Rasender Rom-Reporter – Simon Strauß: Römische Tage

„Für Dich, Rom“, lautet die Widmung in Simon Strauß’ neuem Buch. Und spätestens jetzt wird klar: Strauß ist es mit seinem Pathos ernst. Nach dem Fluchtversuch in die Sünde folgt nun der in den Sündenpfuhl der Stadt auf den sieben Hügeln. Doch nicht ihre Qualitäten als neues Babylon ziehen Strauß’ Protagonisten an. Vielmehr ist es die Fülle an Erinnerungen und Geschichte, die ihn reizt. Er will sich verbinden mit den vergangenen Jahrhunderten und so der Gegenwart entkommen. 

Seine Sehnsucht nach dem großen Gefühl prallt auf die moderne Welt, wenn er im leichten Frösteln der Passagiere an Bord des klimatisierten Jumbos einen Anklang jener Strapazen wiederfinden will, die frühere Alpenbezwinger auf ihrem Weg nach Rom durchlitten. Präziser wäre es, zu sagen, dass diese Parallele verzweifelt gesucht wird. Denn die durch die Jahrhunderte getrennten Erfahrungen sind so weit voneinander entfernt, dass sich ein Berührungspunkt überhaupt nicht mehr denken lässt. Der Mut der straußschen Prosa – aber auch ihre Tragik – liegt darin, es gegen alle Vernunft dennoch zu versuchen. 

„In Rom sein und hoffen, dass jemand es merkt. Sich vorstellen, dass der Aufenthalt wichtig wird.“ Dass für uns Spätgeborene keine Bedeutung mehr übrig ist, plagt Strauß auch im vorliegenden Band. Aber wie schon in Sieben Nächte kommt er der Lösung dieses oft beschriebenen Problems auch in Römische Tage keinen Schritt näher.

Die Flucht aus dem hektischen Alltag war das Ziel des Erzählers, der genau wie im letzten Buch die Ereignisse aus der eigenen Perspektive berichtet. Natürlich zerschlägt sich dieser fromme Wunsch schnell. Die römische Aufgeregtheit steht der heimatlichen in nichts nach. Sie wirkt in Form von schrillen Geburtstagsfeiern „eines stadtbekannten Messerwerfers“ eher noch auf die Spitze getrieben. Es verwundert nicht, dass die Ereignisse diesen Verlauf nehmen. Schließlich befindet sich die Unruhe in erster Linie nicht in der Welt, sondern sie sitzt im Innersten des Protagonisten selbst, meldet sich durch stechenden Herzschmerz und Rastlosigkeit. Diesem hypernervösen Ich hechelt der Leser nach. Sie durchstreifen zusammen die Stadt, sprechen mit diesem und jenem, verlieben sich ein bisschen, denken an Goethe, an Keats und an Domitian, und kommen nicht zur Ruhe. 

Mit Goethe will Strauß’ Held in Rom „das Alte neu denken“. Er wünscht sich Inspiration und Struktur. Doch falls er sie erlangt haben sollte, wird dies dem Leser vorenthalten. Stattdessen liefert er Beobachtungen, die schon hundert Mal beschrieben worden sind, wie etwa die Faulheit der römischen Müllabfuhr oder der ewige Kampf zwischen schamlosen Touristen und postfaschichtischen Carabinieri. Das Alte ist zwar da. Nur neu gedacht wird es nicht. 

Kleinigkeiten, wie z.B. der Umstand, dass die Italiener in Aufzählungen anders als die Deutschen immer zuerst „Ich“ sagen, werden hochgejazzt. Ihre Bedeutung wirkt so aufgesetzt, wie sie ist. Dann zählt er die Sekunden, die eine Taube im Flug von einer Seite der Basilika Santa Maria degli Angeli e dei Martiri bis zur anderen braucht, und als Leser stellt man verwundert fest, dass auch ein 140 Seiten kurzer Text noch zu lang sein kann. 

Wie schon bei dem vorangegangenen Buch fragt sich der Rezensent: Was liegt hier eigentlich vor? Ein Reisebericht? Eine Novelle? Eine Skizze? Ein Essay? Die ernüchternde Antwort lautet leider: eine halbgare Mischung aus alldem. Eine unselige Vermengung zwischen Feuilleton und ernsthafter Literatur. Es fühlt sich an wie eine vergebene Chance.

Denn eines steht trotz aller Mängel unzweifelhaft fest: Strauß’ Besessenheit von seinem Thema ist echt, sie ist in seinen Texten allgegenwärtig. Die manische Suche nach dem Sinn spiegelt sich in den sprunghaften Gedanken seines Erzählers, in seinem Welthunger, der von Beobachtung zu Beobachtung rast, getrieben von dem Wunsch, etwas festzuhalten. Doch leider gelingt es nicht. Strauß’ Römische Tage bleiben angesichts ihres großen Themas ärgerlich flüchtig. Denn ihr Pathos verhindert es, sie als leichtfüßiges Feuilleton durchgehen zu lassen. 

Waren es in Sieben Nächte die reflektierenden Passagen, die weit über die erzählenden hinausragten, so verhält es sich in Römische Tage genau umgekehrt. Strauß will erzählen und er kann auch erzählen. Sein Bericht von einer nach und nach außer Kontrolle geratenden Konferenz auf einem idyllischen Landgut ist beispielsweise eine besonders gelungene Episode, in der Charaktere, Eitelkeiten und zeitgenössische Weltanschauungen aufs lebendigste beschrieben werden, um sie dann in herrlichem Chaos in die Luft fliegen zu lassen. 

Dieses Talent sollte er nicht weiter in mehr oder weniger schludrig dahingeworfenen Prosastückchen vergeuden. Würde sich Strauß dem fraglos aufregenden Problem des Lebens ohne Sinn in einer von jeder Bedeutung restlos entkernten Gegenwart mit den Mitteln eines sorgfältig gebauten, erzählenden Texts widmen, wir würden es mit Freuden lesen! Bis anhin muss das Urteil leider lauten: Strauß hat zwar sein Thema gefunden, nicht jedoch die Form, mit der er es bewältigen könnte. 

Ein Kommentar zu „Rasender Rom-Reporter – Simon Strauß: Römische Tage

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