Eine Götterdämmerung – Christoph Ransmayr: Der Fallmeister

Von Veit Lehmann

Wer eine düstere Dystopie genießen möchte, kommt am ‚Fallmeister‘ nicht vorbei. Wer das Wesen der Gewalt ergründen will, der bleibe besser in den Twitter-Kommentarspalten. Ransmayrs ‚Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten‘ berichtet von Mord und Vergebung und verliert sich dabei in seiner eigenen Erzählung.

Wie es Romane, die „eine kurze Geschichte“ im Titel tragen so an sich haben, geht es auch in Christoph Ransmayrs neuem Roman um nichts weniger als die ganze Geschichte, ja das Wesen des Tötens. „Daß wohl jede Gesellschaft irgendwann Menschen hervorbrachte, gegen die es kein anderes Mittel gab, als sie zu töten“, liest sich wie ein Paukenschlag.

Dementsprechend spart Ransmayr dann auch nicht mit gewaltigen Bildern: Nach Jahrhunderten völkischer Egoismen und einer Natur, in der selbst das Wasser zu einer knappen Ressource geworden ist, ist von Europa nur noch ein zerstückelter Leichnam bedeutungsloser Zwergstaaten und Grafschaften übrig, denen einzig die Verherrlichung des Vergangenen und der Hass auf das Fremde gemeinsam ist. Supranationale Syndikate sind die auf Algorithmen gestützten Herrscher einer Zukunft, die schon lange kein Ziel mehr kennt und die wie ein indifferenter Strom vor sich hinfließt. Die Herrschaft über das Wasser ist zum erdumspannenden Fetisch geworden, und im Wasser beginnt auch die Ursünde des Romans, der Mord des Fallmeisters an fünf unschuldigen Menschen.

Der Schleusenwärter, so ließe sich der historische Fallmeisterberuf bezeichnen, hätte das Boot und seine Insassen eigentlich wie schon so oft den Kanal neben dem großen Fall hinunter gleiten lassen sollen, aber an diesem Tag nun öffnet er sämtliche Schotten und lässt das Boot in einem brodelnden Malstrom versinken. Die Augenzeugen glauben an einen Unfall und als sich der Fallmeister nach Ablauf einer Jahresfrist ebenjenen großen Fall hinunterstürzt, ist er ein weiterer Märtyrer, dessen Name in goldenen Lettern in die Uferfelsen geschrieben wird.

Sein Sohn jedoch, ein junger Hydrotechniker und Icherzähler des Romans, glaubt dieses Narrativ keine Sekunde. Zu gut kennt er seinen Vater, der im Hauptberuf Kurator des Schleusenmuseums war, und seinen Hass auf alles Neue. Er weiß: Dies waren Opfer eines Wahnsinnigen, um den Fluss der Geschichte umzukehren und den Fallmeister zu dem zu machen, was er einmal war. Herr über Leben und Tod. Als dem Sohn Zweifel am Tod des Fallmeisters kommen, macht er sich auf, seinen Vater zu finden und Rache zu üben.

Was für eine Exposition und was für eine Wortgewalt. Wer würde nicht, liebe Leserinnen und Leser, Vorfreude empfinden bei dieser lustvoll ausgebreiteten ödipalen Dystopie. Absurde Kleinststaaten, in denen der Autor nicht einfach die Übel unserer Gegenwart fortschreibt, sondern sie einkocht und aus dem Sud gänzlich neue Gebilde schafft.

Die Grafschaft Bandon, die wohl einen Teil Österreichs ausmacht, hat nur noch die Flussfahrt und erschöpfte Salinen und muss sich aufgrund einer rigorosen Homogenitätspolitik auf den Inzest verlegen (ein Schelm, wer Arges dabei denkt). Sci-Fi-Anleihen tragen die Beschreibungen der Eisenbahnzüge des Syndikats, die den Erzähler, einen Ingenieursaristokraten mit unvergleichlichem Komfort, über die anachronistischen Grenzen tragen und ihn gleichzeitig über sein Informationsarmband überwachen.

Norddeutschland wiederum wird vom Meer verschlungen und seine Herzogtümer und Stadtstaaten liegen in latentem Krieg miteinander. Ein Hauch von Theodor Storm und Mad Max umweht die Nordsee, wenn die geliebte Schwester des Erzählers einen mit Seehundfell geschmückten Deichgrafen mit blauem Irokesenschnitt ehelicht. Und wenn Ransmayr die Hamburger Löschkräne von Holsteiner Rebellen angegriffen in Flammen aufgehen lässt, dann sind das nicht nur kraftvolle Bilder, sondern auch Phantasien, die ich als Schleswig-Holsteiner problemlos nachvollziehen kann.

Erzählen, das kann Ransmayr jedenfalls fabelhaft. Seine Zukunftsbilder sind Kunstwerke der cultural memory, in denen Menschen aus brennenden Türmen stürzen, Khmer blanc erneut die Steinzeit beschwören und Obergrenzen die Ethnien scheiden. Die eigentliche Kunst aber ist das Raunen, ein wagnerischer Unterton, der das Werk durchzieht und kaum merklich ins Bewusstsein dringt, wenn die Frau ihrem todgeweihten Gatten einen silbernen Faden ins Hemd stickt. Diese Komposition macht den Fallmeister so lesenswert.

Aber wie verhält es sich denn nun zur „kleinen Geschichte der Gewalt“? An Gewaltdarstellungen mangelt es dem Buch durchaus nicht. Da werden Menschen ertränkt, gefoltert und an einem Felshang zerschmettert, dass ihnen die Rippen durch das Fett stechen. Schuld ist der ewige Gedanke, das Rad der Geschichte rückwärts zu drehen, den Lauf des Flusses umzukehren und wenngleich das eine schöne Allegorie ist, so wird sie doch mit einem halben Dutzend Mal überstrapaziert. Kunstvoll ist auch die Distanzierung vom Icherzähler, der nicht nur die Kreaturen, die er geschaffen hat, zu Tode quälen wird. Doch die Konsequenz aus der Erkenntnis der Gewalt ist dünn:

Mit der Erlösung vom Bösen wird auch keine Klimax vorweg genommen, sondern lediglich die Kapitelüberschrift zitiert: Vergebung. Die neutestamentarische Wendung des teuflischen Erzählers erfüllt zwar den allumfassenden Anspruch des Werktitels, doch käme sie auch gänzlich ohne den dystopischen Überbau aus, dessen Fleisch das schwache moralische Skelett der Erzählung zu erdrücken droht.

So sehen Sie mich etwas ratlos vor diesem Werk, dessen Synthese mir um einen Taktschlag verpasst zu sein scheint; und ich begreife seinen eigentlichen Höhepunkt darin, Hamburgs Kräne brennen zu lassen.

* * *


Christoph Ransmayr: Der Fallmeister – Eine kurze Geschichte vom Töten
S. Fischer 2021
224 Seiten / 22 Euro

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Foto: Free-Photos / pixabay.com

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