Das Ende der Diplomatie als Anfang des Erzählens – Nora Bossong: Schutzzone

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Doch wie bekommen wir sie wieder in den Griff? Nora Bossongs Vorschlag: Wir könnten damit anfangen, die ungehörten Geschichten der unterpriviligierten Menschen auf der ganzen Welt anzuhören, denn Vielstimmigkeit ermöglicht Verständigung. Über einen in jeder Hinsicht fordernden und gelungenen Roman.

In ihrem berühmten Fernsehinterview mit Günther Gaus erklärte Hannah Arendt, dass sie ihre Profession nicht als Philosophie, sondern vielmehr als Politische Theorie verstanden wissen wollte. Ihr Anliegen sei es, sich weniger an rein begrifflichen oder definitorischen Fragestellungen abzuarbeiten, sondern vielmehr den Versuch zu wagen, in der Pluralität der Perspektiven politische Entwicklungen einordnen und bewerten zu können, um damit zu einer mündigen Bürgerin zu werden. An Wirkung sei sie dabei nicht interessiert, denn Wirkung, so erläuterte Arendt vernichtend süffisant, sei ein doch ausgesprochen männliches Phänomen. „Wissen Sie, wesentlich ist für mich: Ich muss verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist, nicht wahr, Teil in dem Verstehensprozess“.

Nora Bossong hat mit ihrem jüngsten Roman Schutzzone einen solchen arendtschen Verstehensprozess des Politischen im Modus der Literatur gewagt. Dabei wird in Bossongs Roman schnell klar, wie schwierig und beinahe unmöglich es ist, die globalen politischen wie diplomatischen Prozesse zu durchschauen oder gar verstehen zu können. Rettung bringt hier nur das Erzählen, das Bossong mit Schutzzone eindrucksvoll zu einer neuen Königsdisziplin für eine Thematik erkoren hat, die narrativ wahrhaftiger als theoretisierend zu bewältigen ist.

Als Scheidungskind kommt Mira Weidner, die Protagonistin des Romans, im Grundschulalter für einige Monate zu einer befreundeten Familie. Hier ist es Milan, der ihr emotional zu einem Bruder wird und dessen Vater, der ihr durch seinen außergewöhnlichen und mythenumgebenen Beruf als Diplomat bald als Vorbild erscheint. Mira wächst mit der großen bürgerlichen und westlichen Idee des politischen Eingreifens, des engagierten Helfens und Weltverbesserns auf. Nach einem Studium der Internationalen Beziehungen entscheidet sie sich für eine Karriere bei den Vereinten Nationen. So weit, so gut arrangiert.

Mira bleibt, wie die Institution für die sie von nun an arbeitet, letztlich undurchsichtig. Die Ideale des Rettens in globalen Zusammenhängen verliert sie (oder hatte sie diese nie?) und rückt mehr und mehr in den Status einer scharfen Beobachterin. Sie lebt das Leben der Diplomatie, eingespannt zwischen dem bürokratischen Genf oder New York und den Einsatzorten im Ausland. Ihr Privatleben bleibt so unaufgeregt, wie es der Job eben von ihr fordert. Über eine Affäre mit Milan, den sie während einer Veranstaltung bei der UN wiedertrifft, kommt sie nicht wirklich hinaus. „Bei ihnen habe ich mich immer gefragt, was sie der Welt eigentlich mitteilen wollen“, wird sie von ihrem Chef gefragt. „Ich? Nichts. Gar nichts.“, erklärt Mira so einsilbig wie illusionslos.

Und doch hat Nora Bossong ihre Heldin komplex gestaltet: So sehr Mira für die Vereinten Nationen einsteht, bis zur Ermüdung verhandelt und an eine immer fortschreitende Zivilisierung der Welt glauben will, so sehr nimmt sie das bisweilen janusköpfige Agieren ihres Arbeitgebers wahr. In den Krisenregionen, ob in Mossul oder Ruanda, lebt sie mit ihren Kollegen in abgeriegelten und gut gesicherten Camps, kann abends am gekühlten Pool den Feierabend genießen, während die kriegerische Wirklichkeit doch lieber draußen gehalten wird. Mira wird diese Absurdität schnell klar. Sie beobachtet aufmerksam, dass sich die Lebensrealität der Menschen da draußen nicht in Statistiken und Strategieplänen der Entwicklungshilfe erschöpfen kann. Sie weiß um ihren privilegierten Standpunkt und sie weiß allzu sehr, dass dem Konzept der Entwicklungshilfe doch immer der allzu fade Geschmack von einem Anspruch der moralischen Überlegenheit und Welterziehung innewohnt.

In Burundi, einst Teil von Deutsch-Ostafrika, werden für Mira die vergeblichen Bemühungen um die zivilisatorische Mission der Vereinten Nationen besonders erfahrbar. Hier, in einem der ärmsten Länder der Welt, das geprägt ist von Korruption, Willkür und Gewalt, steht die Auseinandersetzung mit den drei Völkermorden in den 70er, 80er und 90er Jahren noch aus. Im Hintergrund steht der noch immer schwelende Konflikt zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi und die Frage des Zusammenlebens einer Gesellschaft, die sich für ihre Geschichte zu verantworten hat – so zumindest die Auffassung der Vereinten Nationen, für die Mira hier eine Wahrheitskommission (welch wunderbar technokratischer Begriff!) vorbereiten soll. Mira soll die Menschen in dem Land befragen, wie es wirklich war. Sie soll herausfinden, wer wem was angetan hat und wie die Erinnerung daran wachgehalten werden kann. In dieser Position wächst Mira über sich hinaus und mit ihr der elegisch, bisweilen melancholisch gefärbte Roman: Da, wo die bürokratische Diplomatie an ihr Ende kommt, da beginnt das Erzählen der Betroffenen.

Zu den eindrucksvollsten Passagen von Schutzzone gehört jenes Gespräch, das Mira, ihre eigene Komfortzone endlich verlassend, mit einem Rebellengeneral namens Aimé in dessen Versteck führt. Wahrheit ereignet sich eben nicht in der offiziellen Version der Ereignisse derer, die als Weiße im Zeichen des Guten agieren wollen. Mira will die Menschen zum Erzählen bringen und wird so gleichsam zu einer umgekehrten Scheherazade, die zwar nicht um ihrer willen erzählt, sondern die erzählen lässt, um zu erfahren – ja, um zu verstehen. Als Aimé sie fragt, welchen Sinne es habe, aus dem Land ein Genozidmuseum zu machen, fühlt Mira sich ertappt und mit ihr der westliche, weiße Leser bester Absicht. „Sind Sie schon einmal gefoltert worden? fragte er. Sehen Sie, da ist das Problem: Sie verfassen Ihre Berichte, aber Sie haben eine sehr kleine Vorstellung von der Welt. Für Sie waren die Verbrechen gegen die Menschheit das Thema Ihrer Abschlussarbeit an der Universität“. 

Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung und Übergang: Diese globalen und grundlegend anthropologischen Kategorien strukturieren als Kapitelüberschriften den Roman und sind zugleich jene Dimensionen, an denen sich Mira Weidner mit dem Leser mühsam abarbeitet. Eine Kollision zwischen dem Ideal dieser Begriffe und der erzählten Realität ist vorprogrammiert. Auf einfache Antworten und Erklärungen kann hier niemand mehr hoffen. Auch Mira nicht, die ihren Job kündigt, um ihn wenig später doch wieder aufzunehmen. Und so bleibt der Verstehensprozess von politischen Geschicken und globalen Entwicklungen, die von den Vereinten Nationen begleitet werden, ein beinahe aussichtsloser. Rettung kann hier nur das Erzählen bringen.

Nora Bossong hat mit Schutzzone einen Roman vorgelegt, der herausfordert. Da sind nicht nur die sieben Zeitebenen, auf denen sich die Romanhandlung fragmentarisch erst nach und nach zu einer kontinuierlichen Geschichte zusammenfindet. Da sind weiter die komplexen und langen Satzkonstruktionen, in denen Figurenrede, assoziative Beschreibungen und Gedanken ineinander übergehen und die dem Roman eine dunkle Grundierung verleihen. Ohne starre Ideologien hat Nora Bossong mit der literarischen Betrachtung der Vereinten Nationen einen entschiedenen Beitrag zu Fragen des Wandels und Fortbestands kolonialer Strukturen geleistet und dabei aufgezeigt, dass sich der Verstehensprozess von politischen, diplomatischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen letztlich wohl nur im Erzählen wahrhaftig ereignen kann. Keine abstrakten Theorien und auf Form bedachte Diplomatie dringt in Schutzzone in den Kern von Konflikten und Kriegen ein, sondern das mehrperspektivische Erzählen derer, die daran beteiligt sind und ihren Umgang damit suchen. Mit ihrem Roman macht Nora Bossong Eindruck – auch, wenn das ein ausgesprochen männliches Phänomen sein sollte.

4 Kommentare zu „Das Ende der Diplomatie als Anfang des Erzählens – Nora Bossong: Schutzzone

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