Grand Hotel Psychoterror – Eugen Ruge: Metropol

Von Pascal Mathéus

„Hast du wirklich geglaubt, es sei unwiederbringlich verschollen? Ich sehe was, was du nicht siehst. Das Spiel hast du mir beigebracht. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist: deine Kaderakte, Charlotte.“ Einen fulminanteren Auftakt für einen Roman gab es selten. In dieser Adresse an seine verstorbene Großmutter lässt der hier in eigener Sache sprechende Autor Ruge gleich zu Beginn vieles anklingen, was ‚Metropol‘ zu einem so atemberaubenden Buch macht. Es ist ein persönlicher Roman, in dem sich Ruge nach ausführlichem Aktenstudium in die Seele seiner sich über ihre Vergangenheit ausschweigenden Großmutter versetzt hat. Dem Wahnsinn des stalinistischen Terrors kommt der Leser dadurch beklemmend nah. 

Es hätte die langersehnte Erholungsreise werden sollen. Zu Beginn des Romans begegnen wir Charlotte und ihrem zweiten Mann Wilhelm, dem Stiefgroßvater Eugen Ruges, an Bord des Urlaubsdampfers „Grusia“. Gemeinsam mit einer jungen Geheimdienstkollegin wollten die verdienten Revolutionäre einen Sommerurlaub auf dem Schwarzen Meer verbringen, der so mondän sein sollte, wie es die Sowjetunion eben hergibt. Schon bevor sie überhaupt in Batumi (im heutigen Georgien) ablegen können, macht jedoch eine Nachricht aus der Staatszeitung Prawda jeden Gedanken an Erholung zunichte: Ein Bekannter des Ehepaars, der Historiker Alexander Emel, wird als Anführer einer faschistischen Kampfgruppe vor Gericht gestellt. Charlotte kann es nicht glauben. Emel und seine Mitverschworenen sollen einen Anschlag auf Stalin und weitere Parteiobere geplant haben. Wie kann das sein?

Das Motiv des Zweifelns und des sich versagenden Zweifelns durchzieht von da an den gesamten Roman. Der Einzelne sieht sich dem Propagandaapparat der Partei ausgesetzt und hat kaum eine Chance, sich zu behaupten. Man will ihr ja glauben, man will ihm glauben: Stalin, dem Freund des Menschengeschlechts, dem Garanten von Wohlstand und Gerechtigkeit. Sollte der Fehler nicht vielleicht vielmehr bei dir selbst liegen, wenn du ins Zweifeln gerätst? Sind es die nicht überwundenen Reste deines bürgerlichen Bewusstseins, die dich die Ziele der Revolution aus den Augen verlieren lassen? 

Konkret wird die Seelenlage Charlottes vor allem in ihrer Beziehung zu ihrem Mann erfahrbar. Die Grundspannung, die das Verhältnis des Emigrantenpärchens fundiert, wird gleich zu Beginn entfaltet: Er ist der erfahrene, engagiertere Revolutionär, der allerdings immer noch nicht richtig russisch spricht, was ihm seine Frau voraushat. Dass er sich dies nicht eingestehen kann, wird zu einem weiteren Leitmotiv des Romans. Die utopische Idee der Befreiung der Geschlechter kollidiert im Mikrokosmos der Paarbeziehung mit dem überkommenen Machismo der damaligen Gesellschaft. 

Überhaupt gehört die Psychologie des Paares Germaine zu den faszinierendsten Seiten des Romans. Einerseits leben sie in ihrem kleinen Hotelzimmer in größter Intimität, andererseits stehen sie jedoch jeweils für sich den erbarmungslosen Mühlen des Parteiterrors in einsamer Individualität gegenüber. Wenn sie sich vor der Partei wegen ihrer Bekanntschaft zu besagtem Emel rechtfertigen müssen, machen sie dies jeder für sich. In der sozialistischen Gesellschaft zählt die bürgerliche Ehe nicht. Der Einzelne ist allein dem Kollektiv der Partei verantwortlich.

Charlotte und Wilhelm werden von ihrer in der Abgeschiedenheit liegenden Geheimdienststelle abberufen und im Moskauer Luxushotel Metropol einquartiert. Nach und nach folgen die Kollegen der Dienststelle. Doch es gibt kein freudiges Wiedersehen. Jeder verdächtigt jeden; wägt ab, ob es gefährlich sein könnte, mit dem einen oder dem anderen zu sprechen oder mit ihm gesehen zu werden. Während sich der Kreis der von den normalen Gästen abgesondert essenden ehemaligen Agenten zunächst stetig durch Neuankömmlinge erweitert, lichtet sich das Feld im weiteren Verlauf des Romans im Zuge der immer häufiger stattfindenden Verhaftungen. Wer verschwindet, wird nicht mehr gesehen. Nachts kommen die Schergen und nehmen einen nach dem anderen fest. Um darauf vorbereitet zu sein, legen sich Charlotte und Wilhelm irgendwann nur noch in voller Bekleidung ins Bett.

Da niemand weiß, wann es soweit sein wird, herrschen beständig Angst, Verwirrung und Misstrauen. Wie fest Ideologie und Terror das Bewusstsein der gläubigen Sozialisten in dieser Zeit im Griff haben, wird in der Nebenfigur Hilde Tal, Wilhelms erster Frau, in seiner extremsten Form gezeigt. Als Sekretärin eines hochrangigen Parteikaders erlebt sie die Verhaftungen gegen vormals unbescholtene und hochangesehene Genossen hautnah. Als es zuerst ihren Chef und schließlich auch sie selbst trifft, kollabiert ihr Verstand. In folternder Gewissensprüfung versucht sie dahinter zu kommen, was sie verbrochen haben könnte. Sie erlaubt sich sogar den Gedanken, dass hier insgesamt etwas falsch laufen könnte. Aber dann kann doch Stalin nichts davon wissen? Im Fieberwahn beschließt sie den Genossen Generalsekretär persönlich anzurufen, um die Sache aus der Welt zu räumen. Wie der Verstand der Frau an so viel offensichtlicher Ungerechtigkeit und Ungereimtheit kaputt geht, ist ein tragikomischer Höhepunkt von Metropol.

Das System des stalinistischen Terrors mit seinen Schauprozessen und scheinbar wahllosen Verhaftungen, die Brutalität, mit der der Generalissimus seine wahnhaft betriebene Säuberung durchführen ließ – all das ist bereits ausführlich aufgearbeitet und beschrieben worden. Mit der persönlichen Perspektive Eugen Ruges, der (erneut) schonungslos in die Abgründe seiner Familiengeschichte geschaut hat, und der einfühlsamen Annäherung an das Seelenleben einer nahen Verwandten, ist es gelungen, der Thematik einen faszinierenden neuen Aspekt abzugewinnen. 

Das Ende des Buches ist dann so unwahrscheinlich, dass es einen auktorialen Epilog braucht, der für die Wahrhaftigkeit der beschriebenen Ereignisse bürgt. Das Leben in der Diktatur ist eben unwahrscheinlicher als es die Regeln eines Romans erlauben. Es kann den Verstand kosten. Und das Leben.

Eugen Ruge: Metropol
Rowohlt 2019
432 Seiten / 24 Euro

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