Interview: Auf eine Zigarette mit Christian Kracht

Von Pascal Mathéus

Ein Gespräch über Ostereier und die Rückkehr in die Schweiz

Als ich am Montagmittag erfuhr, dass Christian Kracht noch am selben Abend in der Literatur-Apotheke lesen würde, war ich erst seit ein paar Tagen wieder in Zürich. Das Literaturhaus verloste für die Veranstaltung Karten auf Social Media und ich hatte Glück. Niemals hätte ich mir erträumt, dass ich bereits wenige Stunden später die Gelegenheit haben würde, ein kurzes Interview mit dem Autor von ‚Faserland‘, ‚Imperium‘ und ‚Die Toten‘ zu führen.

Nachdem Kracht aus seinem Roman ‚Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten‘ gelesen hatte, fragte ich den hinter Plexiglas sitzenden Autor, ob ich für einen Bericht auf dem Blog noch ein Foto von ihm machen dürfte. Er war gerne bereit, wollte nur noch die Signierwünsche des Publikums bedienen. „So, jetzt brauche ich aber erstmal eine Zigarette“, stand er auf. „Kommen Sie doch mit. Ein Foto oder ein Interview?“ Darauf war ich nicht vorbereitet. Mein Mund wurde schlagartig so trocken – hätte ich auch geraucht, die Zigarette wäre an meinem Zahnfleisch kleben geblieben. „Ja, gerne ein Interview“, sagte ich und suchte mit zitternder Hand nach der Sprach-Memo-App auf meinem Handy. Beinahe hätte ich Kracht gefragt, wo sie zu finden ist. 

Wir haben dann also ein kurzes, improvisiertes Interview geführt. Ich bin mir nicht ganz sicher, wovon es eigentlich handelt. Vielleicht ein wenig vom Verhältnis zwischen Fiktion und Realität und von der Selbstinszenierung von Schriftstellern.

Aufklappen: Wir sind einmal schon kurz aufeinander getroffen auf Instagram, da habe ich mich an Sie herangeschmissen.

Christian Kracht: Aha.

Mit einem Beitrag zu Thomas Manns Grab als ich den in Faserland beschriebenen Hundehaufen nicht fand…

Das bin ja nicht wirklich ich… Kracht zündet sich eine Zigarette an. Ok, jetzt geht’s los.

Das sind nicht wirklich Sie gewesen, der da am Grab gewesen ist?

Doch das bin ich, jaja, ich bin ja in Kilchberg, das war ich. Ich habe mir nur den Kopf abgeschnitten.

Seit wann sind Sie denn jetzt wieder hier?

Ich lebe jetzt seit drei Monaten in Zürich. Ich habe vorher in Indien gelebt. Da mussten wir dann verschwinden, weil da es nicht mehr so erträglich war.

Coronabedingt abgezogen?

Ja, und die soziale Struktur ist zusammengebrochen. Wir lebten im Himalaya und da gab es auch nicht wirklich Ärzte.

War das bekannt? War nicht die letzte Information, dass sie noch in Los Angeles gewesen sind?

Wir sind letztes Jahr nach Indien gezogen. Meine Tochter ist dort auf die Schule gegangen. Und jetzt sind wir hier in Zürich.

Und diesmal wieder mit einer großen Bibliothek, die sie dann retten mussten? Ich habe neulich ein Interview Ihres Freundes Eckhart Nickel gehört, der von der abenteuerlichen Rettung ihrer gemeinsamen Bibliothek aus Kathmandu erzählt hat.

Das Problem ist, dass die Bücher jetzt überall verstreut sind. Die meisten sind noch in Los Angeles. Da kann ich aber wiederum auch nicht hin, weil ich nicht in die USA einreisen darf. Ein paar sind in Indien, die werden uns aber jetzt nachgeschickt. Ich habe hier ein paar Bücher, die bei meiner Mutter in der Wohnung waren, die aus meiner Jugend stammen. Da sind durchaus interessante Sachen dabei.

Wiederneuentdeckungen?

Ja, auch peinliche Wiederneuentdeckungen. Viel Hesse ist dabei.

Nicht so peinlich.

Doch schon, das kann man eigentlich nicht mehr lesen.

Aber es waren Ihnen eben nicht peinlich, auf das zu stoßen, was sie vor zwölf Jahren aufgeschrieben haben? (Kracht las an diesem Abend aus Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten).

Nein, ich habe es nie wieder gelesen und habe es jetzt vorgelesen und es war doch ganz spannend.

Fanden wir auch.

Ich habe da beim Vorlesen eben gemerkt, dass das ein sehr guter Film wäre.

Darf ich noch eine Frage zu dem Buch und ihrer Rückkehr in die Schweiz stellen? Das ist ja eine ganz schön grausige Schweiz, die sie da beschreiben…

Ja, das ist ja die gegenwärtige Schweiz, aber vor hundert Jahren hat sich eben ein kleines Rädchen in der Geschichte andersherum gedreht. Lenin ist nicht von Zürich nach Moskau zurückgekehrt in dem plombierten Zug, sondern er ist hiergeblieben und dann fand die sowjetische Revolution hier in der Schweiz statt.

Die Gründung der SSR.

Die Schweizerische Sowjetrepublik. Die Schweiz hat dann Kolonien bekommen, ein imperiales Reich gewonnen, hat dann in Afrika sich Menschenmaterial herangezüchtet, das dann ihre Kriege für sie führen sollten. Was ja ganz lustig ist, weil die Schweiz ja eigentlich ein nicht so kriegerisches Land ist. Ich wollte das eigentlich so ein bisschen umdrehen.

Ein ähnliches Projekt wie The Man in the High Castle. Vielleicht eignet sich der Stoff eher für eine Serie als für einen Film?

Die Serie The Man in the High Castle fand ich enttäuschend. Ich mag das Buch sehr, sehr gerne. Ich habe auch viele Easter Eggs versteckt in diesem Buch zu The Man in the High Castle. Unter anderem liegt in der Holzhütte, in der Passage, die ich gerade gelesen habe, The Grasshopper Lies Heavy. Das ist das Buch, in dem innerhalb von The Man in the High Castle die reale Welt beschrieben wird.

Das war unheimlich nett, dass Sie sich jetzt so spontan Zeit genommen haben.

Ja, natürlich gerne.

Aber ich muss noch sagen: Eine Sache irritiert mich. Ich konnte Sie immer nur mit einem aufgeklappten Hemdkragen vorstellen, weil ich Sie nur aus den Interviews mit Denis Scheck kannte.

Sie sind aber ein genauer Beobachter der Bildphysiognomie. Das war mal eine Zeit, in der das zufällig passiert ist. Ganz oft. Aber es war wirklich Zufall, das war nicht intendiert. Ich verspreche es.

Kein Osterei?

Nein. Also doch! Wenn man es will. Aber das haben dann andere daraus gemacht.

Herr Kracht, vielen Dank für das Gespräch!

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