Der schwarze Streifen des Regenbogens: Leona Stahlmann – Der Defekt

Wenn mit dem Regenbogenbanner für die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten demonstriert wird, fehlt die Farbe Schwarz. Leona Stahlmann möchte, dass sich das ändert. In ihrem Debütroman erscheint BDSM als jene dunkle Schattierung von Sexualität, die unter der grellen Oberfläche von Hardcorepornos und Schmuddelliteratur ein Dasein im Verborgenen fristet. Auf der Suche nach Zwischentönen verzettelt sich dieser Erstling.

Literaturkritik ist nicht selten ein Geschäft der Klischees. Wie häufig liest man beispielsweise davon, ein Text sei in einer „sinnlichen Sprache“ geschrieben worden? Was damit eigentlich genau ausgedrückt werden soll, bleibt oft ärgerlich unbestimmt.

In Der Defekt wird eine solche „sinnliche Sprache“ gesucht. Vielleicht ist die fehlende Präzision der literarischen Debatte schuld daran, dass dieser Versuch über weite Strecken zu einer Farce geraten ist. Sinnlichkeit und Detailversessenheit sind nicht dasselbe. Poesie erschöpft sich nicht im Erfinden immer neuer Farbtöne. Statt die Phantasie anzuregen, erzeugen „malvenblau“, „hagebuttenrot“, „apfelkernbraun“ und „teerfarben“ die Atmosphäre von Tapetenabteilungen im Baumarkt.

Dabei verwahrt sich dieser Text, der die meiste Zeit aus der Sicht eines anfangs 16 Jahre alten Mädchen namens Mina erzählt wird, gegen jedwede Form von Normierung und Spießigkeit. Stahlmann hat ihre Figuren in die dunstige Enge eines Dorfes gestellt, das irgendwo auf der Strecke der Schwarzwaldhochbahn zu suchen ist. Die Nebenfiguren rekrutieren sich aus dem reichen Fundus jenes wohlbekannten Dorfroman-Personals, an dem in der Geschichte der deutschen Literatur kein Mangel besteht. Obwohl die ordnungsversessenen Mütter, geizigen Ladenbesitzer und brutalen Stammtischhocker deshalb eher klischiert daherkommen, findet Stahlmann von Zeit zu Zeit ausdrucksstarke Bilder für ihre seelischen Verfasstheiten, wenn sie etwa von den Vätern schreibt, die „über die Dinge reden wollten, die sie auf den Bildschirmen gesehen hatten, und am Boden ihrer Bierkrüge merkten, dass sie es nicht konnten.“

Insgesamt wirkt die von den Hauptfiguren schmerzlich empfundene Biederkeit und Ordnungswut der Dorfbewohner jedoch eher maßvoll. Für Mina ist es beispielsweise bereits eine unerträgliche Zumutung, wenn sie die vielleicht ein klein wenig zu akkurat hergerichteten Schulbrote ihrer Mutter aufessen soll. Überhaupt gibt sich die Dorfwelt der Normalos allzu deutlich als herbeikonstruierter Hintergrund zu erkennen, vor dem sich die Andersartigkeit von Mina und ihrem Freund Vetko umso deutlicher abheben soll. „Betongrau“ ist dieser Hintergrund, „margarinegelb“, „lodengrün“ oder „schlicktürkis“.

Es wäre ungerecht, den Roman nur wegen seiner penetranten Farbneuschöpfungen zu verreißen. Allerdings erscheint diese Praxis als durchaus symptomatisch für den Stil, in dem Der Defekt abgefasst ist. Bös gesagt krankt der Text an seiner manischen Wahrnehmungsobsession und einer unkontrollierten Bilderflut, die die durchaus auch vorhandene psychologische Dimension des eigentlichen Hauptthemas gnadenlos zudeckt.

Bei dem Versuch, jeden einzelnen Satz mit „Poesie“ aufzufüllen, ist der Autorin alles andere aus dem Blick geraten. Warum unterscheidet sich etwa die Perspektive von Mina auf der sprachlichen Ebene nicht im Geringsten von der Vetkos, die im zweiten Teil des Romans hinzukommt? Wieso gibt es keine Entwicklung, obwohl Mina im Laufe des Buches erst erwachsen werden, dann das Dorf verlassen und schließlich nach einem Studium zurückkehren wird? Inwiefern ist der farbenprächtige Ton dieser Sprache überhaupt für den Roman von Belang? Wenn er die Figuren charakterisieren wollte, müsste er sich mit der Perspektive ändern. Wenn er Erkenntnis befördern wollte, müsste er sich häufiger bei der Psychologie der Beziehung von Vetko und Mina aufhalten und seltener bei der Beschreibung der leitmotivisch auftauchenden Brennnesseln oder der Binnendifferenzierung von Brauntönen, die von „fadbraun“ und „holzlackbraun“ über „brotteigbraun“ bis „sommerbraun“ reichen.

Die Sprache schert sich auch in keiner Weise um die literarische Tradition. Dies wird angesichts geradezu skurril verunglückter Sprachbilder deutlich, die, wären sie ironisch gemeint, von Humor zeugen könnten. So klänge etwa Voß’ klassische Homerübersetzung an, wenn die Autorin an einer Stelle vom „Gehege seiner Rippen“ schreibt. An anderer Stelle unterläuft ihr „eine besternte Nacht“, die einen Kant erschüttern lassen könnte, solange er noch auf seinem Sockel steht. So konkretisiert sich beim Lesen von Der Defekt die von Christoph Ransmayr vorgetragene Klage über die Debütanten, die selbst erst vier oder fünf Bücher gelesen hätten, bevor sie sich an die Niederschrift eines eigenen machten.

Dabei teilt sich die Dringlichkeit des Stoffes durchaus in jenen Passagen mit, die direkt auf die psychischen Aspekte des lust- wie liebevollen Spiels mit der Gewalt abzielen, das Mina und Vetko miteinander entdecken. In diesen Szenen – „Hinter der Angst, ganz kurz vor der Gleichgültigkeit, würde er loslassen“ – ist der Roman am stärksten. Sie finden sich beinahe ausschließlich im ersten seiner drei Teile.

Im zweiten und dritten Teil, die die Geschichte von Minas Auszug, dem Studium und ihrer schließlich erfolgenden Rückkehr ins Dorf erzählen, dümpelt das Buch nur noch so vor sich hin. Es verzettelt sich auf Nebenkriegsschauplätzen und verliert sein eigentliches Thema bald ganz und gar aus den Augen. Was aber bleibt, ist Leona Stahlmanns unbedingter Wille zu einer bildreichen Sprache. Hat sie einmal eine Metapher gefunden, dreht und wendet sie sie auf alle Seiten, spielt sämtliche Möglichkeiten durch, die sie mit ihrem neugefundenen Sprachbild illustrieren kann. Diese Verliebtheit in die eigene Ausdruckskraft bringt die Geschichte nur leider überhaupt nicht voran. So wenig wie die Phantasie durch die Erfindung der Farbtöne „haferflockenfarben“, „quastenrosa“ und „aprikosenmarmeladenfarben“ animiert wird.

Wahnsinnig viel Tiefsinniges über die psychische Disposition zu BDSM hat Leona Stahlmann am Ende auch nicht mehr mitzuteilen. Die Erkenntnisse bewegen sich zu häufig auf dem Niveau der folgenden Reflexion, die Mina anlässlich eines an ihr vorbeilaufenden ausgelaugten Joggers anstellt: „Jeder von ihnen fügte sich den Schmerz der Welt in kleinen Dosen selbst zu. Und ein jeder suchte sich dazu den Schmerz aus, den er am besten ertragen konnte.“ Wer Vergleichbares näher ausgeführt haben und in einem tadellosen Stil lesen möchte, könnte bei Schopenhauer nachschlagen. Dessen Seele war bekanntlich „schuhcremeschwarz“.

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