„‚Gehirn…‘, sagten die Körperfresser immer wieder mit ihren toten Stimmen“– Lola Randl: Die Krone der Schöpfung

Von Matthias Fischli

Das Virus rast noch immer dahin und die Schriftsteller*innen hinken hinterher. Unter dem wachsamen Auge der Literaturkritik versuchten sie in den vergangenen Monaten, die Pandemie in den Griff zu bekommen, in Coronatagebüchern, -briefen und -blogs. Doxographen gleich hechelten sie der Flut an schon Gesagtem nach, dass das Virus mit sich spülte, während sie es aufzugreifen, zu ordnen und zu bändigen versuchten. Doch für eine zeitlose Erzählung von hoher literarischer Qualität waren sie viel zu nah am Zeitgeschehen, jeder Versuch musste scheitern. Und seien wir ehrlich: Wer will mitten in der Pandemie einen Coronaroman lesen? Die Filmregisseurin und Autorin Lola Randl hat das erkannt und sich dem Virus angepasst.

Die Menschen aus Die Krone der Schöpfung leben nicht im Paradies, sondern im brandenburgischen Gerswalde. Sie beobachten argwöhnisch, wie sich das Dorf mit Stadtflüchtigen füllt, die vor der Pandemie aufs Land fliehen. Eine der Dorfbewohner*innen ist die Erzählerin, die wir schon aus Der große Garten kennen, Randls vielgelobtem Debütroman. Auch das Personal ist dasselbe: ein Mann, ein Liebhaber, eine gärtnernde Mutter, einige Leute aus der Stadt, die das entvölkerte Dörfchen aus dessen Einsamkeit reißen, indem sie die alten Häuser mit Kinderlachen füllen. Kurz nach Ausbruch der Pandemie sind auch die letzten Zimmer und Wohnungen im Dorf belegt und im Haus der Erzählerin wird eine Homeschool für die Kinder eingerichtet.

Zu dieser Zeit ist sich die Erzählerin schon ganz sicher: Sie hat sich auf einem Filmfestival mit dem Virus angesteckt. „Mitten in der Nacht schlich ich in das Zimmer meiner Mutter und setzte mich etwas zu schwungvoll auf ihr Bett. Wenn sie sich nicht freiwillig in Quarantäne begab, musste ich sie am besten sofort anstecken.“ Schließlich waren jetzt ja noch alle Spitalbetten und Beatmungsgeräte frei. Am Filmfestival hat die Erzählerin sich auch einen neuen Schreibauftrag gesichert: Für Amazon will sie eine Zombieserie schreiben. Und während sie förmlich spürt, wie Erreger um Erreger den Hals runter in die Lunge tropft, schreibt sie an Honka, Bar des Vergessens: Eine Heldin namens Geraldine kommt von einer Wanderung zurück und findet ihr Dorf von Untoten bevölkert.

In kurzen Kapiteln mit sprechenden Titeln (wie schon im letzten Buch fein säuberlich in ein Register eingetragen, das dem Pandemiebuch einen enzyklopädischen Anstrich verpasst) gesellen sich zur Dorf- und zur Zombiegeschichte weitere Handlungsstränge hinzu: Die Erzählerin wagt Ausflüge in die Köpfe eines twitternden Präsidenten und einer Fernsehansagerin, die barfuß aus ihrem Studio flüchtet und in der Wildnis als mobile Selbstversorgerin lebt. Diese vier Handlungsstränge werden garniert mit biologischen, soziologischen und ökonomischen Ausführungen von größter Klarheit. Autofiktion (mehr zu diesem weit verbreiteten Phänomen lesen Sie hier), Wissenschaftsprosa und soziologische Studien vermengen sich in diesen vielen Binnenerzählungen zu einem Bild mit kräftigen Farben. Das unsichtbare Virus wird über seine Wirkung auf die Welt ex negativo fassbar und auf einen literarischen Detektor-Schirm gebannt.

Drei erzählerische Tricks machen Randls Werk zu einem spannenden literarischen Experiment. Nummer eins: Die Erzählstränge infizieren sich gegenseitig. Motive geraten von der Rahmenerzählung in die Binnenerzählungen und werden von dort weitervererbt. Es kommt zu einem Austausch von literarischer RNA. Das passiert zum Beispiel mit dem Bokashi: Dieser potente Saft, der aus luftabgeschloßenem und mit Mikroorganismen behandeltem Kompost austritt, kommt im Garten der Erzählerin zur Anwendung. Später findet Geraldine, die Zombiejägerin, durch Zufall heraus, dass ihre Untoten mit einem Spritzer Bokashi in erstklassige Gartenerde verwandelt werden können.

Nummer zwei: Die Erzählerin zähmt die Pandemie erzählerisch. Sie hält sich das Virus auf Abstand, indem sie ihre Erzählungen mit einer feinen Ironie durchwirkt. Diese Distanz ist zwingend notwendig, um wenigstens einen Anschein von Zeitlosigkeit zu erhalten. Der twitternde Präsident, der „auch ein bisschen hübsche“ Virologe und der zur Beruhigung Yoga verschreibende indische Premierminister versprühen in ihrer unaufdringlichen Anwesenheit eine homöopathische Dosis Komik.

Schließlich Nummer drei: Die Erzählhandlung dieses Romans kann sich jederzeit überall hin ausbreiten und sich laufend neue Erzählstränge erschließen. Die Mischung aus autofiktionalem Erzählen, Wissenschaftsjournalismus und sozialer Analyse führt zu einer starken Multiperspektivität und zu einer Überlagerung von Zeiten: Alles existiert gleichzeitig. Und alles passiert überall, breitet sich pandemisch aus.

Weil die Erzählerin überzeugt ist, dass potentiell alles Lebendige und Nichtlebendige vom Virus betroffen sein könnte, setzt sie Späher an allen Fronten ein. Es entstehen Erzählungen zu allen Kriegsschauplätzen. Dieser distanzierte Blick auf das Unbegreifliche ist eine Stärke und zugleich eine Schwäche des Buches. Er führt nämlich dazu, dass einzelne Erzählstränge blass bleiben: Die Erzählung vom twitternden Präsidenten und der barfuß flüchtenden Fernsehmoderatorin sind scharfsinnig aufgezogen, erhalten aber zu wenig Raum, sich zu entfalten. Auch die Zombiegeschichte bleibt schwach: Sie ist eine zur Kenntlichkeit zusammengeschrumpfte Kurzversion von The Walking Dead, die an einer Stelle sogar zum Softporno ausartet. Hier geht das Virus, das mutmaßlich von der Erzählerin Besitz ergriffen hat, mit ihr durch und steuert sie wie ein Leberegel seine Wirtin.

Ebendiesem Leberegel ist im Buch ein kurzes Portrait von solcher Schönheit gewidmet, wie es ihm wohl nie wieder in der Geschichte der Menschheit zuteil werden wird. Daraus können wir schließen: Randls Leistungen liegen in ihrem jüngsten Roman bei einigen sehr gelungenen Bildern und bei den erzählerischen Experimenten. Sie hat vom Virus gelernt und sich ihm angepasst. Das macht ihr Buch zum besten Coronaroman bisher. Mit Blick auf einzelne allzu farblose Erzählstränge möchte man von diesem Büchlein aber fordern, was man sonst niemals wünschen würde: einen etwas weniger milden Verlauf.


Lola Randl: Die Krone der Schöpfung
Matthes & Seitz 2020
214 Seiten / 18 Euro

Foto: Yohann LIBOT / unsplash.com

2 Kommentare zu „„‚Gehirn…‘, sagten die Körperfresser immer wieder mit ihren toten Stimmen“– Lola Randl: Die Krone der Schöpfung

  1. Gerade gestern habe ich in unserer umständehalber sehr kleinen Tafelrunde gesagt, dass ich weder im nächsten, noch im übernächsten Jahr einen Corona-Roman lesen möchte. Wenn es denn eine Pandemie sein muss, dann lieber eine Geschichte vor dem Hintergrund der Spanischen Grippe. Ich bin nämlich nicht dafür, das Schriftsteller*innen der Aktualität hinterherhinken. Sie sollten – denke ich – erst gar nicht versuchen mit ihr Schritt zu halten. Das ist Aufgabe derer, die dokumentieren. Tagebücher? Unbedingt! Sachbücher? Na klar! Aber bitte keine Romane über Unverdautes mit ungewissem Ausgang.
    Und nun wird mir hier ein Corona-Roman (tatsächlich!) schmackhaft gemacht. Ich gucke mal, ob ich irgendwo reinschauen kann.

    Gefällt 1 Person

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