„Warum merkst du nicht, wenn jemand lügt?“ – Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Als der Orient noch ein Geheimnis war und weder Orientalismus noch Orientalistik sich formiert hatten, brach der nahe Bremen geborene Mathematiker Carsten Niebuhr zu einer Expedition nach Arabien auf. Christine Wunnicke hat eine Episode aus dieser Reise für ihren hinreißenden Abenteuer- und Ideenroman ‚Die Dame mit der bemalten Hand‘ ausgewählt. Sie lässt Niebuhr auf den persischen Astronomen Musa treffen und in ihren Köpfen einen wilden Tanz aus Geschichten und Gedanken aufführen. Herausgekommen ist ein rasend komisches, bildreiches und sehr intelligentes Buch über die Kraft des Erzählens und die Möglichkeit der Verständigung zwischen den Kulturen.

Den Orient gibt es überhaupt nicht. Das zeigt Christine Wunnicke klar und deutlich. Die Besetzung der orientalischen Hauptfigur war da ein kluger Schachzug, denn Meister Musa, der Astronom, ist ein Perser in Diensten eines indischen Herren, der Persisch spricht und „die Straßensprache von Panvel“, Sanskrit und Arabisch, der sich über Vorzüge und Nachteile all dieser Sprachen auslässt und über die Menschen, die sie sprechen. „Jeder Flecken von Hindustan hatte eine andere Sprache“, heißt es, und so erscheint der Orient als das, was er immer war und heute noch ist: eine vielfältige, widersprüchliche, unübersichtliche Welt mit einer Vielzahl von Kulturen und kein einheitlicher Block, der sich dem Abendland als sein Widerpart gegenüberstellen ließe. 

Der Göttinger Theologe Michaelis, in dessen Vorlesungen Niebuhr zur Vorbereitung auf die Reise sitzt, sucht denn auch vielmehr das Gemeinsame als das Trennende. Dass die Suche nach den Wurzeln der biblischen Überlieferung im Land des „Muselmanen“ und nicht bei den „Hottentotten“ stattfindet, ist für ihn ein großes Glück, denn bei ihnen handelt es sich um „vernünftige Leute“: „Gesunde Urteilskraft spricht aus ihrer Geschichte und viel Verstand aus ihrer falschen Religion. Sie sind unsere Zeugen!“ Die frühaufklärerische Geisteshaltung des Bibelforsches verhindert zwar ein inklusives Denken über andere Religionen, hält es doch vielmehr an der vernunftgestützten Verstehbarkeit der Welt fest, die auch eine klare Scheidung in gut und böse, richtig und falsch erlaubt. Dennoch stellt er das Verbindende zwischen den Welten klar heraus und fordert, die Bibel „mit dem rechten“, den Koran „mit dem linken Auge“ zu lesen. Erst die Zusammenschau ergebe ein Bild des Ganzen. 

In der Vorlesung von Michaelis begegnet Niebuhr dem Leser zum ersten Mal. Die Szene stellt einen komischen Höhepunkt des Romans dar und ist von Wunnicke geschickt den späteren Reiseerzählungen vorangestellt worden. Sie heben sich dadurch effektvoll von dem ab, was man sich in Europa damals über die Welt der biblischen Geschichten ausgemalt hat. Die Komik ergibt sich aus Michaelis Verständnis der „Gottesgelehrsamkeit“ als „exakte Wissenschaft“. Seine Fragen an die orientalische Welt sind dementsprechend konkret: „Wie sahen die Kinnim aus, welche Ägypten plagten, wie es geschrieben steht in Exodus 8? Waren sie Mücken oder Schnaken oder eher doch Bremsen oder gar die argen Schlupfwespen, wie sie Hasselquist auf seiner Reise nach Palästina fand?“ Einen ganzen Katalog mit solchen Fragen gibt Michaelis Niebuhr und seinen Kompagnons mit. Doch statt Antworten findet er dort etwas ganz anderes. 

Wenn heute vom Clash of Civilisations die Rede ist, wenn seit 2001 die erste Assoziation mit dem Mittleren Osten stets ‚Terror‘ heißt und von der fundamentalen Andersartigkeit der angeblich im Mittelalter stecken gebliebenen islamischen Welt gesprochen wird, die ein Zusammenleben verunmögliche, sah es zur Zeit von Carsten Niebuhr noch ganz anders aus. Wunnicke zeigt eine Welt, in der die Unterschiede als anziehend empfunden wurden und das Bemerken von Verschiedenheit einen humanitären Reflex erzeugt. So denkt sich Musa beim Anblick des fiebernden Niebuhr, den er zufällig mutterseelenallein in einer Höhle auf einer Insel findet: „Eigentlich, fand Musa, ging ihn der Kranke nichts an. Doch gab es nicht so viele Europäer, als dass man sie einfach hätte sterben lassen können; in Europa vielleicht, aber nicht hier.“ 

Und so steht Musa dem Kranken bei. Als sich seine Lage bessert, kommen die beiden ins Gespräch und löchern sich gegenseitig mit Fragen. Als gemeinsame Basis der Verständigung dient den beiden ihre Leidenschaft für Astronomie. Auch wenn die Sternbilder im Westen anders heißen als im Osten, so bezeichnen sie doch dieselben Formationen. ‚Kassiopeia‘ ist für Musa ‚Die Dame mit der bemalten Hand‘. Er bittet Niebuhr: „Zeig mir alle Sterne, aus denen Kassiopeia besteht.“ Doch Niebuhr antwortet: „Ich sehe nicht alle Sterne der Kassiopeia mit meinem nackten Auge!“ Da ist sie wieder: die europäische Sehnsucht nach Exaktheit, der Glaube an die Notwendigkeit von Verstärkern und Messinstrumenten zur Erkenntnis der Wirklichkeit, die Musa so fremd vorkommt und ihn manchmal schier verzweifeln lässt. So entgegnet er bitter: „Ihr werdet blind von euren ständigen Linsen. Zeig mir die, die du siehst.“ 

Musa erinnert sich dagegen an die Weisheit seines Lehrers, des Gurus Jagannatha, der über die Erkenntnis der letzten Dinge zu sagen pflegte: „Es ist alles ein Rätsel und du musst es nicht lösen.“ Es lohnt sich vielmehr, sich die Zeit mit Geschichten zu vertreiben. Und so erzählt er Niebuhr von seinen Eltern und den wundersamen Erlebnissen, die sie nach Jaipur geführt haben. Niebuhr hat Schwierigkeiten, sich darauf einzulassen, besonders, wenn er Widersprüche entdeckt. Doch Musa versteht das Konzept des ‚Widerspruchs‘ in diesem Zusammenhang nicht. Natürlich muss man beim Geschichtenerzählen lügen. Was denn sonst? Es gelingt ihm dann tatsächlich, auch Niebuhr dazu zu bringen, von seiner Heimat und seinem Vater zu erzählen. Die Saat ist damit gesetzt. Niebuhr beginnt zu verstehen, dass es nicht nur die wissenschaftlich-exakte Auffassung von der Welt gibt, dass zuweilen ein anderer Zugang nötig und viel adäquater sein kann. 

„Man muss, wenn man gereist ist, zuhause davon erzählen.“ Diesen Satz von Musa trägt Niebuhr zurück nach Europa. Der persische Gelehrte findet seinen Glauben an die Macht der Erzählungen jederzeit bestätigt. So tröstet er seine in Wehen liegende Tochter viele Jahre nach der Begegnung mit Niebuhr mit der Geschichte des aus Almanya stammenden Kapitäns, dem er einmal auf einer Insel begegnet ist. Wie aber ergeht es Niebuhr? Als er nach Göttingen zurückgekehrt ist, findet er dort niemanden, dem er seine Erlebnisse berichten könnte. Die westliche Kultur hat offensichtlich ein Erzähldefizit. Glücklicherweise sorgt Christine Wunnicke für Nachhilfe aus dem Orient. 


Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand
Berenberg 2020
168 Seiten / 22 Euro

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