Es wird einfach nicht hell – Tom Kummer: Von schlechten Eltern

Von Lea Katharina Kasper

Tom Kummer ist eigentlich Journalist – kritisch und ambivalent diskutiert. In seinem zweiten Roman vermischen sich abermals Wirklichkeit und Fiktion, doch hier stört es niemanden. Es macht den Roman zu einem von Gegensätzlichkeit geprägten Stück Literatur, die wohl selten in einer solch klaren und schönen Sprache dahergekommen ist.

Gegenwart und Vergangenheit, hell und dunkel, Tag und Nacht, Innenwelt und Außenwelt, Nähe und Distanz, rote und blaue Pillen, Nina und Tom, Leben und Tod. Natürliche Grenzen gehen in einer vom Autor geschaffenen diffusen Atmosphäre auf. Tom Kummer entführt auf einen Trip durch die dunkle Schweiz: mal alleine, mal mit illustren Geschäftsleuten, mal mit seiner verstorbenen Frau Nina. Das Ende jeder Fahrt ist Bern, eine einfache Wohnung, sein Sohn Vince, der helle Tag, der durch seine Sonnenbrille noch immer dunkel erscheint. Der Ich-Erzähler Tom Kummer scheint in einem farblosen Gerüst gefangen zu sein – seinem Leben, seinem Ich, seinen Gedanken. Der immer wiederkehrende Alltag, der nur durch Toms Sohn Vince seine hellen Augenblicke erfährt, wird zur bestimmenden Kontur der Erzählung. Und trotz der eigentlich so traurig erscheinenden Zeit, die er am Steuer verbringt, wird man das Gefühl nicht los, dass er sich genau darauf freut – die Zeit mit seinen immer wiederkehrenden Gedanken an die Vergangenheit.

So einfach das Erzählgerüst zu beschreiben ist – ein Ich-Erzähler namens Tom Kummer, der nach dem Tod seiner Frau mit dem jüngeren der beiden Söhne von Los Angeles zurück in die Schweiz zieht und dort als Fahrer eines Limousinenservice arbeitet –, so vielschichtig entwickelt es sich im Verlauf des Romans weiter. Die nächtlichen Fahrten führen ihn von einem Teil seines Ichs in einen anderen, entkommen kann er nicht. Manchmal lösen sich die Grenzen auf, manchmal bleiben sie fest bestehen. Manchmal ist er bei seiner Frau Nina, manchmal bei seinem älteren Sohn Frank, manchmal bei seinem Vater, manchmal sieht er nur Geister und seine eigenen Gedanken. Von schlechten Eltern handelt das Buch nicht, auch wenn die Beziehung zwischen Tom und seinen Eltern, Nina und ihren Eltern, Tom und seinen Kindern eigenartig, vielleicht sogar unnatürlich erscheint. So bewegt sich das Verhältnis zwischen Tom und seinem Sohn Vince grenzwertig nah an der Pädophilie und es wirkt befremdlich, wenn er schreibt: „Ich kann seine Mutter riechen. […] Ich lege mich an seinen Körper. Er hat sich nicht gewaschen. […] Ich nehme ihn fester in die Arme, drücke meine Nase in seinen Nacken. So schlafen wir ein.“

Vieles bleibt ungesagt. Und dennoch erscheint der Roman ausgewogen und hinterlässt nicht die sonst so drückende und unbefriedigende Leere allzu offener Erzählungen, in der sich der Leser das Ende selbst erzählen muss. Die einzelnen Fahrten mit ihren skurrilen Gästen lockern die Erzählung auf und geben ihr dennoch eine gewisse Struktur, auf die sich der Leser nach einem etwas drückenden Abschnitt allein mit Toms Gedanken verlassen kann.

Die Geschichte wird heller. Toms Sohn Frank kehrt zurück. Vince, Toms ewiger Anker, ist wieder in der Rolle des Kindes angekommen. Die Gedanken an Nina werden klarer und sind nun Erinnerungen – keine Gespräche und keine Gegenwart mehr. Ob dies an der blauen Pille liegt, die Tom zum Wachbleiben am Steuer nimmt oder er einfach in seinem Leben „angekommen“ ist, bleibt wie so Vieles ungesagt. Zu Beginn ist der Roman ein Verwirrspiel an Personen, Gedanken, Ereignissen, von Vergangenheit und Gegenwart. Die rote Pille – sein „Wachhalter“ auf den ersten nächtlichen Fahrten – wirkt elektrisierend und fesselt Tom in seinen Gedanken. Und dennoch sieht er sich, so wie er ist, und fragt sich: „Bin ich noch ein Mann?“. Auf diese Suche nach Toms Ich wird der Leser mitgenommen. Ankommen wird er nie.

Nichtwissen kann störend sein. An manchen Stellen wünscht man sich etwas mehr Erklärung, etwas mehr Worte. An anderen reicht es völlig aus. Der Leser wird, ebenso wenig wie der Erzähler, in die Abgründe der Geschichte eingeweiht. Auf seinen Fahrten schweigt er zumeist, hört zu und antwortet, wenn er dazu aufgefordert wird. Am Ende haben Leser und Erzähler beide verstanden, dass sie nichts wissen, nichts verstehen oder es eben nicht erfahren dürfen. Ob dies dem Umstand der Geschwindigkeit oder der aufregenden Aura des Nichtwissens geschuldet ist, bleibt offen. Tom fragt auch nicht danach. Einerseits liegt dies an seinen Berufsregeln, andererseits an seiner Persönlichkeit – er scheint kein großes Interesse an Antworten auf diese Fragen zu haben. Mit schnellem Tempo führt der Erzähler durch die einzelnen Fahrten, Begegnungen und Konversationen. Nur wenn Tom alleine ist, erfährt man einen Moment der Entschleunigung. Das schlägt sich auch in seinem Schreibstil nieder. Die Beschreibungen sind detaillierter, die Sätze und Abschnitte länger. Die Geschwindigkeit wird nicht nur durch den Inhalt der Erzählung gedrosselt, sondern zu einem großen Teil auch durch seinen veränderten Stil. Am Ende ist Tom nicht alleine, das Tempo nimmt wieder zu. Das Ende kommt dann ein wenig zu rasch, zu simpel daher. Gegensätze prallen immer härter und in höherer Frequenz aufeinander. Das vermeintlich Helle geht in wenigen Sekunden in einem Dunkel verloren oder wie der Autor es beschreibt: „Kleine Wellen. Nach kurzer Zeit verschwinden sie wieder.“

Dennoch berührt der Roman, beschäftigt und lässt einen nicht los – von allem aber nicht zu viel. Nicht umsonst ist der Roman für den Schweizer Buchpreis nominiert. Tom Kummer überzeugt. Sein klarer und nicht von unnötigen Euphemismen geprägter Stil ist ein Vergnügen, seine entworfenen Bilder nehmen insbesondere die Schweizerin und den Schweizer auf eine Reise durch Bekanntes mit und lassen es in einem unbekannten Licht erscheinen. Immer wieder will man mitfahren, miterleben und in eigenen Erinnerungen verschwinden. Das Ganze wird von einem Erzählstrang zusammengehalten, dem es an Spannung, Komplexität und den doch nötigen Ruhemomenten nicht fehlt. Auch wenn einige Stellen, wie beispielsweise das sexuell anmutende Vater-Sohn-Verhältnis, etwas skurril oder sogar deplatziert wirken, so überwiegen sie nicht. Auch hier findet Tom Kummer das nötige Gleichgewicht.


Tom Kummer: Von schlechten Eltern
Tropen Verlag 2020
256 Seiten / 22 Euro

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