Blues in Dur – Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

Von Florian Wernicke

Dass das Leben nur in der Rückschau verstanden und nur mit Blick nach Vorn gelebt werden kann, lehrte uns Søren Kierkegaard. Die ‚Unschärfe der Welt‘, der neue Roman von Iris Wolff, ist Bericht, Biografie, Einsicht und Aussicht zugleich und erfreut mit großartiger Sprachschönheit.

In ihrem neuen Buch erzählt Iris Wolff die Geschichte einer Familie, die im rumänischen Teil des Banat ihren Ausgang nimmt und in der Urbanität Südwestdeutschlands endet. In sieben Kapiteln lenkt die Autorin den Blick auf sieben ineinandergreifende Generationengeschichten, die allesamt auch mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts verwoben sind. Sie erzählen von der Hoffnung im Anschluss an den zweiten Weltkrieg, von Trauer und von der Willkür der rumänischen Staatsicherheit, dem Niedergang des Ostblocks, Flucht, Aufbruch und Wiederkehr und stellen die Verbundenheit menschlicher Existenzen in den Mittelpunkt. Die von Iris Wolff gezeichneten Figuren sind Teil der sie umgebenden und doch viel eher Träger der eigenen, stark und liebevoll aufeinander bezogenen Geschichte, die ohne Helden auskommt und durch ihre Zurückhaltung besticht. 

Hannes, der als evangelischer Pfarrer eine Stelle in einem kleineren Ort antritt und seine Frau Florentine bilden den Ausgang der Erzählung. Nach zwei Fehlgeburten bringt Florentine einen Sohn zur Welt – Samuel. Er ist ein stilles Kind, ebenso schweigsam und ruhig wie seine Mutter. Eine Stille, die beide für immer verbinden soll, Teil ihrer Wesen ist und sich wie ein Fingerabdruck dieses Buches liest. Diese ausdrucksstarke, genügsame und zugleich einfühlsame Stille durchzieht das gesamte Buch, verbindet Mutter und Sohn, stiftet Freundschaft und Liebe in beider Leben. Von hier aus setzt sich die generational gestaffelte Geschichte fort.

Die Sprache der Autorin fügt sich in die klagvolle Stille. Bildreich, mit tiefer menschlicher Wärme und einer poetischen Sprache, die nichts beschönigt und nichts verdeckt, kleidet Wolff die Beziehungen ihrer Charaktere in landschaftsartige Beschreibungen, verwebt Schicksale mit leisen Geräuschen von Wasser, Wind und Gerüchen jener Orte an denen auch sie selbst als Kind lebte. Wiederkehrend wirken Flüsse und das Meer als Symbole für Aufbruch, Wunsch und das Ertrinken von Träumen; bietet die Gesellschaft von Schafen Schutz vor der Welt und spendet Wärme. Eine Sprache, die ihre Charaktere behutsam verpackt und sie beschützt vor den Witterungen der Geschichte und ihrer Mitmenschen. So finden die Aufregung einer noch jungen, unsicheren Liebe ihren Ausdruck in der Bewegung einer Raupe auf dem Wannenrand und dem Heben eines Schmetterlings aus dem Badezuber.

„Jeder Mensch sollte mit einer Gebrauchsanweisung auf die Welt kommen, einem Waschzettel, der einem selbst grob, nur ganz grob, die Richtung wies und anderen Hinweise zur Pflege gab.“ Es sind Sätze wie dieser, die das Buch lebendig machen. Die Protagonisten werden auch unter den vielen lyrischen Umschreibungen keineswegs unscharf. Im Gegenteil: Die Bilder und Attribute, das Schweigen, Wasser und die Schwere des Schnees zeichnen zugleich Umgebung und Charakter eines jeden Einzelnen.

Aber es ist nicht nur diese Schönheit der Sprache, die das Buch besonders macht. Die Unschärfe der Welt ist eine Einladung. Eine Einladung, ihren „sich auf unbeirrbare Weise selbst“ genügsamen Figuren, zu folgen, mit ihnen zu altern, zu lieben, ins Leben zu schauen und ihren immer wieder aufeinander zutreibenden Bewegungen zu folgen. Eine Einladung, die man nicht leichtfertig ausspricht oder annimmt, wie zu einem Kneipenabend. Sie ist intimer, zurückhaltender und von großzügiger Wärme. Eine Gastfreundschaft, die Iris Wolff auch außerhalb dieser 213 Seiten mit Leben zu füllen weiß: Ich erinnere mich gut an eine Lesung mit der Autorin vor einigen Jahren. Sie sprach darin über Ihre Kindheit, über die Menschen, die sie begleiteten und darüber, wie gefeiert, geraucht, getrauert und gelebt wurde. Dazu servierte sie ihren Gästen im Literaturhaus einen Schnaps – einfach gut.

Mit ihrem Roman verschafft Iris Wolff ihren Lesern einen liebevollen, sprachschönen und ganz und gar nicht unscharfen Einblick in die Geschichte einer Familie im rumänischen Teil des Banats, der spätestens mit deren Ankunft in Deutschland auch von Differenzerfahrungen und dem eigenen Erleben als „Anderer“ geprägt ist, in der sich die wiederkehrende Frage ausbreitet, was Heimat bedeuten kann: „Was meinst Du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?, fragte Florentine.“

„Das, was verschwunden war, musste wieder auftauchen. Und wer, außer einer Zauberin, konnte dafür sorgen, dass die Dinge nicht verloren gingen?“ Mit Die Unschärfe der Welt präsentiert Iris Wolff keinen billigen Münztrick. Viel eher hat sie es verstanden, die Schwere der Zeit und die Komplexität menschlicher Beziehungen in Einklang zu bringen und dabei auf den lauten Gestus heutiger noise and news zu verzichten. 


Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt
Klett-Cotta 2020
213 Seiten / 20 Euro

Foto: danleica48 / pixabay.com

2 Kommentare zu „Blues in Dur – Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

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