohne die Dinge zu vereinfachen.

Spät dran und immer noch paternalistisch – Götz Aly: Das Prachtboot

Pünktlich zur Eröffnung des umstrittenen Humboldt-Forums im rekonstruierten Berliner Stadtschloss begibt sich der renommierte Politikwissenschaftler, NS-Historiker und Journalist Götz Aly auf fremdes Terrain und untersucht in seinem neuen Buch Das Prachtboot die Geschichte des deutschen Kolonialismus und musealer Sammlungen in der Südsee. Das Ergebnis überrascht. Leider.

„‚Wir sind vieles‘, erwiderte sie. ‚Aber niemals zahnlos.‘“ – Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

Eine junge Frau in einem Dorf an der Küste Ghanas zur Zeit der einsetzenden Kolonialisierung, eine Adelige mit mathematischem Genie im Zeitalter der britischen Industrialisierung, eine Zwangsprostituierte in einem Thüringer KZ während des Zweiten Weltkriegs und eine schwangere Studierende in Berlin kurz vor dem Brexit-Votum. Zwei Schwarze und zwei ‚weiße‘ Frauen. Sie alle sind Ada. In einer vierdimensionalen Collage entwirft Sharon Dodua Otoo in ihrem Debütroman ‚Adas Raum‘ einen weiblichen Blick auf die Welt, die gezeichnet ist von Trauma, Rassismus und einem Funken Hoffnung.

Kopflos ins Abenteuer – Jan Koneffke: Die Tsantsa-Memoiren

„Unsere Köpfe würden eine schöne Trophäe abgeben, wenn nicht sogar eine begehrte“, schrieb der U.S. Amerikaner Fritz Up de Graff über sein Zusammentreffen mit Jívaro-Kriegern im Jahr 1894 in Ecuador. Spätestens seit seinem Reisebericht, in dem sich Fiktion und stereotype Zuschreibung mit tatsächlich Erlebtem vermischen, geistern Schrumpfköpfe durch die Literatur. Jan Koneffke macht sie nicht nur zum Gegenstand der Erzählung, sondern zum Erzähler selbst: In ‚Die Tsantsa-Memoiren‘ berichtet der Schrumpfkopf Tato in vier Teilen von seinem langen „Leben“.

In alles Leben gierig hineinbeißen – Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Mit einem durch und durch unkonventionellen Buch hat es die 1985 geborene Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. ‚Aus der Zuckerfabrik‘ fällt aus der Reihe – Autorin und Lektor sind sich nicht einmal einig, ob es sich dabei um einen Roman handelt oder eher um einen Recherchebericht. Was ist das Anliegen ihrer Arbeit? Über eine Lektüre so anspruchsvoll wie faszinierend.