„Keine Frau auf Erden wird je so schön sein“ – Monika Helfer: Die Bagage

Von Matthias Fischli

Das literarische Jahr 2019 endete mit üblen Twittergefechten zu Karen Köhlers außerordentlichem Roman Miroloi. In deutschen Feuilletons, österreichischen Social-Media-Gruppen und Schweizer Kulturradios wurde über weibliches Schreiben im frühen 21. Jahrhundert gestritten. Es ging um die Selbstermächtigung der Frau. Im Jahr 2020 geht die Diskussion stürmisch weiter. Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer beteiligt sich durch die Veröffentlichung eines aufsehenerregenden Porträts einer alles andere als schwachen Frau in den Untergangsjahren der Habsburgermonarchie. Ein Selbstermächtigungszeugnis der besonderen Art.

Die Erzählung beginnt mit repetitiven Sätzen, suchende Worte tasten sich an eine Beschreibung des Prekariats heran, in dem die stolze Familie Moosbrugger lebt. Wir befinden uns im Vorarlberg des Jahres 1914, der Blick fällt auf einen kleinen, abseitigen Bergbauernhof, dessen karger Grund nicht viel mehr hervorbringt als die Früchte zweier Kirschbäume. Ein Stellungsbefehl trifft ein, der Mann muss in den Krieg, Maria Moosbrugger bleibt mit vier kleinen Kindern zurück, der Bürgermeister soll die mittellose Familie am Leben erhalten und vor Gefahren schützen, er wohnt weit unten im Dorf.

In dieser Zeit bitterster Abhängigkeit befällt Maria jenes erschreckende und unbegreifliche Gefühl, das die große Feministin Emma Goldman kurz vor dem Ersten Weltkrieg als „Element allen Lebens, Vorbote der Hoffnung, Freude, Verzückung“ beschrieben hat: die Liebe. Goldman meinte, Liebe sei immer frei, unfreie Liebe gebe es nicht. Das wusste auch Maria Moosbrugger. Sie verliebt sich heftig in einen Fremden und als dieser nach drei Besuchen für immer weggeht, leert sie in ihrer Verzweiflung eine ganze Flasche Schnaps. Maria wird schwanger, Margarethe – die Grete – kommt zur Welt. Schlimm genug in dieser kalten Zeit, doch zu all dem kommt ein Handicap hinzu: Maria Moosbrugger ist atemberaubend schön. Ihre Schönheit zieht den Neid des ganzen Dorfes, ja des ganzen Tales auf sich. Nun, da sie diese angeblich (Grete könnte auch das Kind von Marias Mann sein, er war auf Fronturlaub da) mit einem Fremden geteilt hat, verwandelt sich der Neid in offenen Hass. Ihre Beschützer im Dorf werden zur größten Gefahr.

Die Erzählung vom Überlebenskampf der Maria stammt aus Monika Helfers eigener Familiengeschichte. Grete Moosbrugger ist niemand anderes als ihre Mutter, Maria ist Helfers wunderschöne Großmutter. Das Buch verfolgt die These, dass die Traumata vergangener Generationen eine Auswirkung auf die Nachgeborenen haben müssen. Helfers Erzählerin folgt also den Lebensfäden ihrer Familie bis in die Generation ihrer eigenen Kinder, deckt Muster auf, seziert mit wenigen Schnitten und analytischer Schärfe die inneren und äußeren Triebkräfte ihrer Sippengeschichte.

Dass die Erzählung dabei über weite Teile dem unerträglichen „Pseudoplot“ folgt, den Maxim Biller vielen modernen Texten bescheinigte und einmal wie folgt charakterisierte, stört keine Sekunde. „Ein junger Mann, eine junge Frau, die in der Regel aus der Provinz stammen, suchen sich selbst. Sie suchen sich selbst in ihren Erinnerungen an ihre ein bisschen familiär-disfunktionale, ein bisschen konsumistisch-idyllische Kindheit, sie suchen sich in ihren Beziehungen zu andern jungen Männern und Frauen. Und manchmal ist auch ein bisschen Inzest dabei oder eine kleine Gewaltfantasie…“. Es stört deshalb nicht, weil Helfer sprachlich den Ton trifft, weil die Geschichte viel zu raffiniert komponiert ist, vor allem aber deswegen, weil die Erzählerin sich nicht in Relation zu den sie umgebenden Frauen und Männern verstehen will, sondern in Beziehung auf das Leben einer längst verstorbenen Frau.

Wie Helfer das löst, ist handwerklich virtuos. Die Erzählerin fragt ihre wenigen noch verbliebenen Verwandten nach der Großmutter und ihren Kindern und Kindeskindern. Ihre Quellen sind alles andere als verlässlich. Die Erzählerin deklariert, wenn etwas unsicher ist, wenn ihre Quellen offensichtlich lügen oder Episoden ausschmücken. Sie rekonstruiert wichtige fehlende Teile sorgfältig aus dem Rest der Erzählung. Damit schafft Helfer einen jener schwebenden Zustände, in denen die fiktiven und realen Anteile für den Eindruck von Wahrheit nicht mehr relevant sind. Ihre Sprache stützt dieses schwebende Erzählgebäude: Sie verzichtet aggressiv auf Pathos, staffiert auch die tiefsten Abgründe im Leben der Portraitierten nur mit minimalinvasiven sprachlichen Mitteln aus. Das Auffällige wird unauffällig erzählt. Bar jedes chiliastischen Geschwätzes.

Hier wird nach Möglichkeiten geforscht, die Welt neu zu denken. Die ganze Erzählung treibt unaufhaltsam auf die Antwort zu einer großen Frage zu: Wie lebt eine starke Frau in einem starren System, aus dem auszubrechen absolut unmöglich ist? Die Erzählerin schildert mit großer Kunstfertigkeit gesellschaftliche Abhängigkeiten und kämpft sich zu derer Offenlegung der mütterlichen Erblinie folgend durch ein ganzes Jahrhundert. Spannend wird dieses Zeugnis durch das Schweigen der Männer. Gefühle bleiben unausgesprochen in dieser Familie, auch die Erzählerin verzichtet (Eine weitere Stärke!) aufs Psychologisieren. Wenn die Männer dieser Erzählung schweigen, wie wirkt sich das auf die Liebe zu einer Frau aus, wie auf die Beziehung zu seinen Kindern? Wenn für die Männer nur die Ehre gilt – die konstituiert sich bekanntlich durch Handeln, nicht durch Reden – was droht dann dieser Familie, wenn nicht der Untergang? Wie die Erzählerin subkutan Antwort gibt auf diese Fragen, ist absolut lesenswert. Vergeben und vergessen, dass dieses Buch kein besonders originelles Ende hat, Phrasen und Beschreibungen sich bisweilen wiederholen und die eine oder andere Auffüllung des Erzählstrangs überflüssig ist – alles geschenkt!

Es sei schwer, die Abgründe der eigenen Familie zu verarbeiten, berichtete Monika Helfer bei SRF 2 Kultur: „Und dann leben da noch Leute und man will ja niemanden kränken und irgendwann habe ich beschlossen, ich warte einfach, bis die Leute, die wichtig sind, unter der Erde liegen.“ Wir geben freimütig zu: Für dieses Werk hat sich unser Warten allemal gelohnt.

Monika Helfer: Die Bagage
Hanser 2020
158 Seiten / 19 Euro

2 Kommentare zu „„Keine Frau auf Erden wird je so schön sein“ – Monika Helfer: Die Bagage

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