Ich war ein Spion der Nazis – Ulla Lenze: Der Empfänger

Agentenkrimis sind spannend, aber zumeist unrealistisch. Im echten Leben wären die Herren in den teuren Anzügen und schnellen Autos zu auffällig. Ulla Lenzes neuer Roman ‚Der Empfänger‘ über einen deutschen Spion im Amerika des Zweiten Weltkrieges ist hingegen äußerst realistisch und damit wäre auch schon das Positivste über das Werk gesagt. Das reale Fundament des Buches bilden über hundert Briefe, die der Großonkel der Autorin ab den 1940er-Jahren aus Amerika an seinen Bruder schrieb. Die Hauptfigur Josef Klein ist zwar eine literarische Erfindung, doch mehrere, z. T. namhafte Historikerinnen und Historiker berieten die Autorin bei ihrer Arbeit. Wie aus spannender Quellenlage und sorgfältiger Vorbereitung ein langweiliger Roman entstehen kann, wird im Folgenden gezeigt.

Josef Klein emigriert 1925 in die USA. Doch anstatt unbegrenzter Möglichkeiten sieht er sich mit Ablehnung und Armut konfrontiert und findet ein nur mageres Auskommen in einer Druckerei. Die unendliche Weite des Amateurfunks ist sein American Dream, seine Dachgeschosswohnung in Harlem seine thoreausche Hütte, in der er von der Welt ungestört in den Tag hineinlebt und doch an ihr Teil hat. Josefs Funkleidenschaft ist es auch, die ihn in die Welt zurückholt. Rechte deutsche Exiliantenkreise werden auf ihn aufmerksam und versuchen, über ihn verschlüsselte Botschaften an die deutsche Abwehr zu übermitteln. Bevor Josef die Tragweite seiner Arbeit versteht, ist er bereits Agent im Sold des deutschen Geheimdienstes. Seine wahre Aufmerksamkeit liegt jedoch auf der Liebesbeziehung mit Lauren, einer deutlich jüngeren Amerikanerin, die wie er ein „Radioham“ ist. Lauren ist zielstrebig, liberal und Josefs gutes Gewissen. Sie ist es auch, die ihn überredet, Kontakt mit dem FBI aufzunehmen und ihn damit bei seiner Verhaftung vor dem elektrischen Stuhl bewahrt. Nach Kriegsende wird Josef nach Deutschland abgeschoben, wo er es nur kurz in der kleinbürgerlichen Enge der Familie seines Bruders aushält. Er fasst den Plan, über Südamerika wieder in die USA einzureisen, nach New York, zurück in seine Stadteinsamkeit. Dass ihm dies nicht gelingt und er stattdessen in San José, Costa Rica, stranden wird, erfährt man bereits im ersten Kapitel.

Ulla Lenze unternimmt nicht den Versuch, das Konzept eines Agenten-Thrillers zu kopieren – ein ohnehin gewagtes Unterfangen bei einem NS-Geheimdienstler. Vielmehr setzt sich Der Empfänger mit der Innerlichkeit seines Protagonisten, mit der Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Eskapismus auseinander. Hier stellt der Roman seine größten Stärken unter Beweis, wenn er Mensch und Ort Raum zur Entfaltung gibt: „Er schaut auf selig schlaffe Palmen. Statt New Yorker Wolkenkratzern, statt deutscher Ruinen und statt argentinischer Pampa nun diese grünen Riesen um ihn herum. […] Ein feines, schmatzendes Klackern, wenn ihre Fächer aneinanderstoßen“. Lenze erschafft mit künstlerischem Geschick atmosphärische Bilder, die an Filmkompositionen erinnern. Das Können der Autorin erschöpft sich nicht im Illustrieren, nein es gelingt ihr, Bilder zu beschreiben, deren Versatzstücke vielleicht bekannt sind, die jedoch nur sie bündeln kann. Aus Bräsigkeit, Aggressivität und Stammtischrhetorik exilierter Altnazis, die von einem Putsch gegen Adenauer träumen, macht sie einen Satz: „Es war wie ein Trinklied, das immer wieder angestimmt wurde, niemand achtete noch auf den Inhalt“. Wäre dies nicht das Positivste am Roman? Leider nein. 

Es ist diese Stärke gleichzeitig die größte Schwäche des Romans, da jene atmosphärischen Beschreibungen zu Metaphern verdichtet werden, die zu ersetzen versuchen, was die Figuren hätten leisten sollen: die Erzählung mit Leben zu füllen. Der Effekt ist eine mitunter unfreiwillige Komik wie zum Beispiel in der Beschreibung von Josefs Flirtfähigkeiten mit mittelalten New Yorkerinnen: „Dann warf er in diese Frauen Komplimente, eins nach dem anderen, wie Münzen in eine Musikbox, damit die Musik nicht abriss.“ Und völlig unironisch muss der Satz „Der Regen schlug ihm ins Gesicht wie viele kleine Ohrfeigen.“ als Metapher für Scham herhalten.

Die Charaktere sowie ihre Konstellation wirken sämtlich holzschnittartig und konstruiert. Dass Josef ein opportunistischer Träumer, ein freiheitsliebender Einzelgänger ist, wird schnell klar, dass Lauren seine positive Entsprechung ist, ebenso. Dieses Spannungsverhältnis bleibt aber erstaunlich konsequenzlos für die Geschichte und Josefs Charakterentwicklung. Dessen Motivation ist nicht nur widersprüchlich, sondern streckenweise einfach nicht nachvollziehbar: Die eigentliche Hauptaufgabe von so vielen Immigranten, die es in die USA schafften, die Familie in Deutschland mit Geld zu unterstützen, scheint keine Rolle zu spielen. Hieran mag auch Josefs Einsiedlercharakter Schuld tragen, der sich zwischen Funkgerät und Freundin bequem einrichtet.

Oder ist es doch sein Freiheitsdrang? Der lässt ihn nämlich nach dem Krieg die relative Sicherheit der Familie seines Bruders verlassen und ausgerechnet über eine Rattenlinie die Wiedereinreise in die USA wagen. Aber nur bis Costa Rica; hier richtet er sich wieder in seiner Hütte ein. Man kann dies nun als Ausweis seines wankelmütigen Charakters sehen oder als Anzeichen dafür, dass seine Person an die Bedürfnisse der Romanhandlung angepasst wird. Anlass zu zweiter Vermutung gibt die Frage nach Josefs Intelligenz. Dass er von dieser nicht sonderlich Gebrauch macht, ist spätestens seit seiner Verstrickung mit der deutschen Abwehr ersichtlich. Auch liest er außer Fachzeitschriften und Thoreau nichts – nur um gelegentlich mit erstaunlichem Fachwissen zu glänzen, wie die exakten Flüchtlingszahlen des Jahres 1938 oder den Mietpreisen für Afroamerikaner in New York. Warum sollte sich der deutsche Spionagering auf einen so unsicheren Charakter wie ihn verlassen? Und warum unterstützt man ihn auch nach dem Krieg noch, obgleich man ihm ins Gesicht sagt, wie nutzlos er war?

Wer die Komplexität im Bösen sucht, wird ebenfalls enttäuscht: Sämtliche Nationalsozialisten sind dumm oder böse und werden auch schon einmal wie Nazi-Funktionär Schmuederrich eingeführt: „Ich sehe aus, als hätte ich einen kleinen Schwanz. Aber ich habe einen Großen. […] Wir können gar nicht genug fremd gehen und deutschen Samen verteilen.“ So ein Charakter hätte auch im Agenten-Film Confessions of a Nazi Spy (1939) überzeichnet gewirkt. Im Übrigen ist Schmuederrich körperlich unattraktiv, so wie alle Charakterzüge der Romanfiguren ihre physische Entsprechung finden – ein Kunstgriff, der gerade in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus unpassend wirkt.

Die historische Basis des Romans ist wiederum fehlerfrei. Verzeihlich sind Ungenauigkeiten, nach denen „klug“ kein Kompliment für eine Frau sein könne (möglich), sie im Restaurant aber für den Mann mitbestellen dürfe (unmöglich). Dass ein Begriff wie „Patriotismus“ aber bereits in den 1930er-Jahren von der Amerikanerin Lauren ohne Umschweife als Vorwand zur Autokratie bezeichnet wird, ist eine anachronistische, ja deutsche Sichtweise.

Es ist die Mischung aus unbeantworteten Fragen in der Biografie des historischen Josefs und der widersprüchlichen Handlungsmotivationen der literarischen Figuren, die das Buch unglaubwürdig oder schlicht langweilig machen. Die Lehre, dass Freiheit mit Eskapismus nicht funktioniert und, dass das Nachkriegsdeutschland zu Verdrängung und Revisionismus neigt, sind weder überraschend noch neu. So besteht die Hauptaufgabe beim Lesen darin, mit den zahlreichen Rückblenden, Tempora- und Ortswechseln der insgesamt 37 Kapitel Schritt zu halten. Am Ende wird übrigens noch ein thoreausches Eichhörnchen aus dem Käfig in die Freiheit entlassen, damit man sich nicht nur langweilt, sondern sich auch noch über eine letzte überflüssige Metapher ärgert. 

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