Kampf um die Moderne – Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi

Von Anna-Lena Deckers

Berlin zur Jahrhundertwende. Die Stadt lebt, vibriert, pulsiert und mitten drin Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie. Der Schweizer holt den französischen Impressionismus in die Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches und überschreitet damit in den Augen des Kaisers, der Deutschnationalen und konservativer Kunstliebhaber Grenzen. Die Grenzen zu Überforderung, Akzeptanz, Nationalismus – und allen voran zur Moderne. Zu einer neuen Zeit.

Mariam Kühsel-Hussaini, geboren 1987 in Kabul, beschreibt in ihrem vierten Roman den wohl bedeutendsten Lebensabschnitt des Kunsthistorikers und Museumsleiters Hugo von Tschudi: Seine Jahre als Direktor der Nationalgalerie Berlin. Im Mittelpunkt des Romans – und von Tschudis Leben – steht der Impressionismus, der sich von der reinen malerischen Abbildung löst und stattdessen Momentaufnahmen, Unmittelbarkeit und Zufälligkeit zuwendet. Der die Malerei in gewisser Weise an einen Paradigmenwechsel heranführt – weg von dem bisherigen „Bedürfnis die großen Ereignisse von der Malerei verherrlichen zu lassen“ hin zu einer neuen Form der Kunst. Zur Kunst selbst, die weder abbildet was ihr Schöpfer sieht noch Geschehnisse dokumentiert, sondern durch ihre Existenz Impressionen schafft. 

Die Autorin verbindet Momentaufnahmen des Berlin der Jahre von 1896 bis 1909, zu einem Gesamtkunstwerk. Fast jedes Kapitel steht dabei für sich, beschreibt eine bestimmte Szene, einen Gedankengang, eine Begegnung oder ein Gespräch, reiht sich aber – wie Perlen auf einer Kette – in der Entwicklung der Geschichte in das große Ganze ein. Dabei scheinen die Grenzen zwischen Klischee und Realität zu verschwinden. Denn Kühsel-Hussaini ergänzt auf faszinierende Art und Weise tatsächliche historische Fakten durch fiktive Inhalte und zeichnet so ein absolut glaubhaftes Bild, das fast schon zu schön ist, um wahr zu sein. Oder wie Elke Heidenreich es in ihrer Rezension für Die Zeit beschreibt: „Nichts erscheint konstruiert, und doch ist alles besonders.“ 

Berlin, wie Kühsel-Hussaini es in diesem Roman darstellt, wächst zu einer beinahe mythischen Größe heran. Sie beschreibt es als ein „zauberhaftes Zeitalter namens Berlin“. Die Gesellschaft in der sich Hugo von Tschudi bewegt, birgt Freundschaften, Korrespondenzen und Begegnungen mit zahlreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, aus Kunst, Kultur und Politik seiner Zeit und überaus interessante Konstellationen: Da wären u.a. Carl Fürstenberg, Gerhart Hauptmann, Cosima von Wagner, Erik Satie, Max Liebermann, Anton von Werner, Walter Leistikow, Adolph von Menzel, Pierre-Auguste Renoir, Käthe Kollwitz, Wassily Kandinsky, Bernhard von Bülow und nicht zuletzt Kaiser Wilhelm II. selbst. Was sich zunächst nach Namedropping und vielleicht sogar Hochstapelei anhört, stellt sich als Realität heraus. Es passt alles. So kurzfristig sich der Eindruck des Klischees einstellt, so schnell ist er verflogen – sie alle waren Zeitgenossen Tschudis. Sie alle erlebten das gleiche Berlin, liefen sich zufällig über den Weg – sie müssen einander gekannt haben, kennt man die Geschichte. Und sie alle sind mit der Geschichte Tschudis direkt oder indirekt verwoben. 

Besonderes Augenmerk liegt auf der engen Freundschaft mit Max Liebermann, der Tschudi in seinem Unterfangen, den französischen Impressionismus nach Berlin zu bringen, tatkräftig unterstützt. Aber auch die schwierige Beziehung zum Kaiser – da wären einerseits die Abhängigkeit von des Kaisers Gunst und andererseits die reine menschliche Überlegenheit Tschudis – wird immer wieder thematisiert. 

Der eigentliche Antagonist der Geschichte Tschudis ist aber weder der Kaiser noch Tschudis Vorgesetzter oder die Deutschnationalen, die keine ausländische Kunst in ‚ihrer‘ Nationalgalerie sehen wollen. Es ist Lupus Vulgaris, die „Wolfskrankheit“, die Tschudi regelrecht zerfrisst. 

Tschudis Erscheinungsbild und Auftreten werden als das eines unfassbar charismatischen, sympathischen Herren beschrieben, der sein Umfeld mit Intelligenz, Kompetenz und Eloquenz erobert. Sein Inneres steht dazu allerdings häufig in krassem Gegensatz. Während sich die Krankheit, die sein Gesicht mehr und mehr entstellt, zu Beginn des Romans noch wenig auf Tschudis Wirkung auf sein Umfeld auswirkt, wird sie während dessen Verlauf immer präsenter und dominanter. Tschudi geht sogar soweit, sich eine Gesichtsmaske anfertigen zu lassen, um seinem Gegenüber nicht zu viel von seiner voranschreitenden Krankheit und gleichzeitig von seinem Leiden preiszugeben. Ist die Krankheit verdeckt, ist das Gebrechen für Tschudis Umfeld nicht mehr existent. In Tschudi selbst sieht es jedoch ganz anders aus. Der Leser nimmt Anteil an der inneren Zerrissenheit, an der Verzweiflung und Ohnmacht und wird so zum Beobachter, Vertrauten oder Mitwisser. Bis zu dem Punkt, da Tschudi beide Ohrmuscheln amputiert werden müssen, weil das Gewebe zu sehr vom Lupus zerstört wurde… 

Trost, Energie, Motivation und Lebenssinn findet Tschudi in seinem Wirken für die Malerei: „Er sah zum Monet, mit den verkrusteten Wolken und dem Wasser, das weder Blau noch Grün noch Wasser war und doch mehr Wasser war, als alles was Tschudi bislang gesehen hatte.“

Was Tschudi begeistert und fasziniert, schreckt so manch anderen seiner Zeitgenossen ab. In den 1890er und 1900er Jahren wurde der Impressionismus von vielen nicht nur als revolutionär, sondern regelrecht als Bedrohung wahrgenommen. Die Bilder fordern in Tschudis Augen den Betrachter, sich „so wenig […] zu verstellen, wie diese Malkunst es tut“, anstatt sich die Welt „zurecht zu nicken“, während man vor den Bildern steht. Während Tschudi die Impressionisten für ihre Kunst, Losgelöstheit und Freiheit bewundert („Die Franzosen malen eine neue Zeit, neue Möglichkeiten, neue Grenzen, malen eben vielleicht gar keine Grenzen mehr“), begegnet der Kaiser dem Impressionismus mit Feindlichkeit, Engstirnigkeit, und zieht den Stillstand der Moderne vor. Die neue Kunstströmung ist für ihn viel mehr ein „aufkommender Farbangriff aus Frankreich“, als achtbare Kunst, die keine Nationalitäten und Ländergrenzen kennt. Auch andere Gegner nehmen den Impressionismus im Kontext der damals stark ausgeprägten deutsch-französischen Feindschaft wahr und fassen die neue Kunstströmung als Angriff seitens der Franzosen auf. 

Die Sprache Kühsel-Hussainis vermittelt Unbedingtheit, Endgültigkeit, Klarheit. Sie ist voll, intensiv und bildhaft. Ohne zu umschreiben benennt sie Zustände von Menschen, von Bildern, von einer ganzen Gesellschaft und ihrer Zeit. Fast erweckt es den Eindruck, als würde sie den Impressionismus mit Hilfe der Sprache auch in die Literatur einfließen lassen. Ähnlich formulierte es Ingo Arend im Deutschlandfunk Kultur, indem er das Werk als einen Roman beschreibt, der sich wie ein Gemälde liest. Dabei kreiert Kühsel-Hussaini weit mehr als Eindrücke oder lässt Szenen geschehen: Sie beschreibt Malerei regelrecht als Tat: „Es war Tat. Eine künstlerische, eine malerische Tat“. Was in der Linguistik als „Illokutionärer Akt“ bezeichnet wird, überträgt Kühsel-Hussaini auf den Impressionismus bzw. die Malerei. Der durch Sprache vollzogene Akt wird bei Kühsel-Hussaini ein durch Malerei vollzogener Akt.

Der Autorin gelingt es, den Ausschnitt einer Welt bzw. eines historischen Schlüsselmoments des letzten Jahrhunderts in den Blick zu bekommen. Was dem Leser zunächst als unfassbar große Thematik erscheint, ist letztlich doch ganz leicht zu fassen, folgt man einfach nur den (historischen) Ereignissen, die durch einen unsichtbaren Faden miteinander verbunden sind. Kühsel-Hussaini nutzt historische Ereignisse auf grandiose Weise als Fundament für ihren Roman, die sie unfassbar gut recherchiert, auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt hat. Dass Tschudi bei einem Abendessen im Salon die neuesten Kompositionen Erik Saties zu hören bekommt – der mit seinem musikalischen Schaffen genau das tut, was „Tschudis Bilder“ auch tun: Impressionen schaffen – ist fast zu schön, um wahr zu sein. Und doch. Es passt alles. 


Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi
Rowohlt 2020
320 Seiten / 24 Euro

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