Sie will doch nur spötteln – Lisa Eckhart: Omama

Von Matti Borchert

Lisa Eckhart war in der jüngsten Zeit Gegenstand hitziger Debatten darüber, wo die ethischen Grenzen der Satire zu ziehen sind. Einmal mehr stehen sich dabei die Befürworter uneingeschränkter Kunstfreiheit und die Streiter für identitätspolitische Sensibilität offenbar unversöhnlich gegenüber. Unwohl wird einem, wenn die öffentlichen Diskussionen zu Einschränkungen des Wirkens der Beteiligten führen. In diesen emotional aufgeladenen und moralisch hochsensiblen Zeiten verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst als zuspitzendem Reflexionsmedium der Gesellschaft und dem wirklichen Leben zunehmend. Die eigene Befindlichkeit vieler Rezipienten oder deren Betroffenheit gegenüber anderen sozialen Gruppen wiegt schwerer als die Beachtung von Genrekonventionen. Nun hat Eckhart ihr – gewiss oft derbes – Kabarett erstmals in einen Roman gepackt. Muss man sich angegriffen fühlen? Und kann Kabarett in Romanform gelingen?

Literarische Verarbeitungen der eigenen familiären Herkunft haben wieder Konjunktur. In möglichst präzisen oder bewusst unscharfen Erinnerungsarbeiten suchen die Erzähler nach der eigenen Identität im Leben der Väter, Großväter und -mütter; und zwar immer dann, wenn diese drohen, vergesslich zu werden oder abzuleben. In dieser Reihe fehlte bis jetzt noch die Perspektive der Enkelin auf die Großelterngeneration, die nun Eckharts Erzählerin einnimmt: In drei Teilen zeichnet sie das Leben ihrer Großmutter als Teenagerin am Ende des 2. Weltkrieges, als junge Frau in einem steirischen Dorf sowie als Oma-Mama der Erzählerin nach. Im Gegensatz zu anderen Herkunftsgeschichten wird diese Erzählung aber von Vornherein in ein ironisch-satirisch Kostüm gesteckt, um bloß nicht den Verdacht pathetischer Ernsthaftigkeit aufkommen zu lassen. Im Prolog spöttelt sie über das „heillos“ naturalistische Genre der Herkunftsgeschichten als phantasieloses Vorhaben, nur um kurz darauf im Kontrast dazu, aber mit erkennbarem Augenzwinkern zu beteuern, dass es sich wirklich so zugetragen habe, wie behauptet. Hat man dann über die zahlreichen Grotesken, Burlesken und Kabinettsstückchen doch wieder vergessen, dass es sich hier um eine Parodie der Generationenerzählungen handelt, stellt der Epilog die Lesart noch einmal klar: Goethes Mephistopheles zitierend („Von Zeit zu Zeit seh ich die Alte gern.“), gibt sie zu erkennen, wie sie als Erzählerin über fast 400 Seiten ihre Späße mit allem und jedem getrieben hat. Hierin liegt das Programm des Romans.

Gleichwohl scheint es ihr mit der Parodie selbst ernst. Durchaus derbe und schmerzlos, dennoch niemals niveaulos, sondern mit metaphorischer Sprachkunst nimmt die Erzählerin sowohl allseits vertraute Themen der Komik wie Geschlechterklischees, Beziehungskonflikte oder stereotype Dorf- und Stadtcharaktere als auch zeitgenössische Trends und Diskurse wie die ‚politisch korrekte‘ Sprache oder den Habitus der Hipster-Weltenbummler-Ökos aufs Korn. Die allegorische Entlarvung aller scheinbarer Gewissheiten und Absolutismen, aller Dogmen und Wahrheitsansprüche ist hier System. Eckharts Roman strotzt vor Belesenheit und Bildung. Da bekommt Manns Roman „Buddenbrooks“ genauso sein Fett weg wie Fromms Theorie vom „Haben oder Sein“; da werden etwa Schopenhauers „Wille“ und Nietzsches Gottesspruch parodiert, die „Internationale“ verballhornt, Sokrates imitiert oder Motive des Barock neu arrangiert. Wenn die Erzählerin meint, dass „Wissen“ heutzutage „nicht mehr im Stich“ sei, dann geht sie selbst gegen diesen Umstand an. Und doch schießt sie zuweilen übers Ziel hinaus. Gesellen sich nämlich wie oft zu den Anspielungen und Zitaten auch noch unzählige Fach- und Fremdwörter, wirkt der Text zuweilen allzu aufgesetzt. Hier verdiente es die prätentiöse Erzählhaltung, selbst parodiert zu werden.

Zugegeben: Satire bedeutet immer wieder, einen schmalen Grat zwischen Belustigungen und Verletzungen der Menschenwürde ganzer Bevölkerungsgruppen zu beschreiten. Und nicht jede Satire kann sich davon freisprechen, bestimmten sozialen Gruppen unrecht zu tun. Es besteht jedoch ein Unterschied darin, ob ich etwa in einem politischen Pamphlet der eigenen einseitigen Weltanschauung Genüge tun will oder ob ich vermeintlich sichere Weltanschauungen allenthalben skeptisch begegne, indem ich sie parodiere. Die erste Form gründet in der Ideologie, die zweite kritisiert sie. Eckharts Roman persifliert absolut gesetzte Weltbilder, scheinbar letztendliche Wahrheiten und Klischees dadurch, dass ihre Erzählerin sie in eloquenter Überzeichnung und grotesker Verzerrung in ihren jeweiligen Konsequenzen offenlegt. So sticht einem sofort ins Auge, wie lächerlich ethnisch-religiöse Charakterzuschreibungen wie „der Deutsche“, „der Österreicher“ und „der Jude“ sind, wenn man allein nach diesen Kategorien die Welt beschreiben möchte, wie es die Erzählerin in der Mitte des ersten Teils ­– selbsterklärend ironisch – unternimmt. Gleich zu Beginn macht die Erzählerin belustigt darauf aufmerksam, dass bei aller Ambiguität der Welt manchen nur noch das Klischee sicheren Halt zu geben vermag.

Nicht weniger klischeehaft und absolut wirken abseits landläufiger komödiantischer Allgemeinplätze aber auch zeitgenössische Phänomene: Unter Beschuss geraten im Roman neben vielen anderen die Allgegenwärtigkeit der friedenverheißenden Regenbogenfahne, die zeitgenössischen Gleichheitsdogmen, die Heilsversprechen politischer Progressivität und der Siegeszug der Empfindung über die Tatsache. Bei aller scharfen Munition der Erzählerin erklärt der Roman die guten Absichten nicht für obsolet, sondern möchte vielmehr die Selbstgefälligkeit und den Eskapismus einiger Weltverbesserer zur Schau stellen. Auch wenn man zu den Parodierten zählen sollte, ist es angeraten, die genreeignen Merkmale der Überspitzung und Verzerrung nicht zu vergessen. Diese Lesart verschafft die nötige Distanz und bewahrt einen kühlen Kopf. Beides erlaubt doch erst ein eigenes kritisches Urteil über die verhandelten Themen. Womöglich entlarven wir uns dann selbst, wie wir die differenten Gegebenheiten der Welt ausblenden und unser Leben in allzu einfache Formeln packen. Oder wir reiben uns an Eckharts Parodien und erkennen dadurch die Notwendigkeit, für die Selbstbestimmung jedes einzelnen in der Gesellschaft stärker einzutreten. So oder so: Beides wäre ein Lesegewinn, kein Angriff.

So gut die Parodien zuweilen auch sein mögen, als Roman überzeugen sie allerdings nicht in Gänze. Der Text möchte ja eben keine Stand-up-Comedy sein und liest sich doch größtenteils so. Die verschiedenen Sequenzen sind oft ausladend und hängen mitunter nur lose zusammen. Alles, was die Erzählerin in ihre Finger bekommt, gerät unter die Räder der Satire. Diese unzähligen Binnenhandlungen und Seitenstränge zerfasern die eigentliche Erzählung. So taugt das Buch Eckharts als humoristische Fundgrube, aus der man sich immer wieder witzige bis beißende Episoden herausnehmen kann. Doch zu einem gelungen Roman fehlt der Erzählung Geschlossenheit und Stringenz, zu weitschweifig und zu aneinandergereiht wirken viele der Parodien und unerhörten Begebenheiten. So bleiben auch Leben der Omama und ihre Beziehung zur erzählenden Enkelin mitunter nur komisches Stückwerk.

Lisa Eckhart: Omama
Zsolnay 2020
384 Seiten / 24 Euro

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