Der Reise-Vertreter – Eckhart Nickel: Von unterwegs

Von Pascal Mathéus

Zur rechten Zeit das rechte Buch: Eckhart Nickels Reisereportagen und Beobachtungsskizzen liefern uns eine Weltfülle ins Home Office, die dringend benötigt wird. Nach dem Lesen dieser stilistisch perfekten Texte zieht es einen jedoch nicht sofort in den Flieger. Vielmehr wünscht man sich noch mehr Reiseliteratur dieser Qualität herbei.

„Irgendwo zwischen Wetterextremen, kollektiver Flugscham, schwelenden Kriegsherden und global wuchernden Epidemien fällt es immer schwerer, die Würde des Reisens zu bewahren“. Was die Texte von Eckhart Nickel so anziehend macht, ist, neben ihrer sinnlichen Fülle, ihr hohes Maß an Reflexivität. Nickels Problembewusstsein spart keinen Bereich zeitgenössischer Kulturkritik aus. Er weiß um all die Bedrängnisse aus Ökologie, Kapitalismus und Alltagsstress. Und er weist Wege aus diesem zeittypischen Tohuwabohu. Es gelingt ihm durch hellwache Aufmerksamkeit, treffgenaue Sprache und ein Denken in großen Zusammenhängen, die Übersicht zu behalten. 

Nickels Blick ist gleichzeitig ausgesucht wie umfassend. Er visiert die wesentlichen Besonderheiten der von ihm besuchten Orte an, fügt sie zu einer Erzählung zusammen und schöpft dabei aus einem breiten Reservoir von Themen: Architektur, Kleidung, Kulinarik, Sitten und Gebräuche, lokale Mythen und Literatur, unverzichtbare Reiseaccessoires – es scheint nichts zu geben, wofür sich Nickel nicht interessieren würde.

Vergleicht man die hier abgedruckten Texte mit Nickels früheren, gemeinsam mit Christian Kracht geschriebenen Vignetten über „[D]ie angenehmsten Orte der Welt“ in dem Band Ferien für immer, dann stellt man eine Entwicklung zu einer größeren Ernsthaftigkeit fest. Der neue Band, auf dessen Rückseite „Fernweh für immer“ zu lesen ist, kommt ohne die Pose des Dandys aus, der aus einer ironischen Perspektive auf seine Leser herabschaut. Das macht die Texte im Vergleich zu früher noch eleganter, ohne dass sie an Charme verlieren würden.

Nur ganz selten scheinen sprachliche Wendungen auf, die den alten ironischen Ton anklingen lassen. Etwa in dem Text Die Billingham Bag: Um die Camera Bag von Billingham zum perfekten Reisegepäck umzufunktionieren, sei es nötig, „dass man die Moosgrün gehaltenen Einlagen, die sonst wie ein Setzkasten für Objektive, Blitz, Filmrollen und mehr das Innenleben gestalten, diskret herausnimmt.“ Man soll die Einlage diskret herausnehmen. Wie bitte? Man könnte eine Haltung, mit der einer Tasche derart respektvoll gegenübergetreten wird, für karikierend halten. Oder man erkennt darin Nickels Verständnis von Würde, das weder vor der Natur noch auch vor unbelebten Gegenständen Halt macht – gerade, wenn sie so schön sind wie die Billingham Bag. 

„Perfekt“ dürfte eines der Adjektive sein, das am häufigsten in den Texten vorkommt. Perfekt eignet sich ein bestimmtes Gepäckstück für die Reise mit dem Flugzeug, perfekt passt ein bestimmter Drink an einen bestimmten Ort, perfekt fügt sich die Architektur eines Hotels in die Landschaft. „Perfekt“ wird in der Lesart Nickels zur höchsten Auszeichnung in Stilfragen. Etwas sitzt, passt, liegt genau da, genau so, wie es sein sollte. Etwas hält sich dezent zurück, nimmt geschmackvoll die vorgegebene Tradition auf, verbindet Komfort und Nützlichkeit mit genau getimter Schönheit. 

Einwände gegen diese Art Literatur liegen natürlich auf der Hand. Nickels sprachbewusster Gestus, seine Freude am Luxus und schließlich das Ausmaß seines Jettens um die Welt, durch das er zur Hassfigur auf Fridays-for-Future-Demos taugen würde, könnten bei manchen Lesern zu einem Reflex führen: Ist seine Haltung nicht durch und durch elitär?

Ungeneigte Leser könnten sogar fälschlicherweise eine Tendenz zur Rückwärtsgewandtheit in Von unterwegs ausmachen. Nickel steht gewissen Einrichtungen der Moderne skeptisch gegenüber, insofern sie dazu neigen, mit ihrem falsch verstandenen Komfort das Reiseerlebnis zuzudecken oder den Blick für das Neue, Fremde, Andersartige zu verstellen. Diese Skepsis wird aber stets am konkreten Beispiel festgemacht und richtet sich trotz seiner Bewunderung für Stil und Auffassungsgabe der Reisenden früherer Jahrhunderte nicht gegen unsere Zeit als solche. Im besten Fall fügen sich die Errungenschaften der Moderne sogar in die Landschaften ein, so wie der Jumbo-Jet über Bhutan, den Nickel als „ein erhabenes Tier aus Metall“ beschreibt. Hier ist nirgendwo dumpfes Ressentiment, sondern überall Neugier und Suche nach Schönheit. Nur wo das Neue die Neugierde zu ersticken droht und die Vielfalt einebnet, bekommen die Texte einen wehmütigen Ton. 

Nickels ambivalentes, nach allen Seiten neugieriges Verhältnis zu Gegenwart und Vergangenheit kommt vielleicht am besten im folgenden Satz zum Ausdruck, mit dem er die Anreise zum Amangiri Hotel durch die Canyon-Landschaft des amerikanischen Bundesstaats Utah beschreibt: „Mit jedem Schlagloch entfernt man sich weiter aus der Gegenwart und erklimmt doch am Ende des Weges die zivilisatorisch höchsten Stufen der Jetztzeit“. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, wird von Nickel überzeugend aufgelöst. Für ihn ist die Gegenwart dort besonders zu begrüßen, wo sie sich mit dem Bewusstsein um die Tradition stilvoll in die bestehende Landschaft einlässt. Das Amangiri, das in diesem Sinne selbst von den in der Gegend ansässigen Native Americans für gelungen gehalten wird, ist ein Musterbeispiel für dieses Stilverständnis. Es ist weder elitär noch rückwärtsgewandt, sondern ausgerichtet an einem Denken in größeren Zusammenhängen. Wäre das Wort nicht so sehr von esoterischen Kontexten besetzt, man könnte seinen Blick „ganzheitlich“ nennen.

Vielfältig sind die Texte auch in formaler Hinsicht – zumindest, was ihre Länge betrifft. Lange Reportagen wechseln sich mit kürzesten Betrachtungen zu einzelnen Phänomenen ab. Etwa die nur eine knappe Seite füllende Meditation über das „Nichtstun am Strand“. Nickel erläutert darin mit Bestimmtheit, was alles am Strand nicht geht, um davon sogleich auf die Schwierigkeit des Nichtstuns zu kommen, bevor der Text mit einer ironischen Pointe schließt. Ein in sich vollendetes Stück, genau wie das ganze Buch, das trotz seiner Vielfalt rund ist, weil Nickels traumwandlerische Stilsicherheit allem eine überzeugende Form gibt, die beinahe die Aura der Notwendigkeit ausstrahlt. 

Um so gut reisen (und schreiben) zu können wie Eckhart Nickel, braucht es Selbstdisziplin, gespannte Aufmerksamkeit und sicher viel Übung. Wer dieses Rüstzeug nicht mitbringt, wird von seinen Reisen weniger haben. Doch kein Grund zur Verzweiflung, man muss sich ja gar nicht selbst auf den Weg machen. Eckhart Nickel ist für uns gereist und wird es hoffentlich weiter tun. Eckhart Nickel – unser perfekter Reise-Vertreter. 

* * *


Eckhart Nickel: Von unterwegs
Piper 2021
288 Seiten / 20 Euro

Kaufen im Shop der

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Foto: Free-Photos / pixabay.com

2 Kommentare zu „Der Reise-Vertreter – Eckhart Nickel: Von unterwegs

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