Gebrochene Verhältnisse – Khuê Pham: Wo auch immer ihr seid

In ihrem Debütroman verbindet Khuê Pham drei Erzählstränge und Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zu einer einzigen Familiengeschichte. Die fiktionalisierte Annäherung an ihre eigene Familiengeschichte schildert, ohne zu urteilen, vermittelt unmittelbar und schafft durch drei unterschiedliche Perspektiven dreidimensionale Figuren, die auf seltsame und dennoch wunderbare Art und Weise miteinander harmonieren.

Die Liebe zum Faustschlag – Wolf Wondrateschek: Im Dickicht der Fäuste

Kann man in Zeiten der popkulturellen Ironie noch mit vollem Ernst über das Männerboxen schreiben? Sicherlich nicht. Doch Wolf Wondratschek, Journalist, Poet und selber Boxer, tut es dennoch und hat mit Im Dickicht der Fäuste eine Sammlung von Reportagen, Interviews und Gedichten aus 30 Jahren geschaffen, denen Attitüde und Zeitgeist nichts anhaben können.

Konturlose Räume und sich auflösende Schatten – Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Vier Teile, vier Namen: Adina, Nina, Sala und „der Mohikaner“ oder genauer „der letzte Mohikaner“. Der Aufbau von Antje Rávik Strubels neuestem Roman ist klar, doch schon auf den ersten Seiten zeigt sich die diffuse Komplexität, die die Leserin erwartet und noch zur Herausforderung werden wird. Ein Shortlist-Titel, der nicht nur von seiner Aktualität, sondern vielmehr von der Vielschichtigkeit der Figuren lebt.

Die Welt wird bunter – Mithu Sanyal: Identitti

Kein Roman atmet mehr Gegenwart als Identitti. Ja, es scheint sogar möglich, dass Menschen in 20 oder 50 Jahren zu diesem Buch greifen werden, wenn sie unsere Zeit verstehen wollen. Ist der Roman deshalb für uns Heutige überfordernd, weil er sich eigentlich an Menschen in der Zukunft richtet? Der Verdacht könnte aufkommen, denn immerhin beschreibt die Hauptfigur Saraswati ihre Wirkabsicht als Professorin genauso. Identitti ist aber keine Überforderung, sondern eine Zumutung. Man sollte sich ihr stellen. 

Wirrnis, Witz und Wortgeschiebe – Thomas Kunst: Zandschower Klinken

Bengt Claasen trauert. Das Ende einer Beziehung und der Tod seiner Hündin sind zu beklagen. Grund genug fortzugehen, um an einem anderen Ort von vorn zu leben. Dabei dient Claasen das Halsband des verstorbenen Haustiers als schicksalsweisender Kompass. Er will dort von neuem beginnen, wo dieses vom Armaturenbrett seines Autos rutscht. Seinen Fall tritt das Bändchen vor der Ortschaft Zandschow an. Einem Provinznest irgendwo im äußersten Norden Deutschlands. Dort bilden der zentrale Feuerlöschteich, ein paar durchschnittliche Wohnbauten, der lokale Getränkehandel und die überall verstreuten Apfelbäume die karge Realität dieses Ortes. Ähnlich wie die Wissower Klinken – eine Kreidefelsformation auf Rügen, die 2005 in die Ostsee rutschte – scheint dieser Ort Außenstehenden allerdings ins Vergessen geraten zu sein.

Diese sehr ernste Inszenierung – Christian Kracht: Eurotrash

Alle reden über Kracht. Reden sie über einen Bluff? Kracht selbst wirft diese Frage in ‚Eurotrash‘ auf. Er stellt zur Disposition, ob der Schriftsteller mit dem Namen Christian Kracht überhaupt je etwas von Wert gesagt, geschweige denn zu Papier gebracht habe. Um über sich selbst und seine Herkunft Klarheit zu gewinnen, schnappt er sich seine Mutter und lässt sich von ihr auf einer Reise durch die Schweiz permanent für seine Nichtsnutzigkeit beschimpfen. ‚Eurotrash‘ ist wie alle Romane von Christian Kracht ein eigenartiges Buch.