Mit Beyoncé ins Verderben – Eva Munz: Oder sind es Sterne

Von Florian Wernicke

Auf der Suche nach Sinn, Identität und Vergebung kreuzen sich am Beginn des 21. Jahrhunderts die Lebenslinien dreier Männer, die zunächst geografisch voneinander entfernt, deren Existenzen jedoch eng miteinander verflochten sind. In ihrem ersten Roman fusioniert die Autorin Eva Munz drei Erzählperspektiven zu einem gemeinsamen Narrativ unter dem Eindruck weltpolitischer Enttäuschungen.

Am Rande des noch jungen Jahrtausends landen die RnB-Sängerinnen von Destiny’s Child einen Riesenhit. Vielen von uns ist „Survivor“ entweder aus der eigenen Jugend oder aus Nächten, in denen man in rauschvollem Fantasieenglisch auf irgendeiner 2000er-Party versuchte, den Text halbwegs klangvoll zu imitieren, bekannt. In Oder sind es Sterne dient das Lied als Omen, Hoffnungsträger und Spiegel einer verheißungsvollen Welt, die Freiheit und keinen Mangel verspricht.

Es ist die Zeit kurz vor und nach den Anschlägen des 11. September und den neuerlichen militärischen Interventionen am Hindukusch. Erzählt wird die Geschichte dreier Männer, die diese Zeit aus drei ganz eigenen Blickwinkeln erleben und die, jeder für sich, ums Überleben kämpfen. Erzählt werden die Geschichten des 13-jährigen Afghanen Sameer, der in einem Waisenhaus in Kabul lebt, die seines wohlhabenden und im Pariser Exil lebenden Onkels Hasir Zaman und die des US-Marines Leutnant Ryder, der in eine Spezialeinheit des US-Militärs beordert wird, um später in Afghanistan zu kämpfen. Ihre Lebenslinien sind durch die eingangs erwähnten Ereignisse auf schicksalshafte Weise miteinander verbunden.

Sameer ist der Sohn einer totgeglaubten Mutter, die ihn nach seiner Geburt sofort verlies und eines russischen Soldaten, der sich an dieser Frau vergangen hatte. Er ist klug, empathisch und kann durch die finanzielle Unterstützung seines in Frankreich lebenden Onkels und Mäzens Hasir Zaman Englisch lernen. Das Versprechen des Onkels, die Mutter sei am Leben und er könne ihr in Los Angeles begegnen, führen Sameer und Hasir Zaman in die USA. Ein Land des allgegenwärtigen Überflusses, der permanenten Verfügbarkeit aller Wunscherfüllungen und Heimat von Destiny’s Child. Auf seiner Reise kommt er bei Freunden des Onkels unter, stößt auf unbekannte Musik, auf Menschen, die die strenge heimische Religionspraxis flexibilisiert haben und nicht zuletzt auf selbstbestimmte Frauen, die einen besonderen Eindruck auf den Jungen machen. Mit diesen Eindrücken kehrt Sameer nach Afghanistan zurück. Zurück in ein Land, das von jahrzehntelangen Kriegen gespalten und beschädigt ist; eines, dem ein weiterer Krieg bevorsteht – in dem er dennoch ein eigenes Leben aufbauen, ein Held sein und eine Frau finden möchte.

Leutnant Ryder ist US-Marine und wird, gemeinsam mit seinem Freund und Kameraden Kellogg, in eine spiritistisch aufgeladene Spezialeinheit beordert. Dort sollen die Männer durch Meditation und spezielle Rituale ihr sogenanntes drittes Auge entdecken und in der Kunst der psychologischen Kriegsführung geschult werden, bevor sie auf ihre Mission nach Afghanistan geschickt werden. Während einer Übung stirbt Kellogg durch einen Unfall. Für Ryder ein nachhaltiges Trauma. In Afghanistan trifft der Soldat dann auf Sameer, der ihm als Übersetzer mehr als nur bei der Orientierung hilft. Eine nicht autorisierte militärische Operation besiegelt das gemeinsame Schicksal der unverhofften Gefährten.

Hasir Zaman lebt als Exilant und gut situierter Unternehmer in Paris. Als Patriot lebt er in ständiger selbst auferlegter Schuld, sein Land und dessen Menschen sich selbst und den Invasoren überlassen zu haben. Er wirkt nervös, depressiv, ist Idealist und verzweifelt doch an seinen eigenen Wünschen und Hoffnungen, die er für sich und andere entwirft. Der „arme reiche Onkel“, wie Sameer ihn beschreibt, ist wohlhabend und doch nicht reich. Er ist einsam, lebt von flüchtigen Begegnungen und ebensolchen Geschäften – „für ihn ist das Leben ein Spiel, wie die Filme, an die er glaubt.“ Mit seinem Unternehmen und seinem Vermögen unterstützt Hasir Zaman auch die Kämpfer, die sich gemeinsam mit US-Streitkräften gegen die drohende Machtergreifung der Taliban wehren – die Wegkreuzung der drei Protagonisten.

Das Buch ist in Episoden eingeteilt, die sich wiederkehrend je einem der Charaktere widmen und je eine eigene Erzählperspektive bieten. Sameer ist der einzige Ich-Erzähler, was ihn nahbar und zur eigentlichen Hauptfigur des Romans macht. Sein Onkel Hasir Zaman hingegen führt eine Art Selbstgespräch, spricht sich selbst als sein Gegenüber an, was die innere Zerrissenheit dieses Charakters auch sprachlich illustriert. In einer die zuvor erwähnten Perspektiven zusammenführenden Weise werden die Abschnitte über Leutnant Ryder aus einer auktorialen Perspektive erzählt. Hierdurch weitet sich der fokussierte Blick Sameers, zugleich findet das fragmentarische Bild Hasir Zamans so eine Einbettung in den Gesamtkontext.

Die Szenen wechseln zum Teil schnell: Einige Kapitel umfassen nur drei oder vier Seiten. Das lockert das Lesen auf und hält eine gewisse Spannung aufrecht. Die Erfahrung der Autorin als Regisseurin ist in diesem Aufbau erfahrbar und eignet sich sicher als kreative Spielart des Erzählens. Die im Buch vorgenommenen politischen und gesellschaftlichen Einordnungen und biografischen Vermessungen lassen eine fundierte Erfahrung in der Auseinandersetzung mit der Geschichte, ihren Akteuren und Kenntnisreichtum über die jeweiligen Regionen erahnen. All das ist gut: Eva Munz erzählt sachkundig und erfahren aus der Geschichte einer Region der Welt, die vielen von uns nur aus den Kriegsberichterstattungen der Nachrichtensender bekannt sind. Damit gestattet die Autorin den Lesenden eine Innensicht, die Seltenheitswert besitzt und die oft gesichtslosen, von jahrzehntelangen Kriegen beschädigten Existenzen als Menschen mit Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen zeichnet, die nicht einfach als gläubige Fundamentalisten und Antiamerikanisten agieren.

Schade ist hingegen, dass das Buch – entgegen seinen zutiefst menschlichen Motiven – etwas zu sehr konstruiert wirkt. Die Konzentration auf die zum Teil rapiden Wechsel zwischen Szenen und Erzählperspektiven machen nicht nur das Textverstehen zur Herausforderung, auch lassen sie kaum Raum dafür, einem der Protagonisten mehr als das für das jeweilige Kapitel Notwendige abzuverlangen oder sich näher in diesen hineinzudenken. Einzig Sameer wirkt nahbar und gewährt Einblicke in intime Bereiche seiner Entwicklung. Zudem fällt es schwer, den zum Teil komplexen politischen, kulturellen und persönlichen Handlungssträngen gleichwertige Aufmerksamkeit zu schenken. Die große Spannung und Intensität, die andere Rezensenten in diesem Buch zutage treten sehen und auch das Versprechen des Buchrückens auf einen poetischen Roman, offenbaren sich nicht unmittelbar bei der Lektüre. Diese Attribute verlieren sich in der Vielzahl von Details und Perspektivsprüngen. 

Vielleicht kein ganz großer Roman des noch jungen Jahres, aber einer mit eigenem Charakter. Zu gern möchte ich glauben, dass Destiny’s Child „von den Nöten der Menschen, ihren Zweifeln“ singen.


Eva Munz: Oder sind es Sterne
Antje Kunstmann 2021
300 Seiten / 24 Euro

Foto: 12019 / pixabay.com

Ein Kommentar zu „Mit Beyoncé ins Verderben – Eva Munz: Oder sind es Sterne

  1. Es klingt, als hätte Eva Munz sich da etwas übernommen. Mir fällt gerade auch kein gutes (besonders gelungenes) literarisches Beispiel dafür ein, Schicksalsfäden über so lange Strecken aufeinander zu laufen zu lassen. Beim Gesundheitsamt schaffen sie das nicht mal mit der Rückverfolgung von Infektionsketten. Exemplarisch war für meinen Geschmack Arthur Haileys „Airport“, aber das konzentrierte sich auf die letzten Stunden, und die Vorgeschichten wurden auf den verschiedenen Erzählebenen so präsentiert, dass man nie Gefahr lief, den (Schicksals-)Faden zu verlieren.

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